Narcelias Tagebuch Band 1: Barovia
12. Juni 967
Thomas brachte mir heute einen Aushang der Gilde mit, auf dem ein Auftrag zur Verteidigung von Cintrama ausgeschrieben war. Sie befürchten einen Angriff des Melianischen Imperiums. Über die Bezahlung ist nicht zu klagen: Sie versprechen 25 Goldmünzen im Voraus und weitere 75 Goldmünzen, wenn die Schlacht gewonnen ist. Wir werden heute Abend in der Taverne noch einmal genau beraten, wie wir weiter vorgehen.
23. Juni 967
Wir sind nun schon zehn Tage unterwegs und kamen am frühen Nachmittag in Brückenheim an. Da davon auszugehen war, dass wir, wenn wir weiterziehen, keine Taverne mehr für die Nacht erreichen würden, entschieden wir uns, hier zu bleiben und erst morgen wieder aufzubrechen. Wir erkundeten noch ein wenig die Stadt und suchten uns dann eine Bleibe. Doch nach einiger Zeit sagte er, er müsse noch etwas erledigen, und brach ohne ein weiteres Wort auf.
Auch wenn ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann, durchzuckt es mich in solchen Situationen immer wieder schmerzhaft, und ich rechne mit dem Schlimmsten. Und auch dieses Mal war meine Sorge unbegründet, denn nach zwei Stunden war er wieder da und zeigte mir, was er besorgt hatte. Es war ein Magierbeutel für meine Zauberutensilien, von zwergischer Machart. Ich hatte ihn schon oft mit meinen Ausführungen über die Technik und Kultur der Zwerge stundenlang unter Beschlag genommen, doch er hörte mir stets aufmerksam zu. In dem Moment fiel mir zum ersten Mal auf, wie stark er mit seiner Narbe auf der rechten Wange wirkt.
26. Juni 967
Noch einen Tagesmarsch bis Sertas. Heute haben wir einen Händler getroffen, dessen Wagen liegen geblieben war. Ich wollte eigentlich einfach weiter, aber Thomas wollte ihm helfen. So brauchten wir etwa eine Stunde, um das Rad erneut am Wagen zu montieren. Das zwang uns dazu, an einem kleinen Waldstück unser Nachtlager aufzuschlagen, da er im Dunkeln nichts sehen kann und auch die ganze Nacht schlafen muss. Immerhin hat er zum Abschluss noch einen stattlichen Hirsch geschossen, den er tief im Wald erspäht und auf über 100 Meter Entfernung erlegt hatte.
Nun sitze ich hier auf dem kalten Waldboden, halte Augen und Ohren offen, schreibe Tagebuch und lese in meinen Büchern. Menschen sind mit ihrem Schlaf einfach so ineffizient.
30.Juni 967
Heute übernachten wir in der Scheune eines kleinen Gehöfts. Der Bauer war so großzügig, uns kostenlos hier übernachten zu lassen, und bot uns sogar etwas zu essen an. Ich war überzeugt, er würde dafür eine Gegenleistung verlangen, aber zu meiner Überraschung war dem nicht so.
Schließlich stellte er uns noch seine Familie vor: seine Frau und seine beiden Töchter, eine 15-Jährige und Aviana, 17 (so alt wie Thomas). Da erkannte ich seine Intentionen: Er wollte, dass eine von ihnen Thomas heiratet und er somit eine Altersvorsorge hat. Und ich verachte es, wie Aviana Thomas schöne Augen macht und mit ihrem blonden Haar spielt, als würde niemand ihr Spiel durchschauen. Womit sie scheinbar nicht ganz falsch liegt, denn Thomas hat davon nichts gemerkt und meinte nur, ich solle nicht immer in allem das Schlechteste sehen.
2. August 967
Endlich sind wir in Cintrama angekommen und können uns ein richtiges Bad gönnen. Es tut unfassbar gut, den Schmutz von der Straße endlich loszuwerden und sich nicht nur im Fluss zu waschen. Allerdings haben wir beim Verlassen des Badehauses schon die „charmanten“ Bewohner dieser Stadt angetroffen. Ein widerlicher Händler rief mir vor dem Badehaus zu: „Hey Hörnchen, für eine wie dich habe ich immer ein paar Münzen locker, wie sieht’s aus?“ Die Wut brach aus mir hervor, und ich verfluchte ihn auf infernalisch, was direkt alle Aufmerksamkeit auf mich lenkte. Als Thomas ihm schließlich eine kräftige Kopfnuss verpasste und sich etwas Chaos ausbreitete, konnten wir uns davonmachen. Ohne unseren Status als benötigte Söldner wären wir allerdings heute schon wieder aus der Stadt verwiesen worden.
5. August 967
Heute ist wohl der Tag der Schlacht. Die Späher haben die Truppen des Imperiums ausgemacht, welche uns in ein paar Stunden erreichen werden. Wir wurden zu einer 5er-Einheit zugeteilt, mit mir als Anführerin. Thomas hilft schon den ganzen Tag dabei, die Verteidigung zu organisieren, und ich bin erstaunt, wie erwachsen er mit seinen 17 Jahren bereits ist.
Meiner Ansicht nach ist die Stadt viel zu schlecht aufgestellt, um einem gut geplanten Angriff standzuhalten, insbesondere da, seit der König und der Hofstaat ermordet wurden, keiner mehr weiß, was alles zu tun ist. Auf jeden Fall werde ich Thomas gleich noch einbleuen, dass wir nicht für diese Stadt sterben werden. Er ist zwar meistens sehr vernünftig, lässt sich aber gelegentlich zu Heldentaten hinreißen.
Tag 0
Ich bin erwacht. Zum ersten Mal, seit ich ein kleines Kind war, habe ich wirklich geschlafen. Mein Körper hat sich verändert, ich bin irgendwie anders. Meine Haare sind gewachsen, als wären Jahre vergangen. Ich höre leise Stimmen, die von den Toten säuseln und ein konstantes Rauschen in meinen Gedanken erzeugen. Ich fühle mich stärker, als wäre eine neue Macht in mir erwacht – eine dunkle Macht. Doch seltsamerweise macht mir das weniger Angst, als es sollte.
Ich versuche, mich an alles zu erinnern, was seit Beginn der Schlacht geschehen ist, doch es fällt mir schwer, alles in Worte zu fassen und in die richtige Reihenfolge zu bringen. Ich kann weder sagen, welchen Tag wir haben, noch welches Jahr. Es scheint, als wäre ich in einer anderen Welt.
***
Die Schlacht begann unerwartet früh mit einem Durchbruch des Südwesttores. Wir wurden von unserem Posten als Verstärkung dorthin beordert. Wir liefen über den Wehrgang, bis dieser von Trümmern versperrt war, von da an ging es durch die Straßen. Auf Höhe der Magiergilde hatten wir schließlich Feindkontakt. Ihre Einheit aus drei Kämpfern besiegten wir mühelos, auch wenn Thomas dabei einen Pfeil in die Schulter bekam. Meine letzte Erinnerung an ihn ist sein verschmitztes Grinsen, als ich ihn nach seiner Verletzung fragte – und der daraufhin herabschnellende Hammerkopf, der ihn zu einer blutenden Pfütze zermatschte.
Ich spürte eine unerträgliche Hitze und eine Gestalt hinter mir. Ich versuchte zu fliehen, doch beim ersten Wurf des metergroßen Hammers, der die drei anderen unseres Trupps zerfetzte, wurde ich von der Wucht des Aufpralls von den Beinen gerissen. Ich versuchte aufzustehen, um mein Leben zu rennen, doch es packte mich und hob mich an meinem Bein hoch. In diesem Moment fühlte ich mich unendlich hilflos. Zu meinem Schreck hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, die mich als lästiges Insekt bezeichnete.
Die Gestalt drehte mich zu sich herum, und ich sah zum ersten Mal, was mich gepackt hielt: ein Riese, circa 15 Meter groß, der zwei Hämmer bei sich trug und von innen heraus zu brennen schien. Ich fühlte die Hitze, als stünde ich zu dicht an einem gigantischen Ofen. Dann schmetterte es mich mit einer Kraft zu Boden, die mir sämtliche Knochen brach. Von der linken Schulter über die meisten Rippen bis hin zu meinem Becken und beiden Beinen war alles zerschmettert. Er ging unbekümmert weiter, während er freudig die Häuser und deren Bewohner um mich herum zertrümmerte. Schließlich kam er auf mich zu, und als sein gigantischer Fuß begann, immer stärker auf mich zu drücken, wurde alles schwarz. (Notiz: Mittlerweile weiß ich, dass es sich um einen Brandok handelte.)
***
Genau dieser Anblick war es auch, der mich heute aus meinem Schlaf hochschrecken ließ. Doch das war seltsamerweise nicht mein Ende. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist ein einsames Tor im weißen Nichts. Ich wollte darauf zugehen, doch ich begann, in den Boden einzusinken, und es schmerzte wie tausende Nadeln. Ich wollte mich wehren, doch es gelang mir nicht, und so versank ich vollkommen.
Danach war ich plötzlich woanders: ein Raum, bedeckt mit Leichen, Knochen und Gedärm. Ich konnte mich nicht bewegen, war wie gefesselt und konnte nur nach unten sehen. Als ich versuchte, meinen Kopf zu heben, wurde er sofort wieder nach unten gedrückt, und eine Stimme in meinem Kopf sagte mir, ich dürfe nur eine Frage stellen. Auf meine Frage, wo ich sei, bekam ich nur die kryptische Antwort: „In meiner Ebene.“ Dann wurde ich gefragt, was ich wolle. Ich sagte, dass ich leben will und bereit bin, alles dafür zu tun. Es vergingen Sekunden, Minuten oder gar Stunden der Stille. Dann murmelte die Stimme etwas, und ich begann wieder zu versinken, diesmal ohne Schmerzen.
Nun befand ich mich an einer Brücke über einem tiefen Abgrund. Auf der anderen Seite zog mich ein Licht zu sich. Als ich meinen Fuß auf die Brücke setzte, wurde er darauf gepresst, als lägen endlose Gewichte darauf. Ich wollte laufen, doch es war nicht möglich. Ich fiel, kroch und kämpfte mich weiter vor. Stück für Stück zwang ich meinen Körper nach vorn. Jeder Millimeter war hart erkämpft, jeder schwerer als der zuvor. Je weiter ich kam, desto unerträglicher wurden die Schmerzen. Es schien, als seien Jahre vergangen, während ich mich langsam vorwärtszog. Ein unbändiger, lähmender Hunger machte sich in mir breit, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Meine immer länger werdenden Haare rissen mit gigantischem Gewicht an meinem Kopf.
Ich konnte bereits die schmalste Stelle der Brücke ausmachen, die die Mitte der Schlucht markierte. Also zog ich und zog, bis ich sie erreicht hatte. Plötzlich wurden aus Bruchteilen eines Millimeters pro Zug wieder halbe, dann ganze, und ich schöpfte Hoffnung. So schleppte ich meinen Körper über die Schlucht und erreichte endlich die andere Seite. Ich ging zu dem Licht, und es umschloss mich. In dem Moment, in dem ich es berührt hätte, wurde es wieder schwarz um mich herum.
***
Ich spürte, dass die Luft um mich realer war, dass ich wieder echt war. Ich öffnete meine Augen und fand mich in einem Wald wieder. Aus der Ferne hörte ich Stimmen und machte mich sogleich auf, um nachzusehen. Es war eine Gruppe Reisender. Ich hielt sie für ungefährlich und zeigte mich ihnen. Es schien, als hätten sie mich erwartet, denn sie begrüßten mich, als wäre ich zu einem vereinbarten Termin erschienen.
Der Mann, der mich ans Lager bat, heißt Stanimir. Er erzählte mir eine Geschichte über einen verwundeten Krieger, den sie einst aufnahmen und gesund pflegten. Dieser entpuppte sich als Prinz, Strahd von Zarovich, der ihnen aus Dankbarkeit gestattete, sein Reich jederzeit zu verlassen und zu betreten. Doch als sein Vater starb, wollte er ihn übertreffen und führte einen blutigen Krieg, bis er seine letzten Feinde in einem abgelegenen Bergdorf einkesselte und allesamt abschlachtete. So nannte er sein Reich Barovia, nach seinem Vater, König Barov. Doch er veränderte sich und ist inzwischen zu einem blutrünstigen Monster geworden.
Stanimir bittet mich, mit ihnen zu kommen, und weigert sich, meine Fragen zu beantworten. Er sagt, Madame Eva habe alle Antworten, die ich suche. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als mitzugehen. Nach einem Teller Eintopf, den ich hastig verschlang, legte ich mich hin, um zu rasten. Obwohl ich versuchte, wachsam zu bleiben, schlief ich, von Erschöpfung überwältigt, zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt.
Nun, da die Reisenden, die mich zu Eva und meinen Antworten führen, das Lager abbauen, schreibe ich alles auf, was ich noch weiß, in der Hoffnung, eines Tages zurückkehren zu können oder zu verstehen, was hier geschehen ist.
Tag 1
Das Land, in dem ich mich befinde, ist gefährlich. Als wir heute Morgen aufbrachen, zogen wir durch einen Wald, in dem ein unnatürlicher Nebel hing. Er öffnete sich vor uns und schloss sich danach gleich wieder, als sei er lebendig. Wir passierten ein Tor, das sich magisch öffnete und schloss. Keine Wachen, unnatürliche Stille. Ich fragte, was es mit dem Tor auf sich hat, und Stanimirs Antwort traf mich wie ein Blitz: „Ich sagte doch nur, wir können das Land verlassen und betreten.“ Mir wurde schlagartig heiß, als ich die Wut in mir aufsteigen spürte. Ich bin hereingelegt worden. Ich wusste, es ist gefährlich, Fremden zu vertrauen, und kaum halte ich mich einmal nicht an meine eigene Regel, passiert so etwas. Jetzt haben sie mich in der Hand. Bis ich eine andere Möglichkeit finde, hier herauszukommen, muss ich erst einmal mitspielen.
Wir passierten ein Dorf – Barovia, wie das gesamte Land. Es schien verlassen, kein einziger Bewohner auf den Straßen, doch in manchen Fenstern war Licht zu erkennen. Nachdem wir das Dorf hinter uns gelassen hatten, überquerten wir einen Fluss, bogen an einer Gabelung rechts auf einen schlammigen Pfad ab und trafen nach einiger Zeit auf ein Lager. Es sah aus, als wäre es von Zirkusdarstellern aufgeschlagen worden: vier Wagen, die im Karree um ein seltsames Zelt standen.
Ich wurde zu Madame Eva ins Zelt geschickt. Sie begann mit ihrer Weissagung. Zuerst sagte sie mir, ich wäre eine „Berührte“ von Vecna, so wie Strahd. Was genau das bedeutet, bekam ich nicht aus ihr heraus. Sie legte mir fünf Karten: drei sollen mich zu magischen Gegenständen führen, eine zu einem Verbündeten und die letzte zu meinem Feind.
Der Verräter: Sucht nach einer wohlhabenden Frau, treue Verbündete des Teufels. Den Schatz hat sie bei den Gebeinen eines alten Feindes unter Verschluss gehalten.
Der Bettler: Ein verwundeter Elf trennt sich von dem Schatz, um seine dunklen Träume erfüllt zu sehen.
Der Weissager: Schaut zu derjenigen, die alles sieht. Der Schatz ist in ihrem Lager versteckt.
Sie überreichte mir das „Sonnenschwert“ – ein Griff eines Langschwerts mit breitem Heft, jedoch ohne echte Klinge. An ihrer Statt erstrahlt eine Klinge aus hellem Licht. Wenn ich sie in meinen Händen halte, überkommt mich ein unnatürlicher Hass auf Strahd. Wie diese Klinge mir helfen soll, ist mir ein Rätsel. Schließlich kann ich sie überhaupt nicht führen.
Der Feind des Feindes: Such nach einem jungen Mann, der von Sorgen geplagt und von Reichtum und Wahnsinn umgeben ist. Sein Zuhause ist sein Gefängnis.
Der Feind: Er lauert in einer Halle aus Knochen in der dunklen Grube seiner Burg.
Die letzte Weissagung war offensichtlich, da das Schloss von weither zu sehen ist und allgemein bekannt ist, wem es gehört. Zum Schluss gab Eva mir noch den Rat, nach Barovia zu gehen, und schickte mich hinaus. Aus Mangel an Alternativen und mit meinem geringen Wissen über diese Welt beschloss ich, ihrem Rat zu folgen.
***
Als ich das Dorf erreichte, waren nach wie vor keine Bewohner zu sehen, und alle Läden waren geschlossen. Ich hörte ein Wimmern und folgte ihm, bis ich ein großes Herrenhaus vorfand, vor dem zwei Kinder standen. Sie erzählten mir, dass ein Monster im Keller sei, das von den Eltern in Schach gehalten werde, und im dritten Stock noch ein Baby liege.
Als ich das Haus betrat, schien das Essen noch frisch zu sein und die Feuer brannten, doch die Einrichtung war von Spinnweben übersät. Ich erkundete die Räume und fand wertvollen Schmuck, eine Bibliothek voller wertvoller Bücher sowie ein Buch über dunkle Rituale zum Beschwören von Dämonen. Zudem fand ich ein Testament der Familie Durst, der das Haus gehörte, sowie die Besitzurkunde des Hauses und einer Mühle.
Zum ersten Mal lernte ich, was es heißt, eine „Berührte“ zu sein. Als ich mich einem Skelett näherte, spürte ich den Drang, einen Teil meiner Essenz in es fließen zu lassen. Als ich dem nachgab, wurde das Skelett belebt, und ich konnte ihm intuitiv Befehle geben. Es hielt einen Brief von Strahd an seinen Diener fest, in dem er diesen verschmäht. Weiter oben im Haus traf ich auf eine belebte Rüstung, die mein Skelett zerschmetterte. Ich konnte jedoch flüchten und das Konstrukt schließlich besiegen.
Nach diesem Sieg fühlte ich mich zu sicher – ein gefährlicher Fehler. Ohne eine Kreatur unter meiner Kontrolle ging ich in den Raum, aus dem die Babygeräusche kamen. Als ich mich einer Wiege näherte, tauchte plötzlich ein Specter auf und griff mich an. Ich versuchte zu fliehen, doch die Tür schloss sich jedes Mal wie von Geisterhand wieder. Mit einer Donnerwoge konnte ich ihn zunächst auf Distanz halten, doch er erreichte mich bald. Als er mir meine Lebenskraft entzog, fühlte ich erneut die Kälte des Todes in mir aufsteigen. Glücklicherweise konnte ich ihn mit einer weiteren Donnerwoge auslöschen und mit meinen neuen Kräften seine Essenz wieder in die Welt zwingen – dieses Mal unter meiner Kontrolle.
Ich untersuchte die Krippe und fand ein Bündel Laken, von dem die Schreie ausgingen. Als ich sie auswickelte, hörten die Schreie auf. Von einem Baby fehlte jede Spur. Hinter einem Spiegel fand ich einen Gang, der auf den Dachboden führte. Dort entdeckte ich ein Kinderzimmer mit zwei kleinen Leichen – die Skelette der Kinder, die mir vor dem Haus begegnet waren. Als ich ein Puppenhaus berührte, erschien das Mädchen und schrie mich an, die Finger davon zu lassen.
In einem anderen Raum fand ich die sterblichen Überreste meines Specters. Er muss eines der Opfer der grausamen Rituale der Familie Durst gewesen sein. Ich entdeckte auch einen Mechanismus, der einen Geheimgang in den Keller öffnete. Als ich einen dunklen Raum betreten wollte, schrie das Mädchen mich an, nicht hineinzugehen, flog auf mich zu und verschwand in mir. Im Kinderzimmer berührte mich der Junge und verschwand ebenfalls in mir. Eine überwältigende Angst überkam mich. Ich hatte das Gefühl, aus jeder dunklen Ecke beobachtet zu werden. Obwohl ich in finsterster Nacht gut sehen kann, wurde die Dunkelheit unerträglich. Ich nahm eine Wandfackel als Lichtquelle, beschwor einen Vertrauten und betrat das dunkle Zimmer. Die dort befindliche Puppe war zwar gruselig, aber ungefährlich. In einem Spiegel sah ich die beiden Kindergeister an meiner Seite, sich fest an mich klammernd. Das Sonnenschwert erwies sich als extravagante Fackel; sein wahrer Zweck bleibt mir verborgen.
Ich betrat den Geheimgang und gelangte in die Katakomben. Nach einem kurzen Kampf mit einem Rattenschwarm – ich hasse Ratten – fand ich einen Aufenthaltsraum und vier kleine Truhen mit rostigen Schlössern. Eine konnte ich öffnen und fand einige Münzen. Bei der nächsten verlor ich die Geduld. Mit einem mächtigen Feuerpfeil verbrannte ich die verdammte Truhe mitsamt Inhalt zu Asche. Wut ist wohl doch eine Quelle für stärkere Zauberkraft. Die anderen Truhen stapelte ich, bis ich eine bessere Möglichkeit zum Öffnen finde.
Kurz darauf hörte ich Untote. Mein Vertrauter spähte vier Guhle aus. Ein Kampf war unvermeidlich. Ich griff an, doch meine Taktik war weniger erfolgreich als bei der Rüstung, und ich musste meinen Specter zurücklassen und fliehen. Oben an der Treppe angekommen, wollten meine Beine nicht mehr weitergehen. Die Kinder gaben mir zu verstehen, dass ich erst wieder herauskomme, wenn ich ihren Eltern geholfen habe. Mein Versuch, sie davon zu überzeugen, dass ihre Eltern sie eingesperrt und verhungern lassen hatten, scheiterte.
Eine kurze Rast war mir nicht vergönnt, da schon bald einer der Guhle nach oben kam. Mit einem einzigen Zauber war der verletzte Gegner besiegt, und mir riss endgültig der Geduldsfaden. Ich schrie und tobte, löschte alles Licht und schwor ihnen, dass sie nie wieder Licht sehen würden, wenn sie mich nicht in Ruhe ließen. Beim Jungen funktionierte es; er stürmte heulend davon. Das Mädchen blieb hartnäckig, doch ich konzentrierte meine arkane Macht darauf, sie auszutreiben, was mir schließlich gelang.
Ich verschloss den Geheimgang und rannte los, bloß weg von diesem verfluchten Haus. An der Eingangstür musste ich ernüchternd feststellen, dass sie zugemauert war. Alle Türen und Fenster, die nach draußen führen, sind mit einer Mauer versiegelt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich den Gefahren im Keller zu stellen. Schon wieder bin ich zum Spielball anderer geworden, und schon wieder hasse ich es, dass ich es so weit habe kommen lassen.
Jetzt habe ich mir ein Zimmer im Erdgeschoss gesucht, in dem ich rasten kann. Die Kämpfe haben mich mitgenommen. Vielleicht entdecke ich in den Büchern hier etwas Nützliches über die Monster dieser Welt. Thomas hätte das nie gekonnt. Er wäre hier drin verrückt geworden. Aber die Schwäche des Schlafs habe ich ja glücklicherweise nicht.
Tag 2
Nach meiner Rast sollte ich mich eigentlich ausgeruht fühlen, doch heute war es anders. Ich fühlte mich extrem unwohl in diesem Haus und dachte ständig, es würde sich bewegen. Immerhin konnte ich meine Zauberkraft wieder auffrischen, also machte ich mich daran, den Keller zu säubern. Ich erweckte den Guhl wieder, der noch immer tot am oberen Ende der Treppe lag.
Es folgte ein langer und sehr schwerer Kampf gegen die übrigen vier Guhle, bei dem ich erneut zur Flucht die Treppe hinauf gezwungen wurde und beinahe gestorben wäre. Am Ende schleppte ich mich zurück in den Jagdraum im Erdgeschoss. Ich habe gewonnen, bin aber unfassbar knapp mit dem Leben davongekommen. Warum der Guhl mich nicht gefressen hat, als ich bewegungsunfähig vor ihm lag, ist mir ein Rätsel. Es hat wohl etwas damit zu tun, dass ich eine „Berührte“ bin. Von meinen Wunden und dem vielen Zaubern bin ich jetzt zu erschöpft, um weiter zu erkunden. Ich lege eine weitere Rast in diesem verfluchten Haus ein.
Tag 3
Ich bin endlich frei, nicht länger im Durst-Anwesen gefangen. Heute Morgen, nach einer weiteren schlechten Nachtruhe, brach ich voller Entschlossenheit wieder in die Katakomben auf. Mit Hilfe meines Begleiters erkundete ich die verwinkelten Gänge und fand neben einigen Edelsteinen auch eine große Truhe voller Schätze: Heiltränke, ein Alchemistenfeuer und ein Zauberbuch mit Sprüchen, die ich noch nicht kannte – Magisches Geschoss (der Lieblingszauber von Silviticus), Dunkelsicht (für mich nutzlos), Magische Waffe und Unsichtbarkeit (wird bestimmt noch nützlich).
Als ich weitergehen wollte, fiel mir eine unscheinbare Truhe in der Ecke ins Auge. Nachdem ich so viel Beute gemacht hatte, wirkte sie verlockend. Doch beim Berühren wurde mir klar, dass dies keine gewöhnliche Truhe war, sondern etwas Lebendiges. Meine Hände klebten fest, und mein Versuch, mich loszureißen, scheiterte kläglich. Geistesgegenwärtig wirkte ich Schockgriff – der Zauber wird wohl zu meinem Markenzeichen –, und die Mimik ließ mich los. Ich rannte abermals davon. Der Guhl, den ich als Leibwächter dabeihatte, hielt sie in Schach, während ich aus sicherer Entfernung meinen Vertrauten, der die Gestalt einer Eule hatte, immer wieder zum Angriff lenkte.
Nachdem mein Guhl verschlungen wurde, setzte ich die Plänkler-Taktik mit meiner agileren Eule fort und verwundete die Mimik Stück für Stück, bis sie ihren Verletzungen erlag. Ihr Körper sonderte eine Pfütze aus Säure ab, doch ich wollte sie wiederbeleben. Ich gab dem Impuls nach und belebte sie wieder, damit sie mir diene und mich schütze. Bei dem Gedanken an Schutz kam mir ein Geistesblitz, inspiriert von Geschichten, dass sich Mimiks als Rüstungen tarnen. Ich verbrachte etwa eine Stunde damit, die Mimik so zu trainieren, dass sie sich in eine Rüstung verwandelt, die ich tragen kann.
Es war eine wunderschöne Rüstung, wie man sie aus den Geschichten großer Krieger kennt: gebürsteter Stahl, ineinander übergehende Elemente, die Spalten von überlappenden Zierstacheln bedeckt und von innen mit gepolstertem Leder ausgekleidet. An den Schultern waren Edelsteine zur Zierde angebracht, die sich bei genauerem Hinsehen als die Augen der Mimik herausstellten. Zufrieden begann ich, die Rüstung anzulegen. Als ich in die Beine der Rüstung schlüpfte, spürte ich die schleimige Substanz der Mimik auf mir, in die mein Fuß immer tiefer einsank. Fühler, die über mein Bein strichen wie die Finger eines lüsternen Betrunkenen, jagten mir einen Schauer den Rücken hinunter. Es war äußerst unangenehm und kostete viel Überwindung. Ich hätte es wohl niemals durchgezogen, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich die Kontrolle über die Mimik habe. So nahm ich allen Mut zusammen und schlüpfte in den Brustpanzer. Wieder der Schleim, wieder die fingerartigen Fortsätze. Als ich schließlich alles angelegt hatte, richtete ich meine Haare und stellte überrascht fest, dass kein Schleim zurückgeblieben war. Die Mimik ist wohl in der Lage, diesen vollständig zu kontrollieren.
***
So gerüstet wagte ich mich weiter und fand eine Kammer mit einer Statue von einem Mann und seinem Hund, der eine Kristallkugel hielt. In der Gruft waren Totengesänge zu hören, die von der Kugel auszugehen schienen. Ein ungutes Gefühl und Furcht überkamen mich, und ich ließ mich dazu hinreißen, die Kugel mit einem Feuerpfeil zu beschießen. Im Rückblick wieder einmal keine gute Idee, meine Probleme mit einem Feuerpfeil zu lösen. Die Kugel fiel der Statue aus der Hand und zersprang. Schwarze Rauchschwaden stiegen auf, und fünf schemenhafte Gestalten erschienen. Die Wände ächzten, Geröllbrocken fielen, und zeitgleich griffen die Geister mich an.
Schon die ersten Treffer, die die Mimik als meine Rüstung absorbierte, hätten mich problemlos getötet. So konnte ich sie mit einer Donnerwoge von mir wegstoßen und begann zu laufen. Doch die Geister waren schneller. Wieder warf ich ihnen eine Donnerwoge entgegen, rannte weiter zum Ausgang und warf sie erneut zurück. Die Treppe nach oben, mein einziger Fluchtweg, war durch Geröll blockiert. Ich schoss Feuerpfeile und lief, bis ich in einer Ecke von beiden Seiten mit Geistern umringt war. Ich ging zum Nahkampf über, nutzte meinen Schockgriff, und zeitgleich griff die Mimik mit ihren Tentakeln an. Durch dieses überraschende Manöver besiegten wir einen weiteren Geist.
Nur noch zwei waren übrig. Ich stellte mich auf den Tisch im kleinen Aufenthaltsraum und zog das Sonnenschwert. Die Schatten wurden blasser und schrien hell auf, griffen aber dennoch an. Durch das Schwert geblendet, konnten sie mich nur schwer erreichen, und so schaffte ich es, einen weiteren auszulöschen. Der letzte jedoch packte mich an der Hand, mit der ich das Sonnenschwert hielt. Mir fuhr es eiskalt den Arm hinauf bis zum Herz, und der Schmerz der Grabeskälte folgte sogleich. Mit letzter Kraft zerschmetterte die Mimik auch diesen letzten Feind, und es kehrte wieder Ruhe in die Gruft ein.
***
Ich legte eine kurze Rast ein, um meine Wunden zu versorgen und meine Rüstung zu „heilen“, dann machte ich mich wieder ans Erkunden. Ich konnte nicht länger im Haus bleiben, da meine Vorräte aufgebraucht waren. Die Kristallkugel war als Scherbenhaufen nicht mehr zu gebrauchen. Ich sammelte die Scherben in einem schwarzen Samttuch auf; vielleicht kann sie ja jemand reparieren.
Ich begab mich tiefer in die Katakomben und fand eine Vorkammer mit 13 seltsamen Artefakten in Nischen. Ein Gang führte weiter zu einer großen Ritualkammer. Ich folgte zunächst dem anderen Gang und fand ein Verlies mit zwei Gefangenen: ein Mann, „Brandon“, ein einfacher Bauer aus Barovia, und eine Tiefling-Dame namens Xarla.
Als ich mit Xarla sprach, murmelte sie etwas von ihrer Mission, und ich erkannte, dass sie eine Klerikerin im Dienst von Nox ist. Sie trug eine feine Robe mit Stickereien und hatte eine Halbmond-Tätowierung unter dem linken Schlüsselbein. Ihr schwarzes Haar stand in starkem Kontrast zu ihrer roten Haut und ihren Hörnern, und ihre lila Augen starrten mich fiebrig aus ihrem makellosen Gesicht an. Sie war verletzt und blutete aus vielen Wunden. Sie sicherte mir ihre Hilfe zu, und ich löste ihre Fesseln. Daraufhin heilte sie zunächst sich selbst und danach mich.
Ich befreite auch den Bauern und überließ ihm ein Kettenhemd, das ich gefunden hatte. Er machte sich mit einem Oberschenkelknochen kampfbereit – ein lächerlicher Anblick. Ich unterhielt mich noch ein wenig mit Xarla. Sie warf mir Blicke zu, die ich sonst nur von Mitgliedern des Söldnertrupps kannte, dem ich mit Thomas beigetreten war. Es kam mir seltsam vor, allein schon, da wir uns mitten in einem verfluchten Haus befanden. Ich hatte schon gehört, dass Frauen sich zu anderen Frauen hingezogen fühlen, doch erlebt hatte ich es bisher noch nie. Vielleicht ist es auch nur ihre Art. Im Nachhinein betrachtet könnte es alles sein, da sie echt nicht ganz dicht ist.
Wir machten uns bereit, in die Ritualkammer vorzudringen. Als ich durch meinen Vertrauten spähte, kam mir ein Geistesblitz. Die ganze Zeit schon sangen geisterhafte Stimmen ein Opfergebet, und der Altar war definitiv für Menschenopfer gedacht. In der Ostwand klaffte ein Loch, in dem eine undefinierbare Masse pulsierte. Ich gab Xarla zu verstehen, mit mir zu kommen und sich das Ritualbuch aus dem Arbeitszimmer der Dursts anzusehen. Sie konnte es lesen und war fasziniert von dem Buch, in dem das Menschenopfer beschrieben wurde. Angeblich solle es einen Geist besänftigen und einem dessen Gunst gewähren. Auf meine Frage, ob sie Interesse daran habe, dieses Ritual durchzuführen, antwortete sie voller Begeisterung. Wir wählten schließlich ein Bauernopfer aus.
***
Als wir die Ritualkammer betraten, erschienen auf den Rängen ringsum Geister, die erneut die Ritualgesänge skandierten. In der Mitte angekommen, stellte ich mich hinter den nichtsahnenden Brandon und gab der Mimik den Befehl, ihn festzuhalten. Xarla zog sein Kettenhemd aus, und die Mimik entriss ihm die Knochenkeule. Er sah mich hilflos an, während ich ihn an den Altar kettete. Die Fesseln schnappten magisch nach seinen Händen und Füßen.
Als Xarla mit der Beschreibung des Rituals begann, flehte er um sein Leben, heulte erbärmlich um sich, seine Frau und seine kleine Tochter. Schließlich schnitt ich ihm die Kehle auf, und er begann, sein eigenes Blut zu gurgeln. Ich will wieder in die Geschmolzene Bucht zurückkehren, und dazu werde ich alles tun, was nötig ist, koste es, was es wolle. Ich trennte ihm die Arme ab, warf sie zu dem Mauerdurchbruch und schnitt ihm schließlich ganz die Kehle durch. Xarla schien dieses Ritual förmlich zu genießen.
Aus der dunklen Brühe erhob sich ein Monster mit grünen Tentakeln, verschlang die Arme gierig, kam zum Altar, verschlang auch den Rest seines Körpers und begab sich wieder an seinen Platz zum Schlafen. So eine Kreatur hatte ich noch nie gesehen. Doch das Haus schien zur Ruhe gekommen zu sein, und so machten Xarla und ich uns wieder auf den Weg nach oben.
***
Wir wandelten durch die Straßen von Barovia und trafen auf eine seltsame alte Frau, die an jeder Tür klopfte. Als ein kleiner Junge die Tür öffnete, wurde dieser sogleich von ihr in einen Sack gesteckt und zu ihrem Wagen gebracht. Bei näherem Hinsehen erkannte ich, dass dies nicht ihre erste Entführung für diesen Tag war. Mir hätte das gleiche Schicksal drohen können, als sie mir eine ihrer Süßigkeiten anbot. Glücklicherweise habe ich auf meine Instinkte gehört.
Nach den Strapazen des Hauses brauchten wir dringend eine Unterkunft und etwas zu essen. Beides fanden wir in der Taverne „Blut an der Rebe“. Als wir sie betraten, merkten wir schnell, dass wir nicht erwünscht sind. Doch dank meiner Zauberkunst konnte ich den Barkeeper zum Kooperieren bringen. Das sollte jedoch nicht zum Tragen kommen, da sich drei Frauen von ihrem Tisch erhoben und uns umstellten. Ich hatte mich schon auf ein Blutbad eingestellt, doch ein weiterer Gast ging dazwischen und entschärfte die Situation. Er bezahlte uns Essen und Unterkunft und bedeutete uns, an seinem Tisch Platz zu nehmen.
Nach einer anfänglichen Runde Schmeichelei offenbarte er, dass er uns als Eskorte für seine Schwester anheuern würde, jedoch nur mit Informationen bezahlen könne. Da wir noch viel zu wenig über dieses Tal oder seinen Herrn wissen, willigten wir ein. Er führte uns zum Haus des Bürgermeisters, seines Vaters, und stellte uns seiner Adoptivschwester vor, die gerade um den frisch verstorbenen Bürgermeister trauerte. Sie heißt Ireena, und mir fielen sogleich die charakteristischen Bissspuren an ihrem Hals auf, die auf einen Vampir hindeuten. Sie erklärten, dass Strahd Gefallen an ihr gefunden hatte und sie aus einem unerfindlichen Grund Tatjana nannte. Doch sie fürchtet sich vor ihm, und darum sollen wir sie nun in eine andere Stadt eskortieren, in der sie sicherer sein soll.
***
Schließlich kehrten wir zur Taverne zurück. Ich konnte mich endlich wieder über ein schönes Bad freuen, doch Xarla folgte mir sogleich in den Waschraum und betrachtete mich wieder mit einem Blick, den ich nicht recht zu deuten weiß. Das Bad tat ausgesprochen gut nach der Zeit im Horror-Haus, auch wenn es nicht mit denen aus meiner Heimat zu vergleichen ist.
Danach kehrten wir auf unser Zimmer zurück und unterhielten uns über unsere Vergangenheit. Ich erzählte von der Schlacht von Cintrama und was mir bisher widerfahren war, doch sie schien mir das nicht wirklich zu glauben, da sie meinte, diese Schlacht wäre schon fast 30 Jahre her. Zudem hieß das riesige Geschöpf, das mich in Cintrama zerschmettert hat, Brandok und sei seit dieser Schlacht verschwunden. Im Gegenzug berichtete sie mir, dass sie im Finsterwald von Genwohn unterwegs war, als ein dichter Nebel aufzog und sie hier wieder zu sich kam.
Als ich sie weiter zu ihrem Dienst für Nox ausfragte, berichtete sie mir von ihren Missionen. Diese Frau ist gefährlich, genießt das Leid anderer, scheut nicht vor einer List zurück und scheint generell stark sadistisch veranlagt zu sein. Kurz: Xarla ist ganz klar irre. Ich werde sie im Auge behalten müssen, da ich sie im Moment definitiv brauche.
Ich schreibe diese Zeilen, während sie neben mir auf dem Fußboden schläft. Sie wollte ihrer Retterin das Bett überlassen. So schiele ich immer wieder zu ihr hinunter, beobachte sie und frage mich, was sie bei einer solchen Vergangenheit wohl träumt. Ich bin zwar skrupellos, wenn ich einen Vorteil für mich sehe, aber sie scheint aus reinem Vergnügen Fremde ins Verderben zu stürzen. Ich werde vorsichtig sein.
Tag 4
Heute Morgen begab ich mich zum Bürgermeisterhaus, um mit Ismark zu sprechen. Er war sichtlich besorgt und drängte darauf, seine Schwester Ireena sofort nach Vallaki zu bringen. Doch Ireena war entschlossen, erst zu gehen, wenn ihr Vater ordnungsgemäß beerdigt wurde. Da mir Informationen über Strahd und dieses Tal versprochen wurden, war ich darauf erpicht, diesen Auftrag schnell abzuschließen.
Ich schlug vor, den Bürgermeister selbst in die Erde zu bringen, allerdings auf unorthodoxe Weise. Ireena schickte ich nach oben, wohlwissend, dass sie für das, was ich vorhatte, zu zartbesaitet war. Ismark blieb mit mir im Raum, sein Gesicht gezeichnet von Misstrauen. Ich erklärte ihm, dass ich einen Zauber der Nekromantie wirken würde, was ihn sichtlich erschreckte. Er fiel flehend vor mir auf die Knie, überzeugt, ich könnte mit Strahd im Bunde sein. Ich beruhigte ihn, so gut es ging, und versicherte ihm, nichts mit den von Zarovichs zu tun zu haben.
Mit der nötigen Konzentration ließ ich meine Magie in den Leichnam fahren. Der tote Bürgermeister erhob sich in grotesker Stille. Ich gab ihm telepathisch den Befehl, zum Friedhof zu gehen, ein Grab zu schaufeln und sich selbst darin zu beerdigen. Es war ein verstörender, aber effizienter Weg. Xarla schien das in keiner Weise zu stören, als hätte sie keine Angst vor Untoten. Ismark war blass und zitterte, doch er wagte nicht, mir zu widersprechen. Er hatte bekommen, was er wollte – und ich ebenso.
Das Schicksal von Ireena und Ismark ist mir gleichgültig. Doch mit jedem Schritt durch dieses verfluchte Land werde ich stärker und komme näher an die Wahrheit und eine Möglichkeit zur Heimkehr. Zur Not kann ich einen Handel mit Strahd vorschlagen; Ireena scheint ihm ja einiges zu bedeuten.
***
Nach dem Vorfall im Bürgermeisterhaus musste ich mich vorbereiten. Vorräte und Ausrüstung waren nötig. Während ich durch die schäbigen Straßen wanderte, hörte ich die Schreie einer Frau aus einem der Häuser. Neugierig – und nichts weiter – trat ich näher. Die Tür war nicht verschlossen. Oben fand ich eine Frau, zusammengesunken auf dem Boden, eine Puppe fest in den Armen haltend. Sie reagierte nicht auf meine Ansprache, völlig in ihrer eigenen Welt gefangen. Mein Blick fiel auf die Puppe. Auf ihr war eine seltsame Aufschrift: „Is no fun, is no Blinski.“ Die Worte brannten sich mir ein, ohne dass ich wusste, warum.
Irgendwann verlor ich das Interesse. Diese Szene hatte keine Antworten für mich. Ich verließ das Haus und fand schließlich einen kleinen Laden – offenbar der einzige in diesem Dorf. Drinnen erwartete mich ein alter Mann, dessen Habgier ihm ins Gesicht geschrieben stand. Seine Preise waren jenseits jeglicher Vernunft. Als ich versuchte zu verhandeln, lachte er nur höhnisch und meinte, ich könne ja „woanders hingehen“.
Wut stieg in mir auf, und ich sprach einen lauten, unverhohlenen Fluch in Undercommon. Der alte Mann zuckte zusammen, doch bevor ich weitergehen konnte, betrat ein massiger Hüne den Laden. Er fragte den Ladenbesitzer, ob es Probleme gebe, und sein Blick wanderte abschätzend zu mir. Widerwillig hielt ich mich zurück. Noch war der Zeitpunkt nicht gekommen, eine Szene zu machen. Zähneknirschend kaufte ich die überteuerten Rationen. Als letzten Versuch bot ich Schmuckstücke aus dem Geisterhaus an, doch der alte Narr wich zurück. „Das verfluchte Ding fasse ich nicht an“, rief er. Lächerlicher Aberglaube.
Zurück in der Taverne kehrten wir zur Ruhe. Ich nahm das Bett – wie es sich gehört –, während Xarla erneut mit dem Boden vorliebnahm. Ihre stumme Duldung amüsierte mich ein wenig. Bald werden wir aufbrechen, und wer weiß, was uns auf der Reise nach Vallaki erwartet.
Tag 5
Wir brachen früh am Morgen auf und ließen Barovia endgültig hinter uns. Der Nebel begleitete uns wie ein stummer Beobachter. Gegen Mittag erreichten wir eine Kreuzung mit einem alten Galgenplatz. Der Galgen war leer, das Seil hing schlaff. Doch als wir näherkamen, zog eine Windböe auf. Ein Knarren ertönte, und plötzlich hing eine Gestalt daran. Ich war sofort kampfbereit.
Vorsichtig schickte ich meinen Vertrauten, eine Eule, vor. Durch seine Augen sah ich, was dort hing – mich selbst. Die hängende Gestalt war ein Ebenbild von mir, starrte mich mit leblosen, anklagenden Augen an. Ich ließ meinen Vertrauten auf ihr landen, doch in dem Moment, als seine Krallen das Seil berührten, verschwand die Gestalt spurlos. Eine Illusion? Eine Warnung?
Wir setzten unseren Weg fort und erreichten erneut das Lager von Madame Eva. Ihre kryptischen Weissagungen boten mehr Fragen als Antworten. Ich fragte sie nach dem Sonnenschwert, doch sie sprach nur in Rätseln: „Das Dunkle kann es fürchten, doch es kann auch selbst zum Dunklen werden. Es wird mit dir umgehen, nicht du mit ihm.“ Ihre Worte verwirrten mich. Wie sollte mir ein Schwert helfen, das ich nicht führen kann? Auf meine Nachfrage zur Geschichte des Schwerts sagte sie: „Das Schwert war eins, jetzt ist es zwei. Der Hass ist ewig, doch wird es wieder eins, so ist er davon.“ Weder ich noch Xarla konnten etwas damit anfangen.
Am Abend erreichten wir eine Brücke über eine tiefe Schlucht. Unterhalb des Weges fanden wir ein Plateau, auf dem wir unser Lager aufschlugen. Während die anderen schliefen, hielt ich Wache. Schlaf ist für mich nicht nötig – nur eine Trance, die mich wachsam bleiben lässt. Später in der Nacht bemerkte ich ein grünes Schimmern auf der Straße oberhalb. Lautlos beobachtete ich, wie eine Geisterprozession an uns vorüberzog und die Brücke überquerte. Es waren die Geister von Helden, die einst ausgezogen waren, um Strahd zu stürzen, doch nie zurückkehrten. Sie wirkten mächtig, viel stärker, als ich es bin.
Wenn ich Strahd jemals besiegen und zurückkehren will, liegt noch ein weiter Weg vor mir. Vielleicht – falls alles andere fehlschlägt – könnte ich Ireena Strahd anbieten. Ein riskanter Handel, das weiß ich. Doch manchmal kann man einen Kampf nicht gewinnen und muss sich auf andere, gefährlichere Lösungen einlassen.
Ich warf einen Blick auf die schlafenden Gesichter meiner Begleiter, dann senkte ich den Blick auf mein Tagebuch. Morgen werden wir die Brücke überqueren und weiter nach Vallaki reisen.
Tag 6
Am Morgen überquerten wir die Brücke. Schon beim Anblick der steinernen Gargoyles an beiden Enden beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Ihre finsteren, starren Gesichter ließen keinen Zweifel daran, dass hier etwas nicht stimmte. Ich hielt die steinernen Wächter im Auge.
Als wir die Mitte der Brücke erreichten, kam eine Windböe auf – dieselbe unheilvolle Böe wie am Galgenplatz. Die Gargoyles erwachten zum Leben und flogen auf uns zu. Mein schlechtes Gefühl hatte sich bestätigt.
Ismark und Ireena, kaum kampffähig, kauerten sich an den Rand. Xarla zog ihren Stab. Als die Gargoyles nah genug waren, wirkte ich eine Donnerwoge, die sie zu Boden schleuderte. Doch sie standen schnell wieder auf. Sie umzingelten Xarla und mich, ihre Klauen hackten gnadenlos auf uns ein. Mit einer weiteren Donnerwoge brachte ich Abstand zwischen uns und versuchte, sie mit einem Netzzauber festzusetzen, doch sie rissen sich mühelos los und richteten ihre Angriffe auf Xarla.
Einer ihrer Angriffe traf sie schwer, und sie ging zu Boden. Ich nutzte die Ablenkung, um Unsichtbarkeit zu wirken. In meiner Unsichtbarkeit beobachtete ich, wie die Gargoyles sich auf ihre Plätze zurückzogen. Offenbar hatten Ismark und Ireena die Gelegenheit genutzt, die Brücke ungesehen zu überqueren. Ich schlich zu Xarla und verabreichte ihr einen Heiltrank. Als sie wieder stehen konnte, rannten wir los, während die Gargoyles erneut auf uns zukamen. Mit meiner letzten Donnerwoge warf ich die vorderen zur Seite, und wir erreichten das Ende der Brücke.
Zwei der Gargoyles zogen sich zurück, doch die anderen beiden waren bereits geschwächt. Wir entschieden, die verbleibenden Kreaturen zu vernichten. Xarla sprach Schutzzauber, während ich einen Feuerpfeil nach dem anderen auf sie abfeuerte. Schließlich zersprang einer von ihnen in steinernen Trümmern. Der andere kämpfte verbissen und verletzte mich am Arm, doch auch er fand nach kurzem Kampf sein Ende.
Ich untersuchte die Überreste und fand in ihren Körpern zwei magische Konstruktkugeln. Eine von ihnen strahlte eine seltsame Energie aus. Ich zerschlug sie, und ein Amulett fiel heraus. Es pulsierte vor magischer Energie. Ich zögerte nicht lange und legte es mir um. Sofort überkam mich ein Schwall von Vitalität. Meine Wunden schlossen sich, und eine überwältigende Euphorie verdrängte jede Erschöpfung. Für einen Moment fühlte ich mich unschlagbar.
Nach einer kurzen Rast setzten wir unsere Reise fort. Der restliche Tag verlief ereignislos. Gegen Abend erreichten wir den Rand eines kleinen Waldes und beschlossen, dort unser Lager aufzuschlagen. Der Platz war nicht ideal. Ich wäre lieber durchmarschiert, doch Ismark und vor allem Ireena waren am Ende ihrer Kräfte. Während die anderen schliefen, wachte ich und schrieb meine Gedanken nieder. Die Geschichten von einem Wald voller Werwölfe kommen mir in den Sinn, doch ich weiß nicht, ob dieser Wald vor uns liegt.
Morgen, beim ersten Sonnenstrahl, werde ich sie wecken und zum Aufbruch drängen. Jede Verzögerung könnte uns teuer zu stehen kommen.
Tag 7
Wir brachen früh auf. Die Nacht war ereignislos verlaufen. Stundenlang wanderten wir durch die karge Landschaft, bis wir ein großes, steinernes Tor erreichten. Von den Mauern ging eine seltsame, unterschwellige Magie aus. Ein ungutes Gefühl machte sich breit, doch es gab keinen anderen Weg.
Hinter dem Tor zeichnete sich am Horizont die Silhouette zweier Hügel ab. Auf der linken Spitze stand eine alte Windmühle, ihre Flügel ragten wie die knochigen Finger eines Toten in den Himmel. Schon von Weitem hatte ich ein ungutes Gefühl bei diesem Anblick. Am späten Nachmittag erreichten wir den Hügel. Ismark drängte mich, zur Mühle zu gehen, doch mein Bauchgefühl schrie mich an, es nicht zu tun. Als wir uns näherten, saß ein schwarzer Rabe über der Tür und krächzte laut – eine Warnung. Ich blieb abrupt stehen und erklärte, dass wir uns von diesem Ort fernhalten sollten. Mein Instinkt irrt sich selten.
Wir wandten uns einem benachbarten Hügel zu, wo wir einen Steinkreis entdeckten. In seiner Mitte befand sich ein Altar, auf dem ein Haufen Zähne lag. Ein makaberer Anblick. Ich konnte den Zweck der Stätte nicht bestimmen. Ich entschied, den Ort schnell wieder zu verlassen. Kaum hatte ich mich umgedreht, hörte ich hinter mir das Schaben von Zähnen auf Stein. Ich fuhr herum und sah, wie Ismark den Haufen Zähne vom Altar gefegt hatte.
„Was tust du da?!“, herrschte ich ihn an. Meine Stimme hallte durch den Steinkreis, verstärkt durch Thaumaturgie, und meine Augen leuchteten bedrohlich rot. Ismark fiel auf die Knie und stammelte, er habe den Altar nur reinigen wollen. Ein erbärmlicher Anblick. Ich zwang mich zur Ruhe. Es war nichts weiter geschehen – zumindest noch nicht.
Später am Tag mussten wir erneut rasten. Der Ort war mir zu nah an der Windmühle, doch Ireena war erschöpft. Liegt es an ihr oder sind Menschenfrauen wirklich so zerbrechlich? Wir rasteten an einem kleinen See. Während die anderen schliefen, ließ ich meinen Blick über das Wasser gleiten. Ein Rascheln hinter mir riss mich aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und sah Ismark, wie er in meinen Sachen herumwühlte. Wut schoss in mir hoch.
„Was zum Abyss glaubst du, was du da tust?! Ein Wurm wie du wagt es, mich zu bestehlen, nachdem ich dir und deiner Schwester bereits das Leben gerettet habe?!“
Ismark fiel erneut auf die Knie, sein Körper bebte vor Angst. Mit tränenerstickter Stimme beichtete er, dass er Geld brauchte – um sich „Traumgebäck“ in der Mühle zu kaufen. Traumgebäck… also doch. Die Geschichten über die Windmühle kamen mir wieder in den Sinn.
„Du Narr“, zischte ich. „Du schuldest mir jetzt noch viel mehr, als du ohnehin schon schuldest.“
Er winselte noch eine Weile, bevor ich ihn wegschickte. Der Anblick seiner erbärmlichen Gestalt regte mich nur noch mehr auf. Dieser Tag hat bewiesen, dass Ismark schwach und manipulierbar ist. Das könnte sich als nützlich erweisen – oder uns allen das Genick brechen. Die Mühle und ihre Geheimnisse bleiben vorerst unberührt. Mein Instinkt sagt mir, dass es dort nichts gibt, was uns helfen wird.
Morgen werden wir weiterreisen. Immer weiter. Barovia hält noch viele Schrecken für uns bereit, und ich muss wachsam bleiben.
Tag 8
Wir brachen wieder früh auf. Die Straße war ruhig, keine Geister, keine Monster. Während die anderen schweigend marschierten, hatte ich Zeit, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Sie trugen mich zurück an Thomas, an unsere Zeit in meiner Heimat. Die wenigen schönen Erinnerungen, die ich besitze, sind fast alle mit ihm verbunden. Ich erinnerte mich an die Schlacht in Cintrama, an den Moment, als der gigantische Kriegshammer ihn traf und wie ein rohes Ei zerschmetterte. Sein Lächeln, das kurz zuvor noch auf seinen Lippen gelegen hatte, erlosch für immer. Ich schwor mir damals, den Brandok zu töten – koste es, was es wolle. Aber zuerst muss ich einen Weg nach Hause finden. Ohne das bleibt meine Rache nur ein unerreichbares Flüstern.
Am späten Nachmittag erreichten wir Vallaki. Es war weniger eine Stadt als ein großes Dorf, doch die hohen Holzpalisaden ließen darauf schließen, dass die Bewohner wussten, wie man sich verteidigt. Die Wachen ließen uns ohne Schwierigkeiten passieren. Ismark schien beim Baron Eindruck gemacht zu haben.
Wir schlenderten durch die Straßen zum Dorfplatz. Der Anblick, der meine Aufmerksamkeit fesselte, waren die Scheiterhaufen. Zwei waren bereits verkohlt, doch zwei weitere waren noch mit lebenden Menschen belegt. Ich fragte unauffällig nach ihrem Vergehen und hörte etwas von „bösartiger Unzufriedenheit“. Offenbar wird hier jeder bestraft, der es wagt, das Lächeln auf seinem Gesicht verblassen zu lassen. Ich beschloss, äußerst vorsichtig zu sein.
Weiter führte unser Weg zum Bürgermeisterpalast. Unterwegs sahen wir Plakate für ein „Sonnenfest“ – eine weitere Maßnahme des Barons, um die Illusion von Glück aufrechtzuerhalten. Ein autokratischer Herrscher, so viel war klar. Am Palast wurden wir von Izek empfangen, einem hageren Mann, dessen rechter Arm von dunkler Magie verdorrt schien. Nach einer gefühlten Stunde erschien endlich der Baron. Er nahm Ismark und Ireena bei sich auf, und ich erhielt die versprochenen Informationen.
Was ich erhielt, war enttäuschend. Strahd ist mindestens 80 Jahre alt (für einen Vampir kaum erwähnenswert), hält sich meist in seiner Burg auf und sucht nach einem Vampirjäger namens Van Richten. Jeder, der Van Richten hilft, wird hingerichtet. Strahd kann sich heimlich bewegen oder teleportieren. Der Nebel, der Barovia einhüllt, stammt von ihm. Wer ihn betritt, verschwindet für immer. Das Einzige, was halbwegs nützlich war: Strahds Einfluss scheint im Westen des Tals schwächer zu sein.
Ich versuchte noch, etwas Geld aus Ismark herauszupressen, doch er behauptete, er habe nichts. Ireena bedankte sich schüchtern, und Xarla und ich zogen davon. Wir fanden ein Gasthaus. Beim Abendessen belauschte ich die Gespräche. Ich erfuhr von einem seltsamen Magier, der verschwunden war, von mehr Wölfen auf der anderen Seite des Sees und vom Spielzeugmacher Plinski. Anscheinend gehen seltsame Dinge bei ihm vor sich. Ich erinnerte mich an die Puppe der verwirrten Frau aus Barovia – sie stammte ebenfalls von Plinski.
Nach dem Essen zogen Xarla und ich uns auf unser Zimmer zurück. Dieses Mal hatten wir ein Doppelbett. Anders als in der „Blutrebe“ machte Xarla keine Anstalten, auf dem Boden zu schlafen. Offenbar war das Vertrauen zwischen uns gewachsen. Ich beschloss, mich frisch zu machen. Das warme Wasser im Zuber war eine Wohltat. Als ich aus dem Wasser stieg, bemerkte ich Xarlas verstohlenen, aber eindeutigen Blick. Es war nicht das erste Mal.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Sie ist eine Priesterin von Nox und eine Sadistin. Doch bisher hat sie mir nur Dankbarkeit und Loyalität entgegengebracht. Vielleicht sollte ich das einfach akzeptieren… vorerst.
Wir legten uns zu Bett. Die Matratze war weich, die Decke warm – das beste Bett seit meiner Ankunft. Xarla schlief bald ein. Ich verharrte in Trance, wie immer, mit einem wachsamen Auge und meinem Tagebuch. Der Spielzeugmacher, der verrückte Magier, die Wölfe… zu viele Fragen, zu wenige Antworten.
Morgen werde ich einen neuen Plan schmieden. Barovia birgt noch viele Geheimnisse, und ich werde sie eines nach dem anderen ans Licht bringen – koste es, was es wolle.
Tag 9
Der Tag begann mit einem klaren Ziel: die Schmuckstücke aus dem Haus der Dursts zu verkaufen, um an Materialien für neue Zauber zu kommen. Doch wie so oft in diesem verfluchten Land gestaltete sich das schwieriger als gedacht. Beim Händler angekommen, zeigte ich ihm die Ringe. Kaum sah er sie, schrie er entsetzt auf: „Verfluchte Dinger! Weg damit!“ Um ihn zu beruhigen, schob ich trotzig einen der Ringe auf meinen Finger. Doch als ich ihn wieder abziehen wollte, saß er fest, als hätte er sich in mein Fleisch gegraben. Der Händler brüllte mich an, ich solle verschwinden. Sprachlos und wütend verließ ich den Laden.
Mein nächster Versuch beim Schmied scheiterte ebenfalls. Also versuchte ich es bei der Frau des Bürgermeisters. Frauen und Schmuck – eine klassische Kombination. Dort hatte ich mehr Glück. Sie kaufte mir ein Stück ab, bat mich aber, eine Nachricht an Priester Lucian zu überbringen. Kein Job für mich, aber ein guter Kontakt zur Bürgermeisterfamilie könnte nützlich werden.
In der Kirche lief gerade ein Gottesdienst. Danach trat ich an Priester Lucian heran. Etwas an seiner Haltung ließ mich stutzen. Ich hakte nach, und er vertraute mir ein dunkles Geheimnis an: Die Gebeine des heiligen St. Andral waren gestohlen worden. Ohne sie war die Kirche schutzlos. Lucian bat mich inständig, die Gebeine zurückzubringen, und versprach mir im Gegenzug ein magisches Artefakt.
Mein erster Verdächtiger war der Tempeldiener. Seine Körpersprache verriet, dass er mehr wusste. Hier glänzte Xarla: Mit der einschüchternden Präsenz einer Priesterin von Nox brachte sie ihn zum Reden. Die Spur führte uns zu Milivoj, dem Totengräber. Milivoj versuchte zu fliehen, doch ein gezielter Faustschlag stoppte ihn. Unter Tränen gestand er, die Gebeine an Henrick van der Voot, den örtlichen Sargmacher, verkauft zu haben.
Die Sargmacherei war geschlossen, doch durch ein Fenster sah ich Licht. Nach vergeblichem Klopfen und einer mürrischen Aufforderung, zu verschwinden, reichte es mir. Mit einer Donnerwoge sprengte ich die Hintertür aus den Angeln. Henrick brach unter meinem Blick zusammen und gestand, dass die Gebeine auf dem Dachboden waren. Seine Panik war echt, und oben wurde mir klar, warum. Beim Öffnen der ersten Kiste starrten mich tote, blutunterlaufene Augen an. Eine Vampirbrut sprang uns entgegen, gefolgt von fünf weiteren.
Ein brutaler Kampf entbrannte. Xarla rief die Macht Nox‘ an und vertrieb vier der Vampire. In meiner Verzweiflung erinnerte ich mich an das Sonnenschwert. Ich zog es, und seine Klinge erstrahlte in blendendem Licht. Die Vampire wichen zurück, und nach einem intensiven Kampf fiel einer unter meinen Hieben. Unten trafen wir auf zwei Männer, die gegen einen weiteren Vampir kämpften. Einer war groß und kräftig, der andere alt und hager. Gemeinsam besiegten wir die Kreatur.
In der Taverne luden sie uns ein, das Geschehene zu besprechen. Der ältere Mann stellte sich als Rudolf van Richten vor – der berühmte Vampirjäger, den Strahd suchte. Er erzählte uns von seiner Ankunft in Barovia, wie er während einer Jagd von dichtem Nebel umhüllt wurde und plötzlich hier landete – ähnlich wie Xarla. Er hatte bereits eine Begegnung mit Strahd, der nur mit ihm gespielt hatte. Als Souvenir hatte Strahd ihm eine tiefe Narbe hinterlassen.
Van Richten erklärte, dass Strahd weitaus mächtiger sei als gewöhnliche Vampire und über das gesamte Tal herrsche. Die Nebel sind Teil seiner Magie; niemand, der sie betritt, kommt je zurück. Er sprach von den Hütern der Feder – einem geheimen Netzwerk aus Wer-Raben, das Strahds Pläne im Auge behält. Van Richten hatte beobachtet, dass die Sargmacherei seltsame Besucher hatte. Vermummte Gestalten gingen hinein, doch nur eine kam als Fledermaus wieder heraus.
Er schlug einen Plan vor: Xarla und ich sollten uns um das Traumgebäck kümmern, das die Bewohner in einen Dämmerzustand versetzt. Währenddessen würde er Ireena in Sicherheit bringen und in Krezk Nachforschungen anstellen. Kurz darauf hörten wir Stimmen aus den oberen Zimmern. Zwei Männer und eine Frau stritten über einen Plan, den Baron zu stürzen. Van Richten klärte uns auf: Die Wachter-Brüder seien brutale Schläger, und ihre Mutter besitze ein seltenes Buch aus Strahds Familie – möglicherweise ein wertvoller Schlüssel.
Erschöpft und voller neuer Fragen kehrten Xarla und ich in unser Zimmer zurück. Während sie bald in einen tiefen Schlaf fiel, versank ich in eine meditative Trance. Nun haben wir Verbündete und einen Plan. Morgen beginnt der nächste Schritt.
***
Hastige Notiz
Während meiner Trance driftete ich in eine Vision ab. Ein düsterer Wald umgab mich, und vor mir erhob sich ein massives Tor, das sich knarrend öffnete. Eine unsichtbare Kraft zog mich in die Dunkelheit. Plötzlich fand ich mich in einem pechschwarzen Raum wieder, umgeben von sechs Statuen in einem perfekten Kreis. Ihre fremdartigen Augen schienen mir zu folgen. Eine Fackel an der Wand flammte in unnatürlichem Lila auf, und kurz darauf loderten sämtliche Fackeln, bis der Raum in kaltes Licht getaucht war. Die Statuen schienen ein Ritual darzustellen – oder bewachten sie etwas? Auf einem Altar in der Mitte pulsierte eine Macht, die alle bisherigen Erfahrungen übertraf. Ich begehrte sie. Eine vertraute Stimme – die aus dem Blutraum – dröhnte in meinem Kopf: „Bald. Sei bereit. Beweise dich.“ Mit diesen Worten wurde ich zurückgerissen, schreiend und schweißgebadet. Xarla war alarmiert, doch ich konnte ihr nichts erklären. Mein Körper fühlte sich an, als hätte ich zu nah an einer lodernden Flamme geschlafen. Ohne Aussicht auf Ruhe wusch ich mich und verbrachte die verbleibende Dunkelheit auf der Veranda, den kühlen Morgenhauch einatmend. Ein Schritt nach dem anderen, bis wir zurück nach Hause finden.
Tag 10
Unsere erste Aufgabe war es, uns um die Leichen der Vampire in der Sargmacherei zu kümmern. Mein Plan, sie als unerschütterliche Kämpfer wiederauferstehen zu lassen, stieß auf ein Hindernis: Trotz meiner neuen Macht nach der nächtlichen Vision gelang es mir nicht, sie wiederzubeleben. Ihre untote Natur und meine noch unvollständigen Fähigkeiten stehen offenbar im Konflikt.
Doch während ich die leblosen Körper betrachtete, kam mir eine Idee. Ich zog das Sonnenschwert und berührte die erste Leiche damit. Rauch stieg auf, und ich spürte, wie die fremde Macht durch mich floss. Das Sonnenschwert verfärbte sich fast unmerklich und wurde dunkler, ohne an Leuchtkraft einzubüßen. Mit Mühe gelang es mir, eine schwächere Version des Vampirs wiederzuerwecken. Für den zweiten fehlte mir die Kraft, also belebte ich stattdessen eine der gefallenen Stadtwachen und befahl ihr, die zweite Vampirleiche in eine Kiste zu verpacken und mitzunehmen.
Wir fanden den bewusstlosen Sargmacher sowie die vermissten Gebeine von St. Andral. Wir verstauten den Sargmacher ebenfalls in einer Kiste und brachten die Gebeine zu Priester Lucian. Seine Erleichterung war spürbar, doch als ich ihm von den Vampiren berichtete, wich die Farbe aus seinem Gesicht. Auch er konnte sich keinen Reim darauf machen, was Strahd mit den Gebeinen geplant hatte. Lucian führte mich in die Katakomben und erlaubte mir, eines von drei magischen Artefakten auszuwählen: eine magische Lederrüstung, ein geheimnisvolles Amulett und einen Ring. Meine Wahl fiel auf den Ring, der sich als Ring der Regeneration herausstellte. Eine kluge Entscheidung, hoffe ich, obwohl mich das Amulett noch immer neugierig macht.
***
Nachdem ich Xarla und meine beiden untoten Diener wiedertraf, begaben wir uns in Richtung Mühle. Unterwegs trafen wir auf zwei zerlumpte Männer, die uns ausrauben wollten. Ich täuschte vor, meine Geldbörse zu überreichen, und griff stattdessen nach dem Arm eines der Männer, um Leben entziehen zu wirken. Sein Arm wurde grau und leblos. Xarla erledigte den zweiten Angreifer.
Doch plötzlich erhoben sich die beiden Männer erneut. Ihre Körper verformten sich, und sie entpuppten sich als Werwölfe. Im Kampf floh der Sargmacher. Ich versuchte noch, ihn mit einem Fernzauber aufzuhalten, verfehlte jedoch. Der Kampf war erbittert. Die Stadtwache und ein Werwolf fielen, während der zweite floh.
Nach dem Kampf nutzte ich meine Kräfte, um den gefallenen Werwolf wiederzubeleben. Durch seine fragmentierten Erinnerungen erhielt ich wertvolle Informationen: Das Rudel bestand ursprünglich aus elf Mitgliedern, jetzt waren es noch zehn. Ihr Anführer war ein gigantischer Werwolf, bewaffnet mit einer massiven, vermutlich magischen Keule.
Wir setzten unseren Weg fort, doch bald hörten wir das Heulen eines nahenden Rudels. Unsere einzige Option war es, uns zu verstecken. Unter den Wurzeln eines riesigen Baumes kauernd, ließ ich meinen Vampir in der Baumkrone Wache halten und schickte den untoten Werwolf als Ablenkung in eine andere Richtung. Doch unser Plan ging nicht ganz auf. Die Werwölfe rochen uns, und nur mit einem Ablenkungsangriff meines untoten Werwolfs und einem Unsichtbarkeitszauber entkamen wir knapp.
Als die Gefahr vorüber war, belebte ich schließlich auch die zweite Vampirleiche wieder. Es war gut, den Körper mitgenommen zu haben. Wir reisten bis tief in die Nacht hinein und schlugen schließlich hinter einem Hügel unser Lager auf. Am Horizont zeichnete sich bereits die Silhouette der alten Mühle ab.
Ist dies der Wald aus dem Buch? Waren die Werwölfe der Grund, warum man ihn meiden sollte? Meine beiden Vampire halten Wache. Es ist seltsam, sich so sicher in der Gegenwart von Kreaturen zu fühlen, die gestern noch versucht hatten, mich zu töten. Doch das mentale Band, mit dem ich sie kontrolliere, gibt mir absolute Gewissheit: Sie gehorchen mir bedingungslos. Xarla hingegen wirkt nicht ganz so beruhigt, doch sie findet rasch Schlaf. Morgen werden wir die Mühle säubern. Ich habe die Befürchtung, dass sie von einer Vettel bewohnt wird. Ein schwerer Kampf steht uns bevor.
***
Hastige Notiz
Ich hatte heute Nacht schon wieder eine Vision, diesmal jedoch nur kurz. Erneut sah ich den Altar und spürte die unbekannte Macht, die darauf ruht. Sie ruft nach mir. Als ich erwachte, war mein Körper wieder heiß, als hätte ich neben einem lodernden Feuer geschlafen. Doch erneut fühle ich mich stärker als zuvor.
Tag 11
Wir machten uns auf den Weg zur Mühle, bereit, uns der Vettel zu stellen. Dort angekommen, schien alles ruhig. Um die Lage auszukundschaften, befahl ich den Vampiren, mich in den dritten Stock zu heben, sodass ich durch das Fenster blicken konnte. Drinnen entdeckte ich zwei junge Frauen, die geschäftig mit Backen beschäftigt waren.
Ich stieg vorsichtig durch das Fenster. Ihre Reaktion war eigenartig – sie wirkten mechanisch, fast wie verzaubert, und riefen nach ihrer Mutter. Kurz darauf kam eine alte Frau die Treppe hinauf. Ich erkannte sie sofort: Morganta, die Vettel, die bereits in Barovia das Traumgebäck verkauft hatte. Ich spürte die Magie um sie herum und erkannte ihre wahre Natur. Die beiden jungen Frauen schienen jedoch menschlich zu sein. Ich entschied, Zeit zu schinden, und gab vor, Traumgebäck kaufen zu wollen. Sie schickte mich ins Erdgeschoss, wo ich tatsächlich ein Stück kaufte. Währenddessen positionierten sich Xarla und die Vampire. Als alles bereit war, griff ich an.
Mit Leben entziehen traf ich Morganta schwer. Sie verlor ihre menschliche Gestalt und offenbarte ihr wahres, schreckliches Aussehen. Sie schrie nach ihren Töchtern und stürzte sich auf mich. Xarla wollte Stille wirken, um ihre Zauber zu unterbinden, doch ein Gegenzauber machte ihre Bemühungen zunichte. Die Vampire griffen Morganta an und setzten ihr stark zu. Doch plötzlich stürmten zwei weitere Vetteln in den Raum. Die beiden jungen Frauen waren offenbar keine Menschen gewesen.
Von da an brach die Hölle los. Beide Seiten entfesselten ihre mächtigsten Zauber. Die Vampire zerfleischten Morganta, doch kurz bevor sie fiel, entlud sie eine Blitzwoge, die Xarla zu Boden schickte. Ich wies die Vampire an, die beiden anderen Vetteln aufzuhalten, und rannte zu Xarla, um ihr einen Heiltrank einzuflößen. Der Kampf ging weiter. Nachdem ich einige Zauber gewirkt hatte, befahl ich den Vampiren, den Raum zu verlassen. Als sie draußen waren, entfesselte ich zwei Feuerbälle, die die gesamte Mühle in Flammen setzten. Zwei der Vetteln verbrannten bis zur Unkenntlichkeit, doch die letzte überlebte.
Meine magische Energie war erschöpft. Ohne die Regenerationsfähigkeit der Vampire wären wir längst unterlegen gewesen. In ihrer Verzweiflung wirkte die verbliebene Vettel Verbannung auf einen meiner Vampire, und er verschwand sofort. Doch auch ihre Magie war erschöpft, und bald konnten wir sie besiegen.
Erschöpft und schwer verwundet durchsuchte ich die brennende Mühle. Ich fand etwa 1.000 Goldmünzen sowie ein altes Zauberbuch mit mir unbekannten Sprüchen. Die oberen Stockwerke standen bereits zu stark in Flammen, um sie ebenfalls zu durchsuchen.
***
Draußen auf der Wiese beobachteten wir, wie die Mühle niederbrannte. Dabei blickte ich durch die Augen des Vampirs, den die Vettel verbannt hatte. Zu meinem Erstaunen sah ich, dass er in einem herrschaftlichen, jedoch düsteren Schloss stand. Ich ließ ihn ein wenig erkunden und entdeckte einen Thron, auf dem ein Mann saß. Sofort wusste ich, dass es Strahd war. Er erhob sich, trat auf meinen Vampir zu und schaute mir durch dessen Augen direkt in die Seele.
„Ich habe euch nach Barovia gebracht“, begann er mit einer Stimme, die wie ein dunkler Klangteppich den Raum erfüllte. „Ihr seid ein ungewöhnlicher Gast in meinem Reich, und ich möchte euch besser kennenlernen. Ich lade euch ein, in meiner Halle zu speisen, wo wir unsere Gedanken austauschen können.“ Seine Worte trugen eine Mischung aus Höflichkeit und unterschwelliger Bedrohung in sich. Mit einem verschmitzten Lächeln fügte er hinzu: „Ich freue mich auf euch.“
Plötzlich hob er die Hand und berührte mit einem Finger die Stirn meines Vampirs. Ein grelles, kaltes Licht flackerte auf. Ich spürte, wie mein Geist zurückgeschleudert wurde, fortgerissen aus der Wahrnehmung des Vampirs. Es war, als würde ich durch einen endlosen Tunnel aus Dunkelheit stürzen, bis ich mit einem keuchenden Atemzug in meinen eigenen Körper zurückkehrte. Der Kontakt war unwiderruflich abgebrochen.
Nach dem schweren Kampf war Xarla am Ende ihrer Kräfte, doch mir ging es erstaunlich gut. Liegt es an meinen neuen Kräften oder am Ring der Regeneration? Ich kann es nicht sagen. Nach einer kurzen Rast brachen wir nach Vallaki auf. Doch die Botschaft von Strahd hat alles verändert. Ich muss mich auf unser Treffen vorbereiten. Vielleicht – nur vielleicht – kann ich ihn dazu bringen, mich nach Hause zurückkehren zu lassen.
Tag 12
Wir eilten in Richtung Vallaki. Als wir ein Waldstück durchquerten, begann der Boden zu beben. Bevor wir reagieren konnten, brach ein gewaltiger Landhai aus der Erde hervor. Ich versuchte, ihn mit einer Ration zu besänftigen, doch das Biest zeigte nur wachsenden Hunger. Es schnappte nach mir, und ich zog mich auf einen Baum zurück, während Xarla und mein Vampir es in Schach hielten. Von meiner erhöhten Position aus ließ ich Feuerpfeile auf den Landhai niederregnen und verstärkte meinen Vampir mit einem Hast-Zauber.
Doch das Ungeheuer wurde immer wilder. Schließlich sprang es – eine gewaltige Masse Fleisch und Zähne – und durchschlug den Baum, auf dem ich saß. Ich stürzte in die Tiefe, schlug hart auf, und ein stechender Schmerz verriet mir, dass mindestens eine Rippe gebrochen war. Ehe ich reagieren konnte, grub das Biest seine Zähne in meinen Oberschenkel. Ein gleißender Schmerz durchfuhr mich. Mit vereinten Kräften gelang es uns schließlich, den Landhai niederzustrecken. Dank meines Rings der Regeneration heilte meine Wunde innerhalb weniger Stunden.
Während ich auf das leblos vor mir liegende Monstrum blickte, spürte ich die vertraute Dunkelheit in mir pulsieren. Ich bündelte meine Macht, und das Ungetüm rührte sich erneut. Der Tod war für ihn nicht das Ende.
***
Nun ritten wir auf dem untoten Landhai weiter nach Vallaki. Kurz vor den Toren befahl ich ihm mental, sich unter der Erde zu verbergen und uns aus sicherer Distanz zu folgen. Die Wachen ließen uns passieren. Unser Ziel war die Villa des Barons. Dort suchte ich dessen Frau auf und nutzte einen günstigen Moment, um Einflüsterung auf sie zu wirken. Sofort gehorchte sie, zeigte mir ihre schönsten Kleider und verließ den Raum, um sich anschließend an nichts mehr zu erinnern.
Xarla und ich wählten unsere Garderobe für das Treffen mit Strahd. Sie entschied sich für ein tiefgrünes Abendkleid, ich für ein schwarzes mit goldenen Stickmustern – elegant, aber nicht protzig. Bevor wir die Villa verließen, nahm ich mir noch die Schmuckkiste der Hausherrin als zusätzliche Beute mit.
Zurück in der Taverne gönnte ich mir ein heißes Bad. Wie immer spürte ich Xarlas Blicke auf mir – ein Umstand, an den ich mich allmählich gewöhne. Nach der Erholung zogen wir uns für die Nacht zurück. Morgen werde ich eine der Halsketten aus der Schmuckdose genauer ansehen. Eine magische Aura geht von ihr aus, und ich werde herausfinden, welche Macht darin verborgen liegt.
Tag 13
Heute verbrachte ich fast den gesamten Tag damit, die Siegel des Amuletts zu analysieren. Währenddessen befahl ich meinem Vampir, mir eine junge, schöne Frau als Opfergabe für Strahd zu suchen.
Die Siegel auf dem Amulett waren einige der stärksten, die ich je gesehen habe. Es erforderte viel Geduld, aber schließlich gelang es mir, sie zu entfernen. Das Amulett war mit einem Magiekristall gefertigt, der aus dem Herzen einer Hydra stammte. Ich spürte die unerschöpfliche Quelle regenerativer Energie darin. Doch gleichzeitig verbarg sich etwas anderes in diesem Artefakt, ein Hauch von Wahnsinn, eine dunkle Präsenz.
Nach meinen Erfahrungen mit verfluchtem Schmuck war ich nicht töricht genug, es sofort anzulegen. Der Ring an meiner Hand, der sich nicht mehr abnehmen ließ, war eine ständige Mahnung. Stattdessen suchte ich mir ein Testsubjekt. Ich betrat das nächstgelegene Haus und legte das Amulett einem alten Mann an, der in seinem Stuhl döste. Nach einigen Momenten wirkte er kräftiger, seine Bewegungen flüssiger, seine Augen klarer. Kein Anzeichen von Wahnsinn, zumindest nicht auf den ersten Blick.
Neugierig wandte ich mich an Xarla. „Willst du es versuchen?“ Ihre Augen funkelten, und ohne zu zögern legte sie es sich um. Einen Moment lang geschah nichts. Dann lachte sie leise auf, zog ihren Dolch und machte einen Schritt auf mich zu. Instinktiv wich ich zurück, bereit, einen Zauber zu wirken. Hatte das Amulett ihren Geist bereits gebrochen?
Doch anstatt mich anzugreifen, ritzte sie sich mit der Klinge über die Handfläche. Die Wunde schloss sich innerhalb von Sekunden. Xarla grinste breit. Fasziniert schnitt sie sich erneut, tiefer, und beobachtete amüsiert, wie ihr Fleisch sich regenerierte. Als ich ihr das Amulett wieder abnehmen wollte, wich sie mir geschickt aus. „Du hast doch schon deinen Ring“, meinte sie. „Lass mich doch auch etwas haben. Mein Lohn für die Mühe.“
Ich überlegte und ließ sie gewähren. Die regenerative Kraft war beeindruckend, und Xarla war mehr als bereit, den Preis dafür zu tragen – welchen auch immer es hatte. Auf dem Rückweg stellte ich jedoch fest, dass sie mittlerweile dazu übergegangen war, sich ganze Finger abzuschneiden, nur um zu beobachten, wie sie nachwuchsen. Sie verglich ihre Länge und lachte leise in sich hinein.
„Hör auf mit diesen kranken Spielchen – zumindest in der Öffentlichkeit!“, zischte ich sie an. Sie schürzte nur amüsiert die Lippen, steckte ihre Hand in die Tasche, und wir gingen weiter.
Dann bemerkte ich die Plakate für das Sonnenfest, das bereits morgen stattfinden sollte. Vielleicht würde es sich lohnen, dem Spektakel beizuwohnen. So endete mein Tag erneut im Gasthaus. Morgen werde ich sehen, welche Möglichkeiten sich auf dem Fest ergeben.
Tag 14
Der Morgen begann mit dem Studium der dämonischen Bücher aus dem Durst-Anwesen. Ich hoffte, mächtige Beschwörungsformeln zu finden, doch die enthaltenen Rituale waren fehlerhaft. Entweder ein absichtlicher Irrtum oder das Werk eines Stümpers – in jedem Fall nutzlos. Frustriert legte ich das Buch zur Seite und verbrachte die restliche Zeit damit, mir unser Treffen mit Strahd auszumalen. Welche Möglichkeiten würde ich haben? Würde er mich als gleichwertig ansehen oder nur als weiteres Spielzeug betrachten? Vielleicht könnte ich ihn überzeugen, mich nach Hause zu schicken.
Am späten Vormittag begann das sogenannte Sonnenfest. Ein armseliges Schauspiel. Die Prozession zog zum Dorfplatz, wo eine übergroße Sonne aus Stroh errichtet war. Der Bürgermeister hielt eine Rede voller hoffnungsloser, inhaltsloser Phrasen. Doch als er die Strohkugel entzünden wollte, begann es in Strömen zu regnen. Welch ironische Fügung. Die Flamme erlosch immer wieder, und mit ihr verglühte die letzte Glaubwürdigkeit des Barons. Ich musste mich beherrschen, nicht offen zu lachen.
Während der Bürgermeister sich verzweifelt bemühte, die Kontrolle zurückzugewinnen, ließ ich meinen Blick über die Anwesenden schweifen. Die Wachters waren hier. Ich hatte bereits von ihren Umsturzplänen gehört und nutzte die Gelegenheit, mich unauffällig an Frau Wachter heranzutasten.
„Und wenn es so wäre?“, entgegnete sie, als ich sie auf ihre Absichten ansprach.
„Dann bin ich bereit zu helfen.“
Sie betrachtete mich, ihre Miene undurchdringlich, doch schließlich nickte sie und lud mich für morgen zu sich ein. Sie riet mir jedoch, mich bis dahin ruhig zu verhalten.
Während ich mich wieder unter die Menge mischte, bemerkte ich einen der Wachter-Brüder, wie er einen Käfig manipulierte. Ein riesiger Tiger war darin eingesperrt, und der Mann trieb ihn mit gezielten Stichen in Rage. Ich verstand sofort, was hier geschehen sollte. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihn aufzuhalten, doch ich hatte meine Abmachung mit Lady Wachter. Also hielt ich mich zurück und zog mich in den Schatten, während der Käfig zu bersten begann.
Ein markerschütterndes Brüllen gellte über den Platz, dann folgte das Chaos. Der Tiger brach aus und stürzte sich auf die Menge, zerfetzte wahllos alles, was ihm vor die Krallen kam. Menschen schrien, rannten panisch auseinander – und mitten im Getümmel stand der Bürgermeister, hilflos und überfordert. Izek war der Einzige, der schnell genug reagierte. Der Hüne trat dem Biest entgegen, sein verfluchter Arm zuckte vor unbändiger Kraft. In einem brutalen Schlagabtausch metzelten sie sich durch die Überreste der Zeremonie, bis Izek dem Tiger mit einem wuchtigen Hieb den Schädel zertrümmerte. Blut spritzte auf die Strohkugel, ein makabrer Ersatz für das erhoffte Sonnenlicht.
Damit war das Fiasko komplett. Das Fest, das Hoffnung bringen sollte, war zu einem Massaker geworden. Der Bürgermeister hatte jeglichen Rückhalt verloren, und seine Schwäche war für alle sichtbar. Ich blieb noch eine Weile und beobachtete, wie die Wachen versuchten, das Chaos zu beseitigen. Doch die Stimmung in der Stadt hatte sich bereits gewandelt. Ein Sturm zog auf. Morgen wird ein interessanter Tag.
Tag 15
Auf unserem Weg zum Anwesen der Wachters zeigte mir Xarla die wahre Macht des Hydra-Amuletts. Sie umfasste es, ließ ihre Magie hindurchfließen – und plötzlich wuchsen zwei zusätzliche Arme aus ihren Seiten. Sie betrachtete sie stolz, bewegte ihre neuen Gliedmaßen mit beunruhigender Eleganz. Doch nach etwa einer Minute begannen die Arme zu verdorren, die Haut schrumpfte und platzte auf, bis sie mit einem dumpfen Geräusch zu Boden fielen. Xarla schien das nicht zu stören, im Gegenteil, sie schmunzelte zufrieden. Diese Fähigkeit könnte nützlich sein, selbst wenn sie nur von kurzer Dauer ist.
Schließlich erreichten wir das Anwesen der Wachters. Das servierte Essen war bei weitem das beste, das ich bisher in Barovia gekostet hatte. Zunächst hielt ich Lady Wachter für eine gewöhnliche Aristokratin, die Strahd fürchtete. Doch als ich beiläufig die Widerstandsbewegung erwähnte, offenbarte sich ihr wahres Gesicht: Sie war ihm treu ergeben.
In dem Moment änderte ich meine Taktik. Ich offenbarte, dass ich persönlich von Strahd eingeladen worden war, es aber bisher verschwiegen hatte, da ich sie für ebenso unbedeutend hielt wie die anderen. Sie glaubte mir und war sichtlich angetan. Lady Wachter bat mich, Strahd ein Geschenk zu überbringen: eine junge Frau, die sie als Opfergabe auserkoren hatte. Ich willigte ein. Derartige Gesten konnten mir nur weitere Gunst bei Strahd verschaffen.
Während wir speisten, lenkte sie das Gespräch auf den Umsturz. Sie fragte, ob ich helfen könne. Meine Aufgabe wäre einfach: Ich sollte für Aufruhr an einem der Stadttore sorgen und Izek lange genug beschäftigen, bis sie den Bürgermeister beseitigt hätten. Eigentlich war es mir nicht um den Putsch gegangen, sondern um das Buch über Strahds Vergangenheit, das sich in ihrem Besitz befinden sollte. Doch sie weigerte sich, es mir auszuhändigen. Also willigte ich in ihren Plan ein. Allein schon, weil es mir eine Gelegenheit bot, meine Macht vor Strahd unter Beweis zu stellen.
***
Zunächst befahl ich meinem Vampir, die junge Frau zu entführen und sie in den Tunneln meines treuen Landhais zu verstecken – den ich mittlerweile liebevoll Bulli getauft hatte. Danach wies ich ihn an, am Südtor eine Schneise aus Blut zu schlagen, die Stadtwachen zu dezimieren und für Chaos zu sorgen, bis Izek auftauchte. Während mein Vampir eine Wache nach der anderen niedermetzelte, suchte ich mir eine gemütliche Veranda in der Nähe, schlug entspannt die Beine übereinander und genoss das Spektakel.
Schließlich erschien Izek. Er fand eine Szene des Grauens vor: 17 zerrissene Wachen lagen bereits am Boden. Dann begann der Kampf. Anfangs war es ein Duell auf Augenhöhe, doch allmählich schien sich das Blatt zugunsten von Izek zu wenden. Immer wenn mein Vampir drohte zu unterliegen, ließ ich meine dunkle Macht durch ihn strömen und heilte seine Wunden.
Izek kämpfte bis zum Äußersten, doch irgendwann reichte es nicht mehr. Er sank auf die Knie, atmete schwer – und dann wurde es still. Gemächlich erhob ich mich, schlenderte in Richtung der Bürgermeistervilla und betrachtete zufrieden das Ergebnis des Putsches. Ich hatte noch nie so viel erreicht, ohne auch nur einmal selbst Hand anlegen zu müssen. Meine neuen Kräfte sind wahrlich ein Segen.
Tag 16
Heute brachen wir früh aus Vallaki auf – Strahd lässt man nicht unnötig warten. Xarla hatte den gestrigen Tag genutzt, um unsere neue Gefangene gefügig zu machen. Welche Methoden sie dabei anwandte, wollte ich gar nicht so genau wissen; das Ergebnis war jedenfalls überzeugend.
Wir ritten auf Bulli durch die karge Landschaft und kamen schnell voran. Die Reisezeit nutzte ich sinnvoll: Ich ließ mir von einer der Mägde der Wachters die Etikette der hiesigen Obrigkeit beibringen. Die Gepflogenheiten der barovianischen Adligen unterscheiden sich von denen in meiner Heimat, doch mit etwas Übung konnte ich mich gut anpassen. Während wir ritten, ersann ich bereits verschiedene Gesprächsstrategien für unser Treffen mit Strahd. Ich muss vorbereitet sein – jede falsche Geste, jedes unüberlegte Wort könnte entscheidend sein.
Dank Bulli konnten wir unsere Reisegeschwindigkeit nahezu verdoppeln. Bereits vor Einbruch der Nacht erblickten wir das Weiße Tor in der Ferne. Bevor wir es erreichten, beschlossen wir, unser Lager aufzuschlagen. Ich nutzte den Vorteil, eine Magd zur Verfügung zu haben, und ließ mir die Haare kämmen. Eine ungewohnte, fast schon dekadente Erfahrung. Seit meiner Kindheit hatte ich das stets selbst erledigt, doch jetzt fühlte ich mich für einen Moment fast selbst wie eine Adelige.
Doch ich darf mich nicht täuschen lassen. Morgen treffen wir auf Strahd. Und Adel hin oder her, vor ihm ist jeder ein Bauer auf seinem Spielfeld. Ich muss vorsichtig sein.
Zwischeneintrag
Letzte Nacht hatte ich erneut eine Vision. Sie unterschied sich jedoch von den bisherigen: Ich konnte mich frei bewegen. Die Welt, in der ich mich wiederfand, glich den Höllen aus alten Geschichten – roter Stein, brodelnde Lava, schwefelgeschwängerte Luft, durchdrungen vom Gestank verbrannter Leiber.
Ich wanderte umher, bis ich auf ein Wesen stieß, das ein massives Tor bewachte. Es erinnerte an einen Cambion, doch seine Flügel waren anders, als ich sie aus den Schriften kenne. Als ich mich näherte, rammte er sein Schwert in den Boden. „Ahh, endlich habt ihr es hierher geschafft. Eure Prüfung wartet“, sprach er, und das Tor öffnete sich.
Dahinter erhob sich ein schwarzer Turm, der in den blutroten Himmel ragte. Ein gewaltiger Eingang führte zu einer Treppe, die hinab in die Tiefe führte. Dort unten stand der Kreis aus Statuen, den ich bereits aus meiner ersten Vision kannte – nun jedoch umgeben von lodernden Flammen in unnatürlichem Violett.
Die Wände waren von Reliefs bedeckt: Sie zeigten die Entstehung des Universums, den Aufstieg göttlicher Wesen, den Krieg unter ihnen, das endlose Schlachtfeld, das folgte, und schließlich eine Ebene voller Leichen. Diese Leichen erhoben sich wieder, umhüllt von schwarzem Dunst, und über ihnen schwebte ein gepanzertes, göttliches Wesen mit schwarzem Heiligenschein.
Unwiderstehlich zog es mich in die Mitte des Raumes. Auf einem Podest lag eine violette Kugel, die rohe Macht ausstrahlte. Ich begehrte sie. Doch als ich versuchte, durch die Flammen zu treten, verlangsamte sich jeder Schritt, als würde ich durch Honig waten. Die lila Feuer fraßen sich in mein Fleisch, brannten mich bis auf die Knochen und erfüllten mich mit unvorstellbaren Qualen. Schreiend riss es mich aus der Vision – und ich fand mich zitternd und schweißgebadet am Ufer eines Teiches mitten in Barovia wieder.
Tag 17
Wie konnte ich nur so töricht sein. Schon beim Anblick der Kutsche, die uns am Weißen Tor erwartete, hätte ich wissen müssen, dass Strahds Einladung kein freundliches Gastmahl, sondern eine Falle war. Der Kutscher – bleich, wortlos, undurchdringlich – beantwortete keine meiner Fragen. Nur das gleichmäßige Stampfen der Pferdehufe und das Knarren der Räder begleiteten unsere Fahrt durch den Nebel. Je näher wir der Burg kamen, desto schwerer legte sich ein Gefühl der Beklemmung auf meine Brust. Ich schob es auf die Aufregung. Ein Fehler.
Das Tor der Festung öffnete sich lautlos, und wir wurden hineingeführt. Kein Empfang, kein Aufschub, keine Gelegenheit, mich vorzubereiten. Ich hatte gehofft, noch Zeit zu finden, die feinen Kleider und den Schmuck anzulegen, die ich mir eigens von der Frau des Bürgermeisters beschafft hatte. Stattdessen führte man uns durch kalte, steinerne Gänge direkt in das Herz der Burg. In jedem Korridor lauerten unbewegliche Wächter – Gargoyles, deren starre Gesichter nur zu warten schienen, und belebte Rüstungen, die regungslos dastanden, doch deren Aufmerksamkeit ich deutlich spürte. Tarnung als Zierde, doch ich durchschaute die Maskerade.
Schließlich öffnete sich eine Tür zu einem großen Saal. Ein Speisesaal, doch ohne Gastfreundschaft. Stattdessen hallten die tiefen Töne einer Orgel durch den Raum, gespielt von Strahd selbst. Der Klang vibrierte in meinen Knochen, dunkel, majestätisch, drohend. Wir standen schweigend, wagten nicht, die Musik zu unterbrechen. Erst als er sich langsam von den Tasten erhob und sich uns zuwandte, wagte ich zu atmen.
Sein Blick traf mich wie Ketten aus kaltem Eisen. Ich wollte mich widersetzen, doch mein Körper gehorchte seinem stummen Befehl. Wie ferngesteuert nahm ich Platz, unfähig, ihm den Gehorsam zu verweigern. „Ich habe euch beobachtet“, begann er, und seine Stimme war zugleich samtig und schneidend. „Ihr seid also auch eine Berührte. Von nun an werdet ihr mir dienen.“
Der Gedanke, für immer hier gefangen zu sein, ließ Panik in mir aufsteigen. Ich versuchte, mit kühler Stimme zu verhandeln: Was müsste ich tun, um nach Hause zurückkehren zu können? Ein bitteres Lächeln huschte über seine blutverschmierten Lippen. „Ihr kommt nicht nach Hause. Ihr gehört mir – für immer.“
Dann folgte sein Befehl, in der Klarheit und Endgültigkeit eines Urteils:
Finde und bringe mir Ireena.
Töte Van Richten und alle, die ihm folgen.
Ihm Widerspruch zu leisten, wäre mein Tod gewesen.
Ich fasste all meinen Mut, um noch eine Frage zu stellen: ob er für meine Visionen verantwortlich sei. Doch schon die Erwähnung ließ seine Fassade aus höflicher Arroganz zerbrechen. Wut loderte in seinen Augen, als hätte ich eine verbotene Saite berührt. Besonders die Erwähnung der violetten Flammen ließ ihn erzittern. Es kränkte ihn, dass ich es so weit geschafft hatte. Ein seltenes Geschenk – zu wissen, dass es etwas gibt, was Strahd so verärgert.
Ohne weitere Worte ließ er uns aus der Burg führen. Nicht als Gäste, nicht einmal als Verbündete, sondern wie Abfall, der seinen Zweck noch erfüllen möge, bevor man ihn entsorgt.
Doch während ich hinausging, zählte ich sorgfältig: acht Gargoyles, fünf belebte Rüstungen allein auf dem Weg zum Ausgang. Wachsam, tödlich. Diese Burg ist eine Festung des Todes, jeder Angriff gegen sie wäre Wahnsinn.
Mir bleibt keine Wahl, als seine Aufträge scheinbar zu erfüllen. Aber ich bin nicht so töricht, mich auf Strahds Gnade zu verlassen. Er versprach mir keine Heimkehr, nur Ketten. Wenn ich überleben will, muss ich selbst einen Ausweg finden – ich werde Strahd verraten und aus diesem elenden Land entkommen.
Tag 18
Wir sind heute gut vorangekommen. Wenn wir das Tempo halten, werden wir morgen Abend Vallaki erreichen. Der Weg war ruhig, beinahe zu ruhig, und so blieb mir viel Zeit für meine eigenen Gedanken.
Ich weiß, dass ich Strahd nicht alleine bezwingen kann. Seine Macht ist zu groß, seine Festung zu stark befestigt. Wenn ich eine Chance haben will, brauche ich Wissen – und Verbündete. Das eine wird mir helfen, seine Schwächen zu erkennen, das andere, diese auszunutzen.
Mein erster Schritt in Vallaki wird daher ein Besuch bei den Wachters sein. Es heißt, Lady Wachter besitze ein Buch über Strahds Vergangenheit. Wenn die Gerüchte stimmen, könnte sich darin ein Hinweis verbergen, der den Schlüssel zu seiner Verwundbarkeit darstellt. Sollte sich das bestätigen, werde ich alles daransetzen, es in meine Hände zu bekommen – egal, welchen Preis es fordert.
Eines weiß ich: Auf Strahds Wort darf ich mich nicht verlassen. Wenn ich überleben und nach Hause zurückkehren will, muss ich meinen eigenen Weg gehen. Und vielleicht ist genau in Vallaki der erste Stein für den Sturz dieses Tyrannen zu finden.
Tag 19
Wir erreichten Vallaki wie geplant am frühen Abend. Dank Bulli ist das Reisen inzwischen beinahe angenehm – schnell, sicher und komfortabler, als es je in diesem Land sein könnte. Noch bevor wir die Stadt betraten, grub er sich in seine Tunnel zurück, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Unser erster Weg führte uns zum Anwesen der Wachters. Xarla und die Vampirbrut ließ ich draußen Wache halten, während ich mich allein in die Tiefe des Kellers begab. Schon der erste Blick offenbarte einen seltsamen Raum – ein Kreis von Kultisten, die offensichtlich inmitten eines Rituals waren. Sie hielten inne, als sie mich bemerkten, und es kam sofort zum Kampf.
Ich war schon im Begriff, meine Kräfte bis an ihre Grenzen zu treiben, als Bulli plötzlich von unten durch die Mauern brach. Mit einem markerschütternden Knurren riss er die Kultisten in Stücke, ihre Schreie hallten durch das Gemäuer. Einer der jämmerlichen Narren versuchte zu fliehen, doch ich hielt ihn mit einem Hold Person fest, und Sekunden später zerbarsten seine Knochen unter Bullis Kiefern.
Nachdem die Stille zurückgekehrt war, nutzte ich meine nekromantische Verbindung und blickte durch die Augen meiner Vampirbrut. Lautlos kroch sie die Wände hinauf und erkundete das obere Stockwerk. Ihre Fähigkeit, sich an Mauern zu bewegen, erweist sich als unvergleichlicher Vorteil.
Dort fand ich zweierlei: die Tochter der Wachters, die offenbar den Verstand verloren hatte und sich für eine Katze hielt – eingesperrt wie ein Tier, um die Familie nicht zu beschämen. Und noch etwas… weit Abscheulicheres. Lady Wachter selbst, die sich mit dem Leichnam ihres verstorbenen Mannes vergnügte. Der Anblick allein ließ mir die Galle hochkommen – ekelerregend und krank. Doch trotz dieses Grauens spürte ich die Präsenz von Magie.
Als die Luft rein war, sandte ich die Vampirbrut, um den Gegenstand an sich zu bringen. Tatsächlich handelte es sich um ein Tagebuch – Strahds eigenes Tagebuch. Ich weiß nicht, wie Lady Wachter in seinen Besitz gelangt war, aber der Zufall war auf meiner Seite. Leider bemerkte eine Dienerin die Vampirbrut, doch sie bekam nicht einmal Gelegenheit zu schreien, ehe ihr Blut den Boden tränkte.
Wir verließen das Anwesen und zogen uns in das nun verlassene Haus des Bürgermeisters zurück. Dort wollten wir die Nacht verbringen. Während ich die Räume sicherte, entdeckte ich eine der Mägde, die sich im Keller verkrochen hatte – zitternd, voller Angst. Mit einem Hauch von Suggestion brach ich ihren Willen. Nun dient sie mir, ohne Lohn, ohne Bedingung. Ein weiterer kleiner Schritt in meinem wachsenden Gefolge.
Jetzt liegt Strahds Tagebuch vor mir. Ich spüre, dass es von mächtigen Bannungen durchzogen ist. Es wehrt sich gegen das Lesen, seine Seiten flackern und verschleiern sich. Doch ich werde die Kraft aufbringen, es zu öffnen. Darin liegt Wissen – vielleicht die Schwächen des Monsters, das dieses Land in Ketten hält. Und Wissen ist Macht.
Tag 20
Wir brachen bei Morgengrauen auf. Unser erster Weg führte uns zur Kirche von St. Andral, wo ich das Amulett gegen Ausspähung an mich bringen wollte – ein Artefakt, das sich als äußerst nützlich erweisen würde, um Strahds allgegenwärtigem Blick zu entgehen.
Doch als wir eintraten, bot sich uns ein Bild des Grauens. Der Boden war übersät mit Leichen: Gläubige, Männer, Frauen und sogar Kinder. Auch der Priester lag erschlagen zwischen den zerbrochenen Bänken. Der Geruch von Eisen und Verzweiflung hing schwer in der Luft.
Die Spuren sprachen eine klare Sprache. Es war das Werk einer Vampirbrut – und zu meinem Entsetzen erkannte ich, dass es die meine war. In seinen Erinnerungsfragmenten sah ich, was geschehen war: Die Frau, die ich einst Strahd als Opfergabe zugedacht hatte, war in die Kirche geflüchtet. Mein Diener war ihr gefolgt und hatte sich durch die Reihen der Gläubigen gemetzelt, bis er sie erreichte. Unzählige Unschuldige starben für ein einzelnes, unklares Ziel.
Ein Fehler in meiner Befehlskette. Ein Befehl, unpräzise erteilt, hat zu unnötigem Kollateralschaden geführt. Hier in Vallaki ist das ohne Belang – ich bin mit Abstand die Stärkste –, doch es ist eine Lektion. Ich darf die Konsequenzen meiner Macht nicht unterschätzen und muss meine Werkzeuge präziser führen.
Wir nahmen, was von Wert war: eine verzauberte Lederrüstung, die Robe des Priesters – die sich als eine Robe der Erzmagie herausstellte – und natürlich das Amulett. Dann verließen wir das entweihte Gotteshaus.
Auf dem Weg zum Westtor kamen wir an Plinskis Spielzeugladen vorbei. Etwas an diesem Ort stimmte nicht. Schon in Barovia war mir eine Frau begegnet, die verzweifelt eine seiner Puppen umklammerte, und die Erinnerung daran ließ mich nicht los. Im Laden erwartete uns ein überfreundlicher, dicker Mann in Kleidern, deren Buntheit nicht zu diesem Land passte. Sein Lächeln wirkte aufgesetzt, seine Worte trieften vor Höflichkeit. Als ich eine Puppe von Ireena entdeckte – so lebensecht, dass ich den Atem anhielt –, packte ich ihn. Unter dem Griff meiner Vampirbrut wand er sich wie ein Wurm. Eine Suggestion sollte ihn zwingen, die Wahrheit zu sagen, doch er schwor, nichts Unrechtes getan zu haben. Seine Antworten waren zu glatt. Entweder war er unschuldig, oder er war stärker, als er schien, und hatte den Zauber abgeschüttelt.
Ich fand nichts Belastendes und ließ ihn leben. Doch mein Instinkt sagt mir, dass hier etwas verborgen liegt. Er hat Glück gehabt. Vorerst.
Schließlich brachen wir nach Westen auf. Unser Ziel: Krezk. Van Richten hatte angedeutet, dass dort ein Schlüssel zu Strahds Sturz verborgen sein könnte.
Während der Reise versuchte ich erneut, das Tagebuch zu entschlüsseln. Die Bannungen wehrten sich noch immer, doch Stück für Stück drangen meine Kräfte tiefer in seine Geheimnisse vor. Heute offenbarte sich mir ein erstes Fragment: Strahds Kindheit. Er war der älteste Sohn eines strengen Vaters, König Barov, und einer kühlen, distanzierten Mutter. Von früh an zum Krieger geformt, ohne Kindheit, ohne Wärme. Seine Brüder erhielten Zuneigung, er nur Disziplin. Diese Leere, diese ewige Suche nach Anerkennung, war der Keim, aus dem später sein unbändiger Durst nach Macht erwuchs. Der Junge, der nie geliebt wurde, wurde zum Mann, der nur Herrschaft kannte.
Als am Abend dunkle Wolken aufzogen, suchten wir einen Rastplatz. Die Nacht wird unruhig, das spüre ich. Morgen wartet eine lange Reise, und das Gefühl, dass wir Krezk nicht unbemerkt erreichen werden, wächst mit jeder Stunde.
Tag 21
Die Nacht verlief ruhig, doch der Morgen brachte eine neue Bedrohung. Ein Oni, ein massives, missgestaltetes Wesen, trat aus dem Nebel. Er brüllte etwas von der „Vernichtung der Untoten“ und kam direkt auf uns zu, unbeeindruckt von dem Tunnel, den Bulli gegraben und den ich mit einer Illusion getarnt hatte.
Ich zögerte nicht. Seine Kraft war beachtlich, doch gegen meine Magie war er machtlos. Ein einziger Blitzstrahl durchbohrte ihn, und er brach krachend zusammen. Rauch stieg von seiner verkohlten Gestalt auf, während wir unseren Weg unbeirrt fortsetzten. Eine simple, aber effektive Beseitigung eines Hindernisses.
Unterwegs gelang es mir, ein weiteres Siegel in Strahds Tagebuch zu brechen. Dieses Kapitel enthüllte seine militärischen Erfolge. Unzählige Schlachten hatte er im Namen seines Vaters geführt, gnadenlos und ohne Zögern. Er setzte auf rohe Gewalt und Belagerungen, bis jede Hoffnung auf Widerstand erstickt war. Ganze Städte verbrannten, doch Frieden fand er nicht. Stattdessen wuchs seine Paranoia, er sah Verräter in jeder Ecke, und sein Durst nach Ruhm und Blut wurde unstillbar, während die letzten Reste seiner Menschlichkeit verkümmerten.
Am späten Nachmittag erreichten wir einen halb verfallenen Turm am See – Van Richtens Versteck. Ich legte das Amulett gegen Ausspähung an und näherte mich. Vor dem Eingang stand ein Wagen, scheinbar verlassen. Misstrauisch schickte ich meine Eule vor, doch sie fand niemanden. Als ich den Wagen selbst untersuchte, explodierte er. Die Druckwelle schleuderte mich zurück. Eine Falle, ebenso plump wie vorhersehbar.
Am Eingang des Turms stand eine junge Frau mit dunklen Haaren und einem wilden Blick. Ihre Hände knisterten vor magischer Energie. „Was sucht ihr hier?“, fragte sie kalt.
Ich rappelte mich auf und erklärte, dass ich Van Richten suche. Ich erwähnte die Information über eine mögliche Schwachstelle Strahds in Krezk. Sie stellte sich als Esmeralda vor, seine Schülerin, doch statt mir zu helfen, riet sie mir, sie zu einer alten Burg zu begleiten, wo es kürzlich Vorfälle gegeben habe.
Nein. Das war nicht mein Weg. Ich war hier, um Van Richten zu finden, nicht um mich neuen Ablenkungen hinzugeben. Ich verabschiedete mich knapp und setzte meinen Weg nach Krezk fort. Das Amulett legte ich wieder ab. Strahd soll glauben, er habe mich stets im Blick. Er darf nicht wissen, dass ich mich seinem Auge entziehen kann.
Am Abend schlugen wir unser Lager an einem See auf, dessen idyllische Ruhe in diesem Land nur eine weitere Form der Täuschung sein konnte.
Zwischeneintrag
Ich erwachte erneut in jener seltsamen Welt voller Blut und Leichen – doch diesmal direkt vor dem schwarzen Turm. Der Kreis aus violetten Flammen stand unverändert da, als würde er nur auf mich warten. Dieses Mal hatte ich einen Plan.
Ich wirkte Hast auf mich und stürmte los. Wieder verlangsamte mich die Magie der Flammen, doch diesmal zwang ich mich hindurch. Jeder Schritt brannte, jeder Atemzug war Qual, doch ich erreichte das Podest. Die Statuen ringsum schienen mich mit kalten Augen zu verfolgen.
Dort, im Zentrum, schwebte eine Kugel aus Nebel und lila Energie, Blitze zuckten unkontrolliert von ihr aus. Instinktiv wollte ich sie berühren, doch ein Blitz schoss nach mir – und ich erkannte: Er wurde vom Sonnenschwert angezogen. Ich richtete die Klinge auf die Kugel, die Blitze fraßen sich in das Licht. Dann stieß ich das Schwert ganz hinein.
Die Realität zerriss. Plötzlich stand ich in einer Ebene aus purem Schwarz, grenzenlos und leer. Vor mir formte sich eine Gestalt aus Nebel, durchzogen von lila Energie, ständig in Bewegung, ständig wandelnd.
„Ich bin Uruk, Sohn von Ignis, Sohn von Marena. Bringer des Donners. Lenker der Blitze. Klinge des Exarchen…“ Noch viele Titel folgten, jeder schwerer als der vorige. „Ihr habt Fragen. Stellt sie.“
Ich fragte, warum Cintrama nicht mein Ende gewesen sei, als der Brandok mich zerschmetterte.
„Vegnar hat noch etwas mit euch vor,“ antwortete er. „Er sucht Anwärter, Nachfolger als Exarchen. Er zeichnet sie als Berührte und prüft, ob sie würdig sind.“
Vegnar – der Name hallte in mir nach. Ein böser Gott, verehrt von Kulten in Splitus und der Großen Wüste, die in seinem Namen einen Drakolich erschaffen wollen. Ja, er war es, den ich im Blutraum gespürt hatte.
Ich fragte nach dem dunklen Ritter, den ich auf den Fresken gesehen hatte. Uruks Stimme wurde melancholisch. „Er war der letzte Exarch von Vegnar. Ich diente an seiner Seite. Nach seinem Tod ist es meine Aufgabe, die Anwärter zu prüfen.“
Warum war das Sonnenschwert der Schlüssel?
„Weil es nie ein Schwert des Lichts war,“ sprach Uruk. „Seine ursprüngliche Form war das Donnerschwert. Luxor entweihte es und formte es um. Doch ich bin eins mit der Klinge. Ich bin ihr Geist.“
Und schließlich: Was erwartet Vegnar von mir?
„Euer Schicksal ist zweierlei: Hier zu sterben und vergessen zu werden – oder Strahd zu vernichten und als Exarch an Vegnars Seite zu treten.“
Dann trat er zurück. „Genug der Worte. Zeigt mir eure Kraft.“
Meine Diener erschienen, und ich ließ Bulli seine volle Stärke entfesseln. Mit all meiner Macht verstärkte ich ihn. Er sprang, riss, biss – doch Uruk war weit überlegen. Ein einziger Zauber genügte, und ich lag geschlagen am Boden. Er sah auf mich herab, doch in seinen Augen lag Zufriedenheit. „Ihr seid die aussichtsreichste Kandidatin bisher.“
Dann kniete er nieder und reichte mir das Donnerschwert. Ich ergriff es – und erwachte wieder im Lager, unter einem sternenklaren Himmel. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Barovia waren die Wolken verschwunden. Ich reckte die Klinge empor, und ein Blitz schoss in den Himmel, begleitet von donnerndem Grollen.
Xarla stand vor mir. Ohne zu zögern fiel sie auf die Knie, den Kopf gesenkt. „Ich werde euch überallhin folgen – für immer.“
Ich hob ihr Kinn an, zwang sie, mir in die Augen zu sehen, und küsste sie. „Gemeinsam,“ sprach ich, „werden wir die Welt verändern.“
In ihren Augen brannte eine tiefe, unerschütterliche Ergebenheit.
Tag 22
Wir setzten unsere Reise nach Krezk fort. Der Weg war still, beinahe zu still. Kein Wolfsgeheul, kein Rascheln im Unterholz – nur das gleichmäßige Geräusch von Bullis Schritten. Eine unnatürliche Ruhe, die ich misstrauisch beobachtete, doch nichts geschah.
So nutzte ich die Zeit, um ein weiteres Kapitel aus Strahds Tagebuch zu entschlüsseln. Stück für Stück löste sich der Widerstand der Bannungen, und seine Worte offenbarten mehr von seiner Vergangenheit. Es war die Zeit nach seinen großen militärischen Siegen. Er war der gefeierte Feldherr, doch im Inneren bereits von Bitterkeit und Einsamkeit zerfressen. Sein jüngerer Bruder Sergej stand im Licht – jung, gutaussehend, beliebt. Vor allem aber gewann er die Liebe einer Frau, die Strahd selbst begehrte: Tatyana.
Sein Neid wuchs zu Hass. Er schrieb mit kalter Ehrlichkeit, dass er das Glück seines Bruders nicht ertragen konnte. In den Zeilen schwang eine Besessenheit, die mich frösteln ließ. Tatyana wurde für ihn zum Symbol all dessen, was ihm verwehrt blieb: Jugend, Liebe, ein Neubeginn. Sergej wurde zur Verkörperung des Verrats.
Es ist offenkundig: Strahds größte Siege wurden nicht auf dem Schlachtfeld errungen, sondern in der Intrige gegen die eigene Familie. Dort nahm seine Verwandlung ihren Anfang.
Der Rest des Tages verlief ereignislos. Wir kamen unserem Ziel näher, und doch kreisten meine Gedanken um die Vision der vergangenen Nacht und um das Schwert, das nun in meiner Hand ruht: das Donnerschwert.
Strahd wird aufgebracht sein, wenn er erfährt, dass ich die Prüfung bestanden habe, an der er selbst gescheitert ist. Schon die bloße Erwähnung meiner Vision hatte ihn in Zorn versetzt. Nun halte ich die Klinge selbst. Ich darf ihm nicht mehr begegnen, ehe ich stark genug bin, ihn zu bezwingen. Bis dahin werde ich wachsen. Und wenn die Zeit gekommen ist, wird Strahd erkennen, dass er nicht der Einzige ist, der von den Mächten jenseits dieser Welt erwählt wurde.
Tag 23
Krezk war ein Reinfall. Wir erreichten die Stadttore am Vormittag. Meine Untoten ließ ich außer Sichtweite und trat allein an das Tor. Ein Wachsoldat öffnete den Sichtschlitz. Ruhig erklärte ich, dass ich nur nächtigen und Vorräte auffüllen wolle. Es war klüger, Van Richtens Namen nicht zu erwähnen – in diesem Land weiß man nie, wer zuhört.
Die Antwort war eine schroffe Abweisung. Ich forderte, mit jemandem von Bedeutung zu sprechen. Daraufhin erschien ein Mann mit schwerem Akzent – vermutlich die rechte Hand des Bürgermeisters –, der mir ebenfalls den Einlass verweigerte.
Meine Geduld schwand. Ich verstärkte meine Stimme mit Thaumaturgie und ließ meine Präsenz schwer auf ihn wirken. Doch anstatt Furcht zu zeigen, schrie er panisch und befahl den Wachen, mich anzugreifen.
Genug. Ich gab Bulli den Befehl, und er stürmte auf das massive Tor zu. Drei wuchtige Stöße genügten, um die Balken zu splittern. Meine Vampirbrut packte den Mann, bevor er reagieren konnte. Mit meiner Geisel in den Händen stellten die Wachen sofort ihr Feuer ein.
Wut brannte in mir, als ich verlangte, zu wissen, wo Van Richten sei. Die Antwort war ernüchternd: Er war vor einigen Tagen zu Burg Argynvostholt aufgebrochen, wo ein Ereignis seine Aufmerksamkeit erforderte. Ausgerechnet jene Burg, von der Esmeralda gesprochen hatte.
Ich zwang mich zur Ruhe, ließ von dem Mann ab und warf ihm zehn Goldstücke vor die Füße. „Für euer Tor“, sagte ich spöttisch und verließ den Ort ohne ein weiteres Wort.
Eine frustrierende Erfahrung. Ich war so in Gedanken versunken, dass es mir heute nicht gelang, ein weiteres Geheimnis aus Strahds Tagebuch zu entschlüsseln. Meine Konzentration war gestört. Doch morgen werde ich stärker sein – und meine Geduld ist nicht unerschöpflich.
Tag 24
Wir kamen schnell voran, sodass ich weitere Siegel in Strahds Tagebuch brechen konnte. Das nächste Kapitel enthüllte die dunkelste Wendung seiner Geschichte.
Er berichtete, wie er – alt geworden, vom Krieg zermürbt und voller Neid auf seinen Bruder – einen Pakt mit dunklen Mächten schloss. In der Nacht vor Sergejs Hochzeit mit Tatyana opferte er sein eigenes Blut in einem Ritual, das ihm Unsterblichkeit versprach. Während die Glocken der Trauung läuteten, lockte er Sergej in die Kapelle und ermordete ihn dort kaltblütig. Tatyana schrie, stürzte sich in die Fluten unterhalb der Burg und entrann ihm so. Doch Strahd selbst starb nicht. Sein eigener Tod war der Beginn seiner Verdammnis: Er erhob sich als etwas Neues – ein Vampir, gebunden an das Land, an Blut und Schatten. In seinen Zeilen spürt man die Mischung aus Triumph und bitterer Leere. Er hatte alles gewonnen und zugleich alles verloren.
Am Abend erlebten wir eine höchst seltsame Begegnung. Ein verwirrter Mann kam uns auf der Straße entgegen, bar jeder Furcht. Er ging geradewegs auf meine Vampirbrut zu, musterte sie neugierig und strich ihr sogar über den Eckzahn. Als die Brut nach ihm schnappte, wich er lachend zurück.
Ich stieg von Bulli und fragte ihn, ob er den Verstand verloren habe. Er lachte nur: „Dieser kleine Beißer ist doch nicht gefährlich – aber so interessant.“ Ich spürte sofort, dass mächtige Magie in ihm wohnte. Kurz erwog ich, ihn zu töten und seinen Körper meinem Gefolge hinzuzufügen. Aber zuerst wollte ich sicher sein, dass er kein Gegner war, den ich nicht bezwingen könnte.
Auf meine Frage, ob er ein Magier sei, blickte er verwirrt. „Magier? Ich weiß nicht, was das sein soll. Ich kann nur sowas hier…“ Und mit einer beiläufigen Handbewegung ließ er einen gewaltigen Blitz in einen Baum krachen. Das Holz ächzte, splitterte und brach mit Donnern zusammen. Keine Formel, keine Vorbereitung. Ein Zauberer, zweifellos – und ein mächtiger dazu, wenn auch offenkundig wahnsinnig.
„Ich hätte was Spaßiges für euch,“ sagte ich dann. „Im Osten gibt es ein Lager von Werwölfen. Die könnten doch ein angemessenes Spielzeug für euch sein.“ Ich beschrieb ihm den Ort nach den Erinnerungen meines bereits vernichteten Werwolfdieners. Er nickte, bedankte sich und erhob sich in die Lüfte, um in die angegebene Richtung zu fliegen.
Was für ein seltsamer Kerl. Wahnsinnig – und doch voller Kraft. Vielleicht begegne ich ihm eines Tages wieder.
Wir schlugen unser Lager am Wegesrand auf. In der Ferne ragen bereits die Türme von Argynvostholt gegen den Horizont – ein düsteres Versprechen für den morgigen Tag.
Tag 25
Bei Morgengrauen erschien ein Fuchswesen in unserem Lager. Es nannte sich Neferon und verlangte, ich solle das Donnerschwert aushändigen – angeblich gehöre es rechtmäßig „dem Herrn“. Ich machte ihm klar, dass Strahd, wenn er es haben wolle, selbst kommen müsse. Neferons Miene verdunkelte sich, er drohte mir mit Konsequenzen und verschwand. Ich schenke seinen Worten wenig Beachtung. Uruk, der Geist des Schwertes, zu verärgern, wäre ein Fehler – Strahd hingegen bleibt ein Problem, das ich eines Tages lösen werde.
Die Festung Argynvostholt erhob sich bald vor uns: halb verfallen, der rechte Flügel eingestürzt. Die Drachenstatuen am Brunnen und den Treppen strahlten noch immer eine unheilvolle Präsenz aus. Im Inneren lastete eine bedrückende Atmosphäre. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, ein Schattendrache glitte über die Wände. Wahrscheinlich nur Einbildung, doch in Barovia kann man nie sicher sein.
Ich schickte meine Eule voraus und fand Van Richten und Esmeralda, beide verletzt. Nützliche Werkzeuge, die zu früh verloren zu gehen drohten. Ich legte das Amulett gegen Ausspähung an und spürte, wie sich ein unsichtbarer Druck von mir löste. Offenbar hatte mich jemand beobachtet. Gut, dass ich das Artefakt rechtzeitig nutzte.
Wir heilten die beiden notdürftig. Van Richten nutzte die Gelegenheit sofort für Mahnungen – die Burg sei voller Untoter, wir müssten fliehen. Als ob er mir Befehle erteilen könnte. Ich schickte ihn und Esmeralda hinaus; in ihrem Zustand hätten sie ohnehin nur meine Kräfte verschwendet.
Kurz darauf traten drei untote Ritter auf uns zu. Der Kampf war hart, und Bulli wurde von ihren Schwertern zerschmettert. Sein Verlust schmerzt nicht emotional, wohl aber praktisch: Die Geschwindigkeit unserer Reisen hat gelitten. Immerhin konnte ich ihn durch einen der gefallenen Ritter ersetzen. Ein brauchbarer Ersatz, wenn auch nicht so vielseitig wie Bulli.
Als wir uns zurückziehen wollten, rollte eine Kutsche vor. Sie war leer, nur ein Sarg lag darauf. Mein Name war in schwarzer Schrift in das Holz gebrannt: Narcelia Dryalis. Ein billiger Versuch, mich einzuschüchtern. Doch der Sarg verwandelte sich in ein riesiges Maul, und die Kutsche entpuppte sich als Mimik – die größte, die ich je gesehen habe. Sie griff sofort an. Erst nach einem zähen Kampf, den wir nur mit vereinten Kräften beendeten, brach sie unter Esmeraldas Blitzmagie zusammen.
Es ist mühsam, in diesem Land noch Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu haben. Selbst Kutschen und Möbel sind Feinde. Doch das Wissen um diese Tatsache ist ein Vorteil – ich werde mich nicht mehr überraschen lassen.
Wir rasten nahe der Festung. Van Richten sprach von den Rittern, die hier einst gegen Strahd kämpften, und davon, dass er in diesen Ruinen eine Waffe gegen Strahds Macht sucht. Für mich ist er vor allem eine Quelle von Informationen und Erfahrung. Doch er hat zu viel Moral, und Moral ist in Barovia ein Anker, der einen in den Abgrund zieht. Früher oder später wird er mir im Weg stehen. Ich werde vorbereitet sein.
Tag 26
Niemand wollte zurück in die Festung. Dennoch gingen wir. Zuerst erkundeten wir die Kapelle: ein Ort der Verehrung für den Silberdrachen Argynvost, aber ohne Wert für mich. Keine Reliquien, keine Schätze. Der Südflügel war von Spinnennetzen überwuchert und voller Riesenspinnen – Zeitverschwendung.
Im Nordflügel hingen Gemälde und Einrichtungsstücke, die wertvoll gewesen wären. Als ich ein Bild abhängen wollte, erhob sich eine überwältigende, wütende Präsenz. Ich ließ es an der Wand. Magische Kräfte, die in Kunstwerken hausen, sind selten ihr Risiko wert.
Ein verwahrloster Junge versteckte sich im Weinkeller. Er suchte nach einem Mädchen namens Arabel. Ich habe keine Verwendung für ihn, sein Schicksal ist mir gleichgültig. Vielleicht wird er irgendwann nützlich, vielleicht nicht.
Im zweiten Stock fand ich ein Podest mit einem abgetrennten Frauenkopf. Ein makabres Fundstück – und als ich mich umdrehte, lag plötzlich ein zweiter dort. Offenbar eine Art verfluchtes Relikt. Ich nahm Abstand. Dinge, die nicht berechenbar sind, lohnen den Aufwand selten.
Ein Trupp Phantome stellte sich uns entgegen, doch nach kurzem Kampf waren sie nichts weiter als Schleim an den Wänden. Esmeralda und Van Richten zeigten sich dabei fähig – gut. Sie haben ihren Nutzen noch nicht verloren.
Im oberen Stockwerk entdeckte ich einen Raum voller untoter Ritter, darunter wohl ein Kommandant. Ein anderer, einsam auf einem Thron sitzend, sprach von seiner Buße für vergangenes Versagen. Er erzählte, wie sie vor Jahrhunderten Strahd aufhalten wollten, scheiterten und in Untote verwandelt wurden. Selbst ihr Anführer, der Silberdrache, war gefallen.
Ich bot ihm an, mit mir gegen Strahd zu ziehen. Er fauchte, Strahd dürfe nicht sterben, er müsse ewig leiden. Ich täuschte an, Tatyana sei bei Strahd und er feiere in seiner Burg. Die Täuschung wirkte: Er raste vor Wut und zerschlug sogar seinen Thron. Wir einigten uns auf ein gemeinsames Ziel – Strahd leiden zu lassen, bis er selbst nach dem Tod fleht.
Er warnte vor Strahds Gewohnheit, sein Gefängnis von oben zu beobachten, und verwies auf den Bernsteintempel als Quelle von Strahds Macht. Dort liegt also der Schlüssel. Das ist wertvoll. Mit diesen Informationen lässt sich arbeiten.
Van Richten missfiel diese Allianz. Verständlich – er denkt in Moral, ich in Ergebnissen. Ich machte ihm klar, dass wir nicht wählerisch sein können. Er stimmte widerwillig zu. Ich registrierte jedoch seinen Widerstand. Eines Tages wird er sich gegen mich wenden. Ich werde ihn vorher ausschalten müssen.
Als wir zum Lager zurückkehrten, fanden wir Blutspuren. Die Magd, die ich in Vallaki übernommen hatte, war verschwunden. Ein Verlust, aber nicht von Bedeutung. Diener gibt es viele. In Barovia zählt nur Macht – und die fällt mir nicht durch Mägde zu, sondern durch Wissen, Artefakte und Furcht.
Tag 27
Van Richten bestand darauf, nach Krezk zurückzukehren. Er sprach von Vorräten und „unerledigten Angelegenheiten“. Ich hätte den direkten Weg nach Süden bevorzugt. Zeit ist eine Ressource, die wir uns nicht leisten können zu verschwenden, doch auch Xarla und ich hatten kaum noch Vorräte. Es wäre unklug gewesen, ihn hier aus Trotz zu ignorieren. Also gaben wir nach.
Ohne Bulli war der Marsch mühselig, und das Lesen in Strahds Tagebuch unterwegs nahezu unmöglich. Ich vermisse den Vorteil seines Rückens, nicht das Tier selbst.
Gegen Mittag bewies Xarla ihre Aufmerksamkeit: Sie rief uns plötzlich zur Deckung. Kurz darauf sah auch ich, was sie bemerkt hatte – ein riesiger, geisterhafter Drache zog hoch über uns durch die Lüfte. Das musste gemeint gewesen sein, als die Ritter von Argynvost sagten, Strahd betrachte sein Gefängnis gern von oben. Wären wir auf der Straße geblieben, wären wir ein leichtes Ziel gewesen.
Wir hielten uns verborgen, bis wir sicher waren, dass er außer Reichweite war. Dann setzten wir unseren Weg fort, den Blick häufiger zum Himmel gerichtet als auf die Straße.
Tag 28
Die Reise verlief ereignislos. Am Nachmittag erreichten wir Krezk. Die Holztore waren mit einigen Brettern notdürftig repariert – eine armselige Flickschusterei. Hätten sie mich beim letzten Mal einfach eingelassen, wäre ihnen das erspart geblieben. Aber es war ihre Entscheidung, und sie können sich glücklich schätzen, dass ich sie damals verschonte. Ihr Tod hätte die Allianz mit Van Richten wohl schneller beendet, als mir lieb gewesen wäre.
Er bat mich, die Untoten vor der Stadt zu lassen, um keine Probleme zu provozieren. Ich stimmte zu; ein unnötiger Konflikt wäre Zeitverschwendung. Xarla und ich wirkten zusätzlich Unsichtbarkeit. Van Richten wurde am Tor empfangen und ohne Zögern eingelassen. Als er sich nach den Schäden erkundigte, erklärten die Wachen, dass diese von meinem ersten Besuch herrührten. Ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als Van Richten mir einen unauffälligen, missbilligenden Blick zuwarf. Die Wachen bemerkten nichts, und so blieben wir unentdeckt.
Wir hielten an einem großen Haus, wo Van Richten sich verabschiedete. Er habe noch etwas zu erledigen. Seine Geschäfte interessieren mich nicht, solange er nützlich bleibt. Esmeralda, Xarla und ich nutzten die Zeit, um die Vorräte aufzustocken.
Die Dame des Hauses sprach von seltsamen Vorgängen in der Abtei – ein Ort, an dem sich vermutlich wertvolle Gegenstände finden ließen. Unter anderen Umständen ein lohnendes Ziel, doch dafür fehlt uns die Zeit. Der Bernsteintempel ist entscheidend. Alles andere ist Ablenkung.
Morgen brechen wir auf. Wir haben bereits zu viel Zeit verschwendet.
Tag 29
Wir brachen früh auf, hauptsächlich, weil ich Druck machte. Jede Stunde, die wir verlieren, spielt Strahd in die Hände. Der ständige Schlafbedarf der Menschen ist eine Schwäche, die mir zunehmend lästig wird; Tieflinge benötigen zumindest weniger, und das Elfenblut in meinen Adern erlaubt mir, meine Kräfte auch ohne Schlaf zu erneuern. Schlaf ist eine Zeitverschwendung, die ich mir nicht leisten kann.
Leider war es uns nicht möglich, Pferde oder einen Wagen aufzutreiben. So bleibt unser Tempo unbefriedigend langsam. Bulli fehlt mir in dieser Hinsicht – er war Transportmittel und Waffe zugleich.
Gegen Mittag stießen wir auf mehrere Leichen von Dorfbewohnern. Sie waren von Wölfen zerrissen worden, doch einige Bisswunden waren zu groß für gewöhnliche Tiere. Lykanthropen? Oder Strahds Diener? Die genaue Antwort ist irrelevant; die Gefahr ist real. Wir hielten die Augen offen, doch an diesem Tag begegnete uns nichts weiter.
Beim Aufschlagen des Lagers wählte ich einen Platz mit ausgezeichnetem Ausblick – freie Sicht über den Wald bis zum See im Norden, ein strategischer Vorteil, um Feinde früh zu erkennen. Xarla jedoch wies mich darauf hin, dass wir selbst zu offen lagen und ein leichtes Ziel abgeben würden. Ich gab ihr Recht. Ihr Instinkt für dieses Land ergänzt meine Magie. Ich manipuliere Macht, sie versteht die Realität.
Tag 30
Heute ist es genau ein Monat, seit ich in diesem verfluchten Land gestrandet bin. Auf dem Weg überkam mich ein Anflug von Nostalgie – nicht nach den Jahren bei meinem Ziehvater, die ich lieber aus meinem Gedächtnis streiche, sondern nach der Zeit mit Thomas.
Als Söldner durch die Geschmolzene Bucht zu ziehen, war alles andere als leicht, doch wir wussten meist, wann und gegen wen wir kämpfen würden. Eine gewisse Berechenbarkeit, selbst in Blut und Schlamm. Und Thomas war immer da, mit einem Lächeln oder einem Spott, der die Stimmung aufhellte.
Dann der Gedanke an seinen Tod. Der Moment, als der Hammer des Brandocks neben mir niedersauste und Thomas in einer einzigen Sekunde in eine blutige Masse verwandelte. Dieser Augenblick hat sich eingebrannt. Ich werde ihn rächen, ganz sicher. Aber zuerst muss ich aus diesem Land entkommen, und dafür muss Strahd sterben.
Am Abend erreichten wir eine Wegkreuzung. Van Richten bestand darauf, einen Umweg zum Weingut zu machen. Dort sei die Basis der Wer-Raben, deren Unterstützung von Nutzen sein könnte. Er hat nicht Unrecht, doch jeder Umweg kostet uns Zeit – und Zeit haben wir nur wenig.
Heute Nacht werde ich diesen Gedanken von allen Seiten prüfen. Morgen treffe ich die Entscheidung: Bündnis oder direkter Weg.
Tag 31
Wir entschieden uns für das Bündnis mit den Wer-Raben und schlugen den Weg zum Weingut ein. Nach Stunden erreichten wir die Felder – endlose Reihen von Reben, die am Horizont mit dem bedrückenden Dunkel des Waldes verschmolzen. Eine trügerische Ruhe, wie sie für dieses Land typisch ist. Xarla bemerkte eine Bewegung im Gebüsch. Ich ließ meine Untoten vorrücken, und sie zerrten einen Jungen hervor, dessen Fluchtversuch kläglich scheiterte.
Von ihm erfuhr ich, dass die Krieger des Guts – die Wer-Raben – durch eine mysteriöse Seuche ans Bett gefesselt waren. Daraufhin hatte eine Übermacht von Zweigplagen den Ort überrannt und die Bewohner zur Flucht gezwungen. Ich überließ den Jungen Van Richten; das Beruhigen von Kindern liegt ihm ohnehin mehr als mir. Für mich zählten nur die Informationen.
Kurz darauf trafen wir auf die übrigen Flüchtlinge: Alte, Frauen, Kinder und einige Krieger, die sich wimmernd vor Schmerzen am Boden wanden. In diesem Zustand waren sie nutzlos. Ihr Anführer, ein älterer Mann, erklärte, es sei ein Gift, das sich nur mit Utensilien aus dem Weingut neutralisieren ließe. Zuerst müsse der Ort jedoch von den Plagen befreit werden. Er vermutete einen Druidenzirkel hinter den Angriffen, der das Gut gezielt geschwächt hatte.
Noch während wir sprachen, warnte Xarla vor neuer Gefahr. Nur Momente später brach eine Armee aus vier Dutzend Zweigplagen und zwei monströsen Schlurfern über uns herein. Ich reagierte ohne Zögern. Feuerbälle brannten Schneisen in ihre Reihen, doch ihre schiere Masse kostete mich meine Vampirbrut – ein Werkzeug, das mir länger gedient hatte als Bulli. Ein Verlust, der mich nicht emotional berührt. Er war nützlich, jetzt ist er es nicht mehr. Die Schlurfer erwiesen sich als zäher, doch auch sie konnten meinen Kräften nicht standhalten. Wo ich vor Wochen noch um mein Leben gekämpft hätte, war es heute nur eine Frage von Geduld und Präzision.
Wir säuberten das Weingut Raum für Raum. Ich nutzte die Gelegenheit, Wertgegenstände an mich zu nehmen, bevor Van Richten und die anderen genauer hinsehen konnten. Seine moralischen Bedenken sind bedeutungslos – Ressourcen gehören dem, der sie zuerst beansprucht. Ein Druide wurde getötet, ein anderer entkam. Ich erhob den Gefallenen in meinen Dienst und vergrößerte mein Arsenal.
Mittels meiner Eule tauschte ich Nachrichten mit dem Anführer der Wer-Raben aus. Sie nahmen ihr Gut wieder in Besitz, während wir übereinkamen, den geflohenen Druiden zu verfolgen. Die Druiden hatten die „Saat“ gestohlen, ein mächtiges Artefakt, das angeblich das Herz der Weinberge bildet. Für die Wer-Raben mag es ihr Überleben sichern – für mich ist es vor allem Macht. Wenn es so stark ist, wie sie behaupten, werde ich es mir aneignen. Kein Bündnis wird mich daran hindern.
Morgen erreichen wir ihren Hain. Ich habe nicht die Absicht, Zeit zu verschwenden. Dieses Artefakt wird mir gehören.
Tag 32
Wir brachen auf, sobald die Menschen es zuließen. Van Richtens Beharren auf ausgedehnten Ruhepausen ist eine Schwäche, die uns alle gefährdet. Schlaf ist ein Luxus, den ich nicht benötige und sie sich nicht leisten können. Während sie schliefen, nutzte ich die Zeit. Ich durchforstete die Erinnerungsfetzen des wiedererweckten Druiden und präparierte ihn mit dem Alchemistenfeuer aus dem Durst-Anwesen und meinen letzten Ölflaschen – eine lebende Bombe, perfekt für den bevorstehenden Empfang.
Am frühen Nachmittag setzten wir den Plan in die Tat um. Meine Kreatur wurde arglos von ihren ehemaligen Gefährten empfangen. Als sie in ihrer Mitte stand, ließ ich sie mittels Leichenexplosion in einem gleißenden Feuerball vergehen. Der gesamte Wachposten wurde ausgelöscht – präzise, effizient, endgültig.
Wir setzten den Marsch den Berg hinauf fort, wichen einigen Patrouillen mühelos aus und besprachen an der Spitze die weitere Vorgehensweise. Xarla und ich würden uns unsichtbar einschleichen; Van Richten und Esmeralda sollten als Reserve im Hintergrund bleiben.
Kaum zehn Minuten später entdeckten wir ihn im Hain: den Schattendrachen, auf dem Strahd sein Reich überblickt. Er landete direkt am Ritualkreis, wo zwei Dutzend Druiden eine gewaltige Beschwörung durchführten. Vor unseren Augen formten sie einen gigantischen, kahlen Baum zu einer wandelnden Kreatur, die sich langsam, aber unaufhaltsam in Richtung des Weinguts in Bewegung setzte. Strahd beobachtete das Schauspiel, bis er zufrieden war, und erhob sich dann wieder in die Lüfte.
Nachdem die Luft rein war, griffen wir an. Die Druiden reagierten unkoordiniert und fanatisch, brüllten wirres Zeug und stürmten blindlings auf uns zu. Sie fielen einer nach dem anderen. Besonders Xarla war eine Naturgewalt, ihre beschworenen Geister rissen Schneisen in die Reihen der Fanatiker.
Als der letzte Druide fiel, begann das Donnerschwert zu leuchten, und eine Vision riss mich aus der Realität. Ich stand auf einer endlosen, schwarzen Ebene. Von oben fielen Tropfen reiner Blitze herab. Sie brannten auf meiner Haut, wurden dann gierig vom Schwert absorbiert. Ein Sturm aus Licht und Energie brach los. Ich fing auf, was ich konnte, doch manche Blitze trafen mich direkt und hinterließen glühende Spuren in meinen Adern. Schließlich sammelten sich die verbliebenen Tropfen wie Kristalle um mich, vibrierten und schossen auf das Schwert zu, bis sie vollständig in seiner Klinge verschwanden. Als ich erwachte, zuckte die Waffe in meiner Hand, durchdrungen von euphorischer Macht. Lachend schwang ich sie, und Blitze zuckten aus ihr hervor.
Xarlas warnender Ruf riss mich aus meinem Rausch. Sie zeigte nach Norden. Strahd kehrte auf seinem Drachen zurück. Ein Schock durchfuhr mich. Sofort wirkte ich eine Illusion, die ein Trugbild von uns in die Flucht schlug, und befahl dem untoten Ritter, in die entgegengesetzte Richtung zu fliehen. Mit einer Dimensionstür brachte ich Xarla und mich nach Osten, und im nächsten Augenblick fielen wir durch die Baumkronen. Unter uns landete der Drache, sein Brüllen zerriss die Luft.
Strahds Blick traf mich, durchdrang mich. Schmerz explodierte in meinem Kopf, als er in meinen Erinnerungen wühlte, gierig nach dem Geheimnis des Donnerschwerts suchend. Ich wehrte mich, doch er riss Fragmente an sich, die ich verborgen hatte – und fand absurdes Interesse an den Erinnerungen an meinen Badetag, zwei Tage vor der Schlacht von Cintrama. Eine groteske, perverse Neugier.
Als ich durch den Sturz aus seiner mentalen Umklammerung gerissen wurde, beschleunigte der Drache auf uns zu. Federfall rettete uns im letzten Moment vor dem Aufprall. Wir rannten. Ich wirkte Flug, Xarla Unsichtbarkeit, während der untote Ritter durch das Unterholz krachte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Strahds Drache fand ihn und verbrannte ihn mit einem Odem aus unheiligem, grünlichem Feuer, das den Wald selbst zu verzehren schien. Dann verfiel er in Raserei und legte alles in Flammen.
Wir flohen nach Osten. Das Feuer war unaufhaltsam. Die Karten hatten einen Fluss im Süden gezeigt – unsere einzige Rettung. Wir hielten durch, kurze Flugzauber verschafften uns knappe Atempausen. Von oben sah ich, wie das Inferno den gesamten Wald bis zum Berg verschlang.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir das Ufer. Die Feuerwand war nur noch dreißig Meter entfernt. Meine Kräfte reichten nicht für uns beide gleichzeitig. Ich ließ Xarla hinüberfliegen, und als sie das Zeichen gab, ließ ich den Zauber fallen und wirkte ihn erneut auf mich. Die Flammen waren so nah, dass ihre unheilvolle Energie mich streifte, als ich abhob. Es war nicht Hitze. Es war reiner Tod.
Auf der anderen Seite brachen wir zusammen. Ich war leer, so erschöpft wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Doch wir hatten überlebt. Und das Donnerschwert ruht nun in meiner Hand – mächtiger als je zuvor.
Tag 33
Der heutige Tag war nichts als Erholung. Eigentlich wollte ich sofort weiter nach Osten zum Bernsteintempel, doch wir waren beide zu erschöpft, um einen Marsch durchzustehen. Es wäre Verschwendung gewesen, unsere Kräfte jetzt aufzubrauchen und dann im entscheidenden Moment zu fehlen. Xarla kümmerte sich darum, das Lager abzusichern und es erträglicher zu machen. Ich nutzte die Gelegenheit, um das nächste Kapitel aus Strahds Tagebuch zu entschlüsseln.
Es fiel mir schwerer als zuvor, als würde sich das Buch selbst gegen mich wehren. Doch am Ende gab es nach. Strahd schilderte die Jahre nach seiner Verwandlung, die eigentliche Geburt seiner Herrschaft. Der Pakt hatte ihm Unsterblichkeit und Macht verliehen, doch seine Menschlichkeit war vollständig abgestorben. Anfangs war er nur getrieben davon, seine neue Kraft auszutesten. Er jagte, tötete und labte sich an Blut, doch es war nicht das Blut, das ihn erfüllte. Was er wirklich begehrte, war die Furcht seiner Opfer. Angst wurde für ihn die wahre Nahrung, mehr Bestätigung als jedes Leben, das er verschlang.
Seine Burg verwandelte er in ein Gefängnis voller Schrecken. Die Hallen füllten sich mit Leichen, die Korridore mit dem Echo derer, die ihn um Gnade anflehten und doch starben. Er begann, selbst die ihm treu ergebenen Diener für Verräter zu halten. Seine Paranoia wuchs, und er ließ richten, bevor jemand auch nur den Gedanken an Auflehnung fassen konnte. Aus dem Feldherrn, der einst Armeen führte, war ein Gefangener seiner eigenen Furcht geworden, ein Herrscher, der nur durch Terror sein Reich zusammenhielt.
Mehr konnten wir heute nicht tun. Körperlich und geistig ausgelaugt blieb uns nur, Kräfte zu sammeln. Morgen brechen wir auf. Der Bernsteintempel wartet, und mit ihm vielleicht der Schlüssel, wie man Strahd tatsächlich vernichten kann.
Tag 34
Wir brachen am Morgen auf, doch die Erschöpfung der letzten Tage lag uns noch schwer in den Gliedern. Das Vorankommen war mühsam, da wir ohne befestigte Straßen durch den Wald reisen mussten. Dennoch war klar, dass wir uns keinen weiteren Tag Stillstand leisten konnten.
Am Abend, während wir lagerten, wurde mir bewusst, dass unsere Vorräte nur noch zwei Tage reichen werden. Es ist ein unnötiges Risiko, uns von derart banaler Logistik aufhalten zu lassen. Ohne Nahrung wird die Reise nicht nur beschwerlicher, sondern auch gefährlicher, denn Schwäche bedeutet hier den Tod.
Spuren lesen oder Wild aufspüren liegt nicht in meinen Fähigkeiten, und es wäre Zeitverschwendung, es zu versuchen. Xarla dagegen hat ein Gespür für das Land, das ich nicht besitze. Ich werde sie morgen damit beauftragen, sobald sie aufwacht. Nahrung muss beschafft werden, andernfalls verlieren wir die Kraft, den Bernsteintempel zu erreichen.
Tag 35
Xarla erwies sich einmal mehr als nützlich. Sie fand ohne Zögern eine Fährte, die zu Rotwild führte, und wir folgten den Spuren, bis wir eine kleine Herde aufspürten. Doch wir waren nicht die Einzigen, die auf Jagd waren. Ein Rudel Wölfe, angeführt von zwei gewaltigen Eiswölfen von mehr als zwei Metern Größe, war uns zuvorgekommen. Diese Bestien atmen Kälte, die Fleisch und Knochen gleichermaßen zerreißt.
Es kam zum Kampf, doch ich hatte den Vorteil bereits einkalkuliert. Mit einem Flug-Zauber erhob ich Xarla und mich in die Luft, von wo aus wir die Wölfe unbehelligt beschießen konnten. Ihre Größe und Wildheit halfen ihnen nichts gegen Angriffe, die sie nicht erreichen konnten. Einer nach dem anderen fiel, und schließlich lagen die Eiswölfe selbst tot im Schnee.
Wir deckten uns mit ausreichend Fleisch ein, um für mindestens eine Woche versorgt zu sein. Ein logistisches Problem war damit vorerst gelöst. Noch wertvoller war jedoch der Gewinn der beiden Eiswölfe, die ich als Untote wiederbelebte. Nun stehen sie uns als Reittiere zur Verfügung. Ab sofort werden wir schneller und zugleich komfortabler reisen können, ohne die zermürbende Langsamkeit der letzten Tage.
Tag 36
Wir kamen zügig voran. Die Eiswölfe erwiesen sich als ausgezeichnete Reittiere, besonders im unwegsamen Gelände, in dem Pferde kaum einen Schritt sicher setzen könnten. Ihre Bewegungen waren ruhig, präzise und kraftvoll, selbst über gefrorene Wurzeln und unebenen Boden hinweg.
Gegen Mittag erreichten wir die Mündung eines Nebenflusses, der von Süden in den Hauptstrom mündete. Xarla und ich nutzten Flug, um die Strömung mühelos zu überqueren, während die Wölfe schwammen. Selbst im Tod leisten sie mehr, als die meisten Lebenden es je könnten.
Den Rest des Tages ritten wir weiter nach Osten. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir endlich die Straße, die direkt zum Berg führt, auf dem der Bernsteintempel liegt. Der Anblick war… eindrucksvoll. Der Berg erhebt sich wie eine Mauer aus Stein und Schnee, die oberen Hänge von einem unablässigen Sturm verhüllt, der dort tobt, als würde er nie enden. Schon aus der Ferne ist die Luft spürbar kälter, und der Wind trägt einen eigenartigen Klang mit sich – als würde etwas im Inneren des Berges flüstern.
Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. Es ist nicht Furcht, sondern die instinktive Ahnung, dass dieser Ort nicht nur gefährlich, sondern lebendig ist. Morgen beginnen wir mit dem Aufstieg. Wenn der Tempel hält, was die Legenden versprechen, dann liegt dort vielleicht die Macht, Strahd zu brechen. Oder etwas, das noch weitaus älter ist.
Tag 37
Die Eiswölfe erwiesen sich auch am Berghang als erstaunlich zuverlässig. Ihr Gewicht verteilt sich gleichmäßig, und sie fanden Halt, wo selbst Maultiere gestürzt wären. Das machte den Aufstieg erträglicher, auch wenn der Weg zunehmend unwegsam wurde. Schon bald erreichten wir die Nadelgrenze, und über uns erstreckte sich nur noch Stein, Eis und der unbarmherzige Sturm, der in den oberen Lagen tobt.
Gegen Abend suchten wir nach einem geeigneten Rastplatz. Ich hatte bereits ein Plateau in der Nähe einer Klippe gewählt – mit gutem Überblick und nur wenig Windschutz, doch Xarla hielt mich auf. Sie hatte recht; der Boden war instabil, und der Schnee verdeckte Risse, die leicht hätten nachgeben können. Sie fand etwas weiter unten einen geschützteren Platz, eng, aber sicher. Ein Beweis dafür, dass ihr Gespür für Gefahr oft schneller ist als jede Analyse.
Von dort aus konnten wir eine Brücke sehen, die sich weiter oben über eine Schlucht spannte. Selbst aus der Entfernung strahlte sie eine unheimliche Präsenz aus. Ihre Bögen wirkten älter als der Berg selbst, das Gestein glatt wie Glas, als hätte es nie Werkzeug gesehen. Ich spüre Magie in ihr – alt, tief und lauernd.
Morgen werden wir sie überqueren. Ich werde vorbereitet sein, doch etwas sagt mir, dass dieser Ort nicht bloß prüft, wer ihn betritt. Er beobachtet.
Tag 38
Meine Befürchtungen bestätigten sich. Wir erreichten die Brücke, die wir am Vortag aus der Ferne gesehen hatten. Unter ihr lag eine Schlucht, so tief, dass selbst das Echo eines Steins darin verschwand. Der Wind pfiff durch die Bögen, und das Gestein vibrierte unter unseren Schritten – ein Ort, der nur darauf wartete, den Unvorsichtigen zu verschlingen.
Noch bevor wir die Brücke betraten, sahen wir eine Frau, die sie überqueren wollte. Sie hatte kaum die Mitte erreicht, als ein gewaltiger Greifvogel aus den Wolken stürzte, sie ergriff und mit sich in die Höhe riss. Sekunden später ließ er sie fallen. Ihr Schrei hallte durch die Schlucht, bis nur noch Stille blieb. Ein lehrreiches Beispiel – ich hatte nicht vor, ihr Schicksal zu teilen.
Wir warteten, bis der Himmel ruhig blieb, dann wagten wir es. Auf den Eiswölfen ritten wir so schnell wie möglich, um die Zeit auf der Brücke zu verkürzen. Doch der Greifvogel, ein Roc, ließ sich nicht täuschen. Er kam zurück, schneller als ich erwartet hatte, und stürzte sich auf uns. Ich sprang im letzten Moment vom Wolf, als seine Klauen nach mir griffen. Xarla wich ebenfalls aus, während die Wölfe nach ihm schnappten und ihn am Aufstieg hinderten. Wir setzten Magie ein, schleuderten Blitze und Feuer, bis der Himmel selbst zu glühen schien.
Der Roc erschlug einen Wolf mit einem Schlag seines Schnabels und packte den anderen beim Abheben. Ich schleuderte einen Feuerball, der ihn wieder zu Boden riss – ein gezielter Treffer, der ihn schwer traf, aber auch mein letztes Reittier zerstörte. Kein großer Verlust, doch werde ich von nun an wieder selbst laufen müssen.
Als der Roc sich aufrappelte, wandte er sich mir zu, seine Augen intelligent, wütend, fast menschlich. Xarla stellte sich ihm in den Weg, was ihm den Fokus nahm, und hielt ihm länger stand, als ich erwartet hatte. Als ihre Kräfte schwanden, verwandelte ich sie mittels Polymorph in eine Kreatur, die ihn am Aufsteigen hindern sollte. Das Ergebnis war… ungewöhnlich. Statt einer Bestie des Gebirges erschien ein gigantischer Tintenfisch.
Selbst der Roc war irritiert. Die Tentakel peitschten, packten und rissen an ihm, während er sich in die Lüfte erhob. Als er Xarla – oder das, was sie in diesem Moment war – in die Schlucht werfen wollte, traf ich ihn mit einem Lightning Bolt. Der Blitz durchbohrte ihn, und er stürzte, von Tentakeln umschlungen, in die Tiefe. Ich rannte an den Rand, erreichte sie gerade noch rechtzeitig und wirkte Federfall, während sie sich zurückverwandelte. Sie landete neben mir, erschöpft, aber lebend.
Wir ruhten nur kurz, dann setzten wir unseren Weg fort. Zu lange zu verweilen wäre töricht gewesen. Das nächste Hindernis war ein Tor, aus dem gelblich-grünes Feuer loderte. Ich untersuchte es, kam zu dem Schluss, dass es eine magische Barriere war, vermutlich, um Eindringlinge zu prüfen oder zu verbrennen. Bevor ich warnen konnte, rannte Xarla hindurch. Ihre Resistenz gegen Feuer rettete sie vor Schlimmerem, doch sie war verletzt. Ich selbst nutzte Nebelschritt, um mich auf die andere Seite zu teleportieren.
Kaum hatten wir das Tor passiert, erwachten zwei steinerne Figuren zum Leben – Vrocks, Dämonen mit ledrigen Flügeln und der Aura uralter Bosheit. Wir waren erschöpft, und der Kampf zog sich hin, doch meine Fähigkeit, Dunkelheit zu weben, verschaffte uns den Vorteil. Am Ende lagen sie tot, und ich belebte sie als Untote wieder. Mächtiger als die Eiswölfe, wenn auch ungeeignet zum Reiten.
Unser Rastplatz für die Nacht lag in einer windgeschützten Felsspalte mit Blick über das Tal. Xarla bereitete das Essen zu, während ich die Erinnerungsfragmente der Vrocks durchforstete. Ich sah einen Lich, der das Tor durchschritt, immer wieder, über verschiedene Zeiträume hinweg. Und auch Strahd – mehrmals, in unterschiedlichen Epochen. Die Bilder waren undeutlich, doch sie genügten, um mir klarzumachen: dieser Ort war nie verlassen.
Morgen steigen wir weiter auf. Wenn die Karten stimmen, erreichen wir dann die Grenze des ewigen Schneesturms. Ich hasse die Kälte.
Tag 39
Ohne die Eiswölfe kamen wir nur noch schleppend voran. Die Vrocks sind als Reittiere unbrauchbar; wir haben es mehrfach getestet. Sie sind kräftig genug, um Gegner zu zerreißen, aber nicht dafür gemacht, ein Reitergewicht stabil zu tragen. Also mussten wir uns erneut auf unsere eigenen Schritte verlassen, was auf dem vereisten Gletscher kaum weniger gefährlich war als die Monster, die uns hier erwarten.
Während wir die Ebene überquerten, brach plötzlich ein riesiger Bergziegenbock aus einer Schneewehe hervor. Er stürmte mit einer solchen Geschwindigkeit, dass wir kaum reagieren konnten, und er rammte mich mit seinen Hörnern, trug mich über eine beachtliche Distanz und versuchte, mich in Richtung des Abgrunds zu schleudern. Ein primitiver Angriff, aber gefährlich genug. Ich wirkte Flug, riss mich aus seinem Griff und stieg in sichere Höhe empor. Von dort ließ ich Feuer auf ihn niederregnen, bis er verbrannte und bewegungslos im Schnee liegen blieb. Ein dummes Tier, das wahre Stärke nicht erkennt, verdient nichts anderes.
Wir setzten unseren Aufstieg fort und erreichten gegen Mittag jene Höhen, die vom ewigen Schneesturm umhüllt werden. Dort wurde jeder Schritt zum Kraftakt. Die Luft schnitt wie Messer, der Wind heulte unablässig, und selbst unsere Magie half nur bedingt gegen die Kälte. Schließlich mussten wir weit früher als geplant das Lager aufschlagen; Erschöpfung ist in dieser Höhe ein Feind, der schneller tötet als jeder Vampir.
Xarla fand erneut eine Felsspalte als Schutz vor dem Wind. Ich ließ die beiden Vrocks davor Wache stehen, ihre massiven Körper wirkten zugleich als Windschutz.
Wir legten uns dicht aneinander, um die Körperwärme zu teilen. Xarla schlief rasch ein. Sie vertraut mir – vielleicht mehr, als sie sollte. Seit der Nacht meiner Prüfung durch Uruk haben wir uns körperlich nicht mehr angenähert. Es passte nie in den Moment; wir werden gejagt, bedroht, beobachtet. Und doch lag sie heute in meinen Armen, als wäre die Welt um uns bedeutungslos.
Ich empfinde etwas für sie, das über taktischen Nutzen hinausgeht. Und genau das macht es gefährlich. Eine zu starke Bindung ist ein Risiko, das ich mir nicht leisten kann. Gefühle trüben Urteilsvermögen, und in Barovia entscheidet allein Rationalität über Leben oder Tod – nicht Glück, nicht Hoffnung, und gewiss nicht Liebe. Ich darf mich nicht ablenken lassen, nicht weich werden. Wenn ich Strahd stürzen und dieses Land verlassen will, darf nichts meine Entscheidungen beeinflussen.
Xarla bedeutet mir etwas. Vielleicht zu viel.
Tag 40
Die Nacht bot kaum Erholung, doch wir brachen trotzdem entschlossen auf. Wir sind zu weit gekommen, um uns jetzt von einem Schneesturm aufhalten zu lassen. Jeder Meter war ein Kampf gegen Wind, Eis und erschöpfte Muskeln. Die Vrocks nutzten wir als lebende Windbrecher, ihre massiven Leiber schützten uns zumindest teilweise vor den heftigsten Böen.
Gegen Nachmittag waren unsere Kräfte nahezu aufgebraucht. Wir hielten eine kurze Rast, und Xarla heilte unsere Erfrierungen mit Magie – ohne ihre Unterstützung wäre der Aufstieg deutlich gefährlicher. Zur gleichen Zeit ließ ich einen der Vrocks als Späher hochsteigen und suchte durch seine Augen den Gipfel.
Was ich sah, bestätigte meine Vermutung: Um den Gipfel herum lag ein vollkommen klarer Bereich, ein kreisförmiges Loch im Sturm. Kein Schneefall, kein Wind – während ringsum die Natur versuchte, uns zu zerreißen. Dieser Effekt war künstlich. Magie hält den Sturm außen, doch nicht innen. Der Bernsteintempel schützt sein Herz.
Mit diesem Wissen und neuem Antrieb kämpften wir uns weiter voran. Je höher wir stiegen, desto heftiger wurde der Sturm. Der gefühlte Widerstand war weniger Wetter und mehr Präsenz – als wollten uns uralte Kräfte bewusst zurückdrängen. Doch wir setzten unseren Weg fort.
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir den Rand des Sturmes. Innerhalb eines einzelnen Schrittes legte sich absolute Stille über uns. Der tosende Wind verstummte, als hätte jemand die Welt ausgeschaltet. Kein Schnee fiel hier. Kein Atemzug des Gebirges. Nur Stille und ein frostklarer Himmel über uns.
Vor uns lag das letzte Stück des Aufstiegs, eine Steigung, die uns auf ein Plateau führte. Und dort stand er: der Bernsteintempel.
In die Felswand eingelassen, flankiert von einer Reihe kolossaler, bernsteinfarbener Statuen. Ihre Gesichter waren menschlich und doch nicht – zu glatt, zu perfekt, mit Augen, die uns ausdruckslos musterten. Es war leicht, sich vorzustellen, wie sie sich im nächsten Moment bewegen würden. Irgendetwas an ihnen wirkte lebendig, aber leer.
Wir beschlossen, den Tempel erst am nächsten Morgen zu betreten. Jeder Fehler in der Dunkelheit könnte uns das Leben kosten, und ich möchte dieses Monument unter klarer Sicht betreten. Wir suchten uns einen Rastplatz, verborgen vom Plateau aus, der nicht direkt einsehbar war.
Morgen wird der Tag, an dem wir den Bernsteintempel betreten.
Und hoffentlich jener, an dem wir seine Geheimnisse lüften – und die Macht finden, Strahd zu brechen.
Tag 41
Wir brachen bei Sonnenaufgang auf und betraten den Tempel. Schon der Eingangsbereich wirkte wie eine Falle: ein schmaler Gang mit Schießscharten, die darauf ausgelegt waren, jeden zu töten, der unachtsam eintritt. Danach öffnete sich ein gewaltiger Saal, vollständig aus Bernstein gefertigt, jede Oberfläche glatt und zugleich lebendig schimmernd. In der Mitte ragte eine riesige Statue aus schwarzem Stein auf, deren Blick uns zu folgen schien, obwohl sie sich keinen Zoll bewegte.
Schwere Schritte hallten durch den Raum, weshalb wir zunächst in den Ostflügel auswichen. Dort entdeckten wir einen Bernsteingolem, der stoisch durch die Gänge patrouillierte. Als er sich umwandte und auf uns zukam, versuchte ich zunächst, mich zu verbergen, doch sobald er uns sah, griff ich impulsiv an. Meine Magie prallte an ihm ab, und ich erkannte, dass er nur den Tempel schützen wollte, nicht uns angreifen. Wir wichen zurück und hielten Abstand.
Als wir später erneut in seine Nähe kamen, entschuldigte ich mich bei ihm — nicht aus Reue, sondern weil es klug war, seine Neutralität sicherzustellen. Überraschenderweise sprach er die Gemeinsprache. Ein nützliches Detail.
Im Ostflügel fanden wir einen Hörsaal. Am Dozentenpult versteckte sich ein junger Mann, dessen linker Arm so stark infiziert war, dass er bereits nach Verwesung stank. Er winkte uns zu und flüsterte nervös, ob die Luft rein sei. Ich sagte ihm, dass sie momentan sicher war.
Er und sein Meister waren aus Vereinigt Mentris hierhergekommen, auf der Suche nach Wissen. Sein Meister hatte versucht, eine magische Waffe aus dem Tempel zu entwenden, dabei jedoch einen Teil der Struktur beschädigt — woraufhin die Golems sie angegriffen hatten. Der Junge überlebte nur, weil er weglief und sich versteckte.
Ich fragte ihn, was er mir für Hilfe bieten könne. Er zeigte mir ein Amulett, den Kontrollstein eines Shield Guardians. Eine äußerst wertvolle Waffe — in meinen Händen. Ich verlangte das Amulett im Voraus, andernfalls würde ich ihn hier verrotten lassen. Er wusste, dass er keine Wahl hatte, und gab es mir.
Ich bedeutete ihm, dass der Weg frei sei, ohne überhaupt nachzusehen. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, die Golems würden ihn beim Versuch zerquetschen, und ich wäre Zeugin ihres Vorgehens. Doch ausgerechnet diesmal war der Gang wirklich frei, und er entkam. Eine kleine Enttäuschung.
Im Westflügel begegneten wir einer Gruppe Bergbewohner, die hier Opfergaben darbrachten. Sie baten uns, nicht tiefer in den Tempel vorzudringen. Ihr Rat war irrelevant. Ich brauche Macht, keine Warnungen.
Weiter vorn wurden wir sofort von Flameskulls angegriffen. Ein kurzer Kampf – sie zerbarsten schnell. Doch für meine Vrocks sind Flameskulls keine ernst zu nehmenden Gegner.
Dann wandte ich mich der großen Statue im Zentrum zu. Ihre Präsenz war überwältigend, beinahe wie ein Blick, der durch den Schädel hindurch in meine Gedanken griff. Als ich die Treppe hinabstieg, rief mir eine Stimme zu, ich solle verschwinden, wenn mir mein Leben lieb sei.
Ich erkannte sie sofort: Neferon, der Fuchsdiener Strahds. Er verbarg sich wie ein feiger Schatten im Schwarz seiner Kapuze. Ich verspottete ihn, erinnerte ihn daran, dass sein erster Versuch, mir das Schwert zu nehmen, erbärmlich gescheitert war. Seine Antwort war ein Feuerball.
Ein heftiger Kampf entbrannte.
Er nutzte die Deckung der Statue; ich nutzte meine Vrocks, um ihn herauszutreiben. Sobald einer ihn packte, wurde der Kampf direkt, brutal und chaotisch. Ich musste aufpassen, den Tempel nicht zu beschädigen – sonst hätten uns die Bernsteingolems zerrissen. Neferon kämpfte schnell, listig, mit Magie und Nahkampfkraft zugleich. Ein gefährlicher Gegner.
Doch ich erkannte seine Muster. Seine Vorliebe für Hinterhalte, seine Art, Deckung zu nutzen, seine Abneigung gegen direkte Konfrontation. Beim nächsten Aufeinandertreffen werde ich diese Schwächen ausnutzen. Diesmal floh er schwer verwundet mittels Dimensionstür.
Wir standen ebenfalls kurz vor der Erschöpfung, und beide Vrocks lagen tot am Boden. Ihr Verlust schwächt unsere Schlagkraft – die Flameskulls sind ein unzureichender Ersatz, aber besser als nichts. Ich belebte zwei der Schädel als Diener wieder. Feuer und Flugkraft sind nützlich, aber ihre Körper sind zerbrechlich. Die Vrocks wären in den kommenden Kämpfen wertvoller gewesen. Ein Verlust, der mich nicht sentimental macht, aber taktisch ärgert.
Wir rasteten schließlich im Raum der Pilger, dem einzigen Bereich, der nicht nach unmittelbarem Tod roch. Morgen dringen wir tiefer in den Tempel ein.
Neferon wird wiederkommen – das weiß ich.
Und beim nächsten Mal werde ich vorbereitet sein.
Diesmal war es ein Kampf.
Beim nächsten Mal wird es eine Hinrichtung.
Tag 42
Wir setzten unsere Erkundung des Tempels fort. Der Gang, den die beiden Flameskulls zuvor bewacht hatten, führte uns zu zwei Räumen, die endlich einmal Material boten, das nicht nur Gefahren, sondern auch Nutzen bereithielt.
Der erste erwies sich als eine Art alchemistisches Labor oder Lagerraum. Regale voller Mischungen, getrockneter Substanzen und verstaubter Werkzeuge. Zwischen all dem fand ich mehrere Tränke – Heiltränke von brauchbarer Qualität sowie einen Resistenztrank. Ein kleiner, aber wertvoller Zugewinn. Die Art von Ressourcen, die im entscheidenden Moment Leben retten können – oder das einer Kreatur, die ich als Werkzeug benötige.
Der zweite Raum überraschte mich mehr: Er beherbergte ein detailliertes Modell von Burg Ravenloft sowie einige unvollständige Baupläne. Endlich etwas Nützliches. Der Aufbau der Weranlagen, mögliche Zugangspunkte, strukturelle Schwachstellen – alles Informationen, die ich für einen zukünftigen Angriff nutzen kann. Strahds Festung mag stark sein, aber nichts ist unbezwingbar, wenn man ihren Kern versteht.
Weiter ging es durch einen Speisesaal, der keinerlei Wert hatte, und schließlich zur Nordseite des Tempels. Ein zerstörter Balkon versperrte uns den Weg; ein Sprung wäre töricht gewesen. Deshalb nutzten wir Nebelschritt, um die Lücke zu überqueren.
Die nächste Kammer war gefährlicher. Ein Schrein – oder vielleicht ein Spiegel, es war schwer zu sagen, was er ursprünglich war. Was auch immer seine Natur, er bannte meinen Blick sofort. Innerhalb eines Augenblicks verlor ich jeden klaren Gedanken, die Welt um mich herum löste sich auf, und ich versank in der Illusion. Hätte Xarla nicht eingegriffen, wäre ich vermutlich noch immer dort gestanden, geistlos, vielleicht stundenlang. Sie zerstörte die Quelle des Zaubers mit einem einzigen, präzisen Schlag. Auf sie ist Verlass, wenn es darauf ankommt.
Wir fanden einen mit Knochen versiegelten Durchgang – eine Mauer aus Wirbeln, Rippen, Schädeln, die sich selbst regenerierten und den Weg versperrten. Ohne eine Möglichkeit zur magischen Öffnung bliebe uns nur stumpfes Freischaufeln. Die Flameskulls sind dafür ungeeignet, und die Pilger wären ideal gewesen – hätte ich sie nur einen Tag länger in meiner Reichweite gehabt, hätte ich sie gezwungen, diese Arbeit zu verrichten. Schade um das verpasste Potential.
Also erkundeten wir weiter. Ein weiterer Raum, dann ein Balkon, der uns zurück in Richtung des Ostflügels führte. Damit hatten wir das obere Stockwerk vollständig untersucht.
Die untere Ebene war nicht einfacher. Mehrere verschlossene Türen blockierten den Weg. Ein Aufbrechen wäre möglich gewesen, aber zu riskant – die Golems reagieren auf jede Art von Beschädigung des Tempels, und ich habe keine Lust, eine Armee aus lebendigem Bernstein gegen mich zu setzen.
Im Westflügel erwarteten uns Geister, doch die Begegnung war geradezu lächerlich im Vergleich zu den Tagen meiner Ankunft in Barovia. Damals im Durst-Anwesen hatte mich der erste Geist beinahe getötet. Heute dagegen zerfielen sie nach ein paar gezielten Zaubern. Ein überlegenes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Meine Entwicklung ist… beachtlich.
Dann betraten wir eine kleine Kammer mit drei Sarkophagen. Die Präsenz darin war überwältigend – alt, böse, und nicht von dieser Welt. Sie stellten sich als „die Alten“ vor. Jeder versprach mir eine andere Form der Macht, und jede dieser Stimmen ließ mich Visionen sehen, in denen ich ihre Gaben bereits eingesetzt hatte. Macht, die ganze Landschaften verändern könnte. Macht, die Zeit berühren könnte.
Ein Angebot war besonders verlockend: ein Spiegel, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeigen kann. Ein Werkzeug, das nahezu jedes Geheimnis offenbart. Doch der Preis war unklar. Die Stimme verweigerte mir jede Information darüber, was ich dafür aufgeben müsste. Und wenn ich nicht abwägen kann, was ich verliere, dann ist es zu riskant. Niemals würde ich blind eine Bindung eingehen, die mich schwächt.
Wir kehrten zu unserem Rastplatz zurück.
Ich werde heute Nacht jede Eventualität durchdenken.
Morgen treffe ich eine Entscheidung.
Und sie wird sich an einem einzigen Prinzip orientieren:
Macht nur dann, wenn der Preis kontrollierbar ist.
Tag 43
Ich hatte mir die ganze Nacht den Kopf zerbrochen. Je länger ich die Angebote der Alten abwog, desto klarer wurde, dass ein Handel mit einem Wesen, dessen Preis ich nicht benennen kann, töricht wäre. Macht ist nur dann von Wert, wenn ich sie vollständig kontrolliere. Alles andere ist eine Fessel. Also ließ ich die Särge hinter mir und setzte die Erkundung des Tempels fort.
Der Ostflügel war teilweise eingestürzt, ein massiver Berg aus Schutt trennte den Gang in zwei unzugängliche Hälften. Noch bevor wir den Bereich richtig erreicht hatten, trafen wir auf eine Gruppe Hexen oder etwas, das ihnen sehr nahekam. Sie versperrten den Weg, musterten mich mit diesem Blick, den Sterbliche bekommen, kurz bevor sie etwas Unüberlegtes tun. Da ich nicht riskieren wollte, während meiner Untersuchungen einen Angriff in den Rücken zu erhalten, erledigten wir sie, bevor sie überhaupt verstehen konnten, wie dumm es war, uns im Weg zu stehen. Drei Feuerbälle von mir und den Flameskulls reichten. Als sich der Rauch legte, war der Weg frei. Xarla fand bei einer der Leichen Stiefel der Levitation, die ich ihr überließ; ich habe wenig Bedarf für solche Hilfsmittel, und sie fand Gefallen daran.
Doch auch dieser Teil des Tempels enthielt nichts, was ich nicht bereits gesehen hatte – weitere Särge der Alten, weitere Stimmen, die mir ihre Gaben ins Ohr flüsterten. Ich ignorierte sie. Ich hatte meine Entscheidung getroffen.
Der Schuttberg musste überwunden werden, ob mir das nun passte oder nicht. Ich hätte zu gern jemanden gezwungen, ihn für mich abzutragen. Hätten die Pilger nicht den Verstand gehabt, den Tempel so früh zu verlassen, hätte ich dafür gesorgt, dass ihre schwachen Körper diesen Dreck beiseiteschaffen. Die Hexen wären ebenfalls geeignet gewesen, doch sie waren zu wertlos, um dafür die Flameskulls aufzugeben. Also blieb mir nichts anderes übrig, als selbst darüber zu klettern.
Auf der anderen Seite fanden wir weitere Kammern. Eine war leer bis auf ein Pentagramm am Boden, dessen Zweck ich nicht ergründen konnte. Eine andere enthielt den Shield Guardian, den die Gelehrten aus Vereinigt Mentris gesucht hatten, immer noch reglos, als könnte er jeden Moment erwachen.
Doch bevor ich Hand anlegte, betraten wir die letzte Kammer des Flügels. Drei weitere Särge der Alten befanden sich dort, und davor eine große Zahl von Ghoulen. Ich erinnerte mich an meine Begegnung im Durst-Anwesen, damals war ein einziger dieser Kreaturen beinahe mein Tod gewesen. Heute war es kaum der Rede wert. Xarla vertrieb die meisten mit ihrer göttlichen Macht, und die wenigen, die blieben, verbrannten wir, bevor sie auch nur in Reichweite kamen.
Doch einer der Alten war anders. Er verlangte nichts, stellte keine Bedingungen, bot seine Macht ohne Gegenleistung an. Es roch sofort nach einer Falle. Die Bosheit in seinem Wesen war so deutlich, dass es fast lächerlich war. Aber ich nahm mir Zeit. Ich untersuchte ihn nicht körperlich, sondern mental. Ich tastete seinen Geist ab, suchte nach Bindungen, nach versteckten Bedingungen, nach Hintertüren in seinem Angebot. Als ich sicher war, dass ich die Gefahr einschätzen konnte, akzeptierte ich. Eine dunkle Macht durchströmte mich, kalt und schwer, aber sie nahm mir nichts. Es fühlte sich… gut an.
Danach wandte ich mich dem Shield Guardian zu. Mit den vergilbten Plänen, die ich in einem angrenzenden Raum gefunden hatte, war es ein Leichtes, ihn zu reaktivieren. Als das Amulett an meinem Hals vibrierte, gehorchte er mir sofort, und sein erster Befehl war schlicht, aber befriedigend: den Schuttberg wegzuräumen. Innerhalb kürzester Zeit war der Gang wieder zugänglich. Es ist bemerkenswert, wie angenehm effizient ein gehorsames Konstrukt sein kann.
Nun blieb nur noch die knochenversiegelte Kammer. Wir kehrten dorthin zurück, und der Guardian schaffte in Minuten, was ohne ihn Stunden gedauert hätte. Bald war der Weg frei.
Der Raum dahinter war ein reich eingerichtetes Arbeitszimmer, und darin stand eine Gestalt aus Knochen und vertrocknetem Fleisch. Ein Lich – und nicht irgendeiner, sondern genau jener, dessen Erinnerungen ich bereits durch die Vrocks gesehen hatte. Er war jedoch nicht feindselig. Vielmehr wirkte er verwirrt, als hätte jemand Teile seines Bewusstseins herausgerissen und die Lücken mit Nebel gefüllt.
Ich sprach mit ihm, und er reagierte wie jemand, der an einem Faden hängt und verzweifelt versucht, die eigenen Gedanken zu sortieren. Ich bot an, ihm zu helfen, seine Erinnerungen zurückzuholen – nicht aus Güte, sondern weil ich so die Gelegenheit hatte, alles in seinem Besitz zu untersuchen, ohne ihn zum Feind zu machen.
Unter all den Schriften fand ich Pläne des Tempels, detailliert genug, um jedes Geheimnis dieses Bauwerks auszuleuchten. Dazu Briefe zwischen ihm – Exethander – und Strahd, aus denen deutlich hervorging, dass Strahd ihn immer wieder um Wissen gebeten hatte. Er suchte Macht, Einsicht in die Alten, Rituale, die seine Herrschaft sichern sollten. Exethander antwortete nüchtern, beinahe gelangweilt, wie ein Lehrer, der einem mittelmäßigen Schüler die Grundlagen erklärt.
Noch interessanter waren die Aufzeichnungen über den Tempel selbst. Der Bernsteintempel steht über einem viel älteren Heiligtum, tief in der Erde, ein Tempel der Prüfungen, wie Uruk es genannt hatte. Dort unten liegt einers der anderen Artefakte des Exarchen Vegnars: die Krone oder der Ring. Es war unübersehbar, dass mein Weg dorthin führt.
Als ich Exethander seinen Namen nannte, griff er kurz nach mir, ein Reflex, fast schon eine Muskelzuckung eines Wesens, das nicht mehr lebt. Ich wich mühelos aus. Seine lähmende Berührung wäre an dieser Stelle ein sehr schlechter Abschluss des Tages gewesen. Doch es war keine Feindseligkeit sondern nur ein kurzes Aufflackern einer Erinnerung.
Ich bat darum, die große Bibliothek betreten zu dürfen, und er erlaubte es. Natürlich tat er das. Er verdankt mir, dass er wieder weiß, wer er ist.
Die Bibliothek war atemberaubend. Reihen von Büchern, unzählige Bände, Wissen, wie ich es in der gesamten Geschmolzenen Bucht nie gesehen habe. Während Xarla den Schlaf vorbereitete, sichtete ich bereits Zauber, die ich heute Nacht lernen werde. Meine Gier nach dem Wissen dieser Hallen brennt in mir wie nie zuvor.
Morgen warten die Schatzkammer und die Prüfung unter dem Tempel.
Und ich habe nicht die Absicht, irgendetwas davon unberührt zu lassen.
Tag 44
Ich verbrachte die Nacht damit, neue Zauber zu studieren – solche, die mir unmittelbar taktische Vorteile verschaffen würden. Knock, um Schlösser ohne Aufwand zu öffnen; Spiegelbilder, um im Kampf mehrere Trugbilder von mir zu erzeugen und Gegner ins Leere schlagen zu lassen; und Vitriolic Sphere, eine mächtige Säureblase, die Fleisch und Metall gleichermaßen schmelzen kann.
Nach einigen Stunden konzentrierter Arbeit hatte ich alle drei in mein Zauberbuch übertragen. Meine arkane Macht wächst stetig – und langsam erreiche ich den Punkt, an dem kaum etwas in Barovia mir noch ebenbürtig ist.
Dann machten wir uns auf zur Schatzkammer. Das Schloss war kein Hindernis mehr; ein einziges Knock ließ die Türen aufspringen. Der Raum dahinter war erfüllt von Münzen und Schmuckstücken, Edelsteinen und verstaubtem Reichtum aus längst vergangenen Jahrhunderten. Ein Anblick, der selbst mir einen Moment lang gefiel – doch solche Momente dauern selten an.
Denn kaum hatten wir den Raum betreten, stürmte ein Bernsteingolem auf uns zu. Offensichtlich war das Betreten der Schatzkammer ebenso verboten wie die Beschädigung des Tempels selbst. Diesmal jedoch war ich vorbereitet. Ich kannte inzwischen die Natur dieser Konstrukte – und vor allem ihre Schwäche. Der Zauber Zerbersten griff direkt das Material an, aus dem sie bestanden und umging so die Magie die sie belebt. Ein perfektes Werkzeug, um sie zu vernichten.
Der Effekt war beeindruckend. Der erste Golem zerfiel fast sofort, sein bernsteinernes Fleisch barst wie poröses Glas, die Magie darin verpuffte, bevor sie sich wehren konnte. Der Shield Guardian schirmte mich gegen jeden Gegenangriff ab, während die Flameskulls – wenig überraschend – bereits beim ersten Treffer zertrümmert wurden. Sie waren ein Downgrade, und ihre Zerstörung überraschte mich nicht.
Insgesamt lagen drei Golems auf diesem Stockwerk, und alle drei fielen innerhalb kurzer Zeit. Ein lohnender Tausch für den Inhalt der Schatzkammer.
Wir fanden Reichtum im Wert von mehreren tausend Goldstücken. Nicht nur Münzen, sondern auch Schmuck, Edelsteine und seltene Objekte. Mit diesen Mitteln werde ich eine große Zahl der Zauber aus der Bibliothek abschreiben können. Wissen ist Macht – und Macht ist der einzige wahre Wert in diesem Land.
Doch als wir anschließend auch alle verbleibenden verschlossenen Türen öffneten, folgte eine Enttäuschung. Hinter ihnen verbargen sich lediglich weitere Särge der Alten, jedes mit denselben verlockenden, aber völlig inakzeptablen Angeboten. Ihre Macht ist real, doch der Preis ist immer derselbe: Kontrollverlust. Und das werde ich niemals akzeptieren.
Als wir zur Bibliothek zurückkehrten, griff uns der letzte verbliebene Golem an – und auch er wurde vernichtet. Damit ist die Verteidigung dieses Stockwerks ausgelöscht. Der Tempel gehört nun de facto uns.
Wir stiegen die Treppe hinab, die sich in der Mitte der Bibliothek befand, und erreichten drei gigantische Särge. Diese waren anders als die bisherigen. Die Stimmen darin boten keine vagen Versprechen, sondern direkte Transformationen: Werwolf, Lich oder Vampir. Drei Wege zur Macht, jeder mit deutlichen Konsequenzen.
Ein Werwolf wäre gefangen in unkontrollierten Verwandlungen, unfähig, Präzision noch Prioritäten zu bewahren. Ein Vampir wäre an die Nacht gebunden, stets bedroht von der Sonne, abhängig von Blut. Beides wären Einschränkungen, die ich niemals akzeptieren würde.
Nur die Verwandlung in einen Lich besitzt einen gewissen Reiz. Eine solche Existenz ist frei von den Schwächen sterblicher Körper, frei von Hunger, Krankheit, Zeit – und bietet nahezu unendliche Möglichkeiten. Doch auch das birgt Risiken, und ich werde genau abwägen müssen, was ich gewinne und was ich verliere.
Heute Nacht werde ich über all das nachdenken.
Die mögliche Verwandlung.
Die Prüfung tief unter dem Tempel.
Und die nächsten Schritte, die mich meinem Ziel näherbringen: Strahds Vernichtung.
Morgen beginne ich den Abstieg.
Und ich werde vorbereitet sein.
Tag 45
Wir betraten am frühen Morgen das Treppengewölbe. Es war gigantisch – fünfzehn Fuß hoch, zwanzig Fuß breit, als wäre es nicht für Menschen, sondern für Riesen oder alte Götter geschaffen worden. Schon beim ersten Schritt spürte ich, dass dies kein gewöhnlicher Abstieg werden würde.
Die Treppe wand sich in einem endlosen Kreis nach unten, stets gleich, Stufe für Stufe, ohne erkennbare Veränderung. Nach kurzer Zeit verlor man jegliches Gefühl für Höhe oder Distanz. Es fühlte sich an, als wären wir bereits unzählige Male dieselben Stufen hinabgestiegen, als würde die Architektur selbst sich gegen uns richten, die Zeit dehnen, den Weg strecken, um jeden Fortschritt zu vereiteln.
Die Wiederholung war zermürbend. Jede Stufe sah der vorherigen zum Verwechseln ähnlich. Die Luft wurde kälter, schwerer, dichter – doch je weiter wir gingen, desto stärker nagte die monotone Umgebung an Konzentration und Geist. Ich bin nicht anfällig für solche psychologischen Spielereien, aber auch ich musste eingestehen, dass dieser Weg so gestaltet war, um den Willen zu brechen.
Der Abstieg dauerte länger als erwartet. Irgendwann bemerkte ich, dass selbst Xarla weniger sagte als sonst, und das will etwas heißen. Die Treppe ist eine Prüfung für sich – nicht gefährlich im klassischen Sinne, sondern subtil, geduldig, unnachgiebig.
Schließlich mussten wir rasten. Auf dieser Treppe, ohne Aussicht, ohne Orientierung, umgeben von Stein, der zu atmen schien. Ein Ort, der keine Ruhe geben will, und doch gab es keine Alternative. Die Stufen waren das Einzige, was es hier gab – und sie boten zumindest eine flache Fläche, so unerbittlich sie auch auf uns herabdrückten.
Morgen erreichen wir das Ende des Abstiegs. Ich weiß es mit einer Sicherheit, die nicht von Logik kommt, sondern vom Tempel selbst. Je näher wir der Prüfung kommen, desto stärker zieht sie mich an – wie ein Magnet, der erkannt hat, dass sein Ziel in Reichweite ist.
Dort unten werde ich mich der Prüfung stellen.
Und ich werde beweisen, dass ich würdig bin, die Macht des Exarchen zu tragen.
Tag 46
Wie ich erwartet hatte, war die Treppe selbst Teil der Prüfung. Nach weiteren Stunden des monotonen Abstiegs erreichten wir schließlich ihr Ende. Der Gang öffnete sich zu einem Gewölbe, das mir sofort vertraut war. Ich kannte diesen Ort bereits aus meinen Visionen.
Die Wände zeigten in Reliefs die Schlachten und Taten des vorherigen Exarchen Vegnars, den Krieg der Götter, den Verrat und die Unterwerfung ganzer Ebenen. In der Mitte des Raumes stand der Altar, exakt wie ich ihn gesehen hatte, umgeben von acht gigantischen Statuen, angeordnet in einem perfekten Kreis. Lila Flammen umschlossen alles wie ein heiliger Bann.
Als wir uns näherten, wichen die Flammen zurück und öffneten den Weg zum Altar. Ich wurde erwartet. Meine Prüfung wartete auf mich – und ich auf sie.
Auf dem Altar lag die Schattenkrone. Das Symbol der Herrschaft des Exarchen. Als wir den Kreis der Statuen betraten und wenige Schritte vorangingen, verschränkten sie wie aus einem einzigen Willen heraus ihre Waffen. Der Weg nach draußen war versperrt. Die Prüfung hatte begonnen.
Ich näherte mich der Krone langsam, bedacht, jede Bewegung kontrolliert. Als ich die Hand ausstreckte, schlug eine der Statuen mit einer gewaltigen Sichel nach mir. Nur um Haaresbreite entging ich dem Schlag.
„Nur die Autorität des wahren Exarchen darf die Krone beanspruchen.“
Im selben Moment schossen die lila Flammen empor und bildeten einen Käfig, aus dem es kein Entkommen gab.
Der Kampf begann.
Xarla und ich hielten uns nahe dem Altar und griffen die Statuen mit allem an, was uns zur Verfügung stand. Doch sie waren nicht mit den Golems des oberen Tempels vergleichbar. Meine Zauber prallten größtenteils wirkungslos ab. Einer nach dem anderen wurden die Flameskulls zerstört, und auch der Shield Guardian wurde schwer beschädigt, bis er schließlich nur noch einen Arm bewegen konnte.
Mir wurde klar, dass rohe Zerstörung nicht der Weg war. Ich erinnerte mich an die Worte der Statue. Es ging nicht um Stärke, sondern um Autorität.
Ich sammelte die letzten Reste meiner magischen Kraft und legte alles in meine Stimme.
„Kniet nieder.“
Fünf der acht Statuen gingen auf die Knie. Doch die übrigen zerschlugen im selben Augenblick den Shield Guardian endgültig.
„Ihre Macht ist groß“, dröhnten die Stimmen, „doch besitzt sie die Autorität, die Krone zu tragen?“
Da verstand ich. Die Prüfung verlangte nicht, dass ich sie besiege, sondern dass ich meinen Willen gegen sie durchsetze.
Ich rannte zum Altar und griff nach der Krone.
Als ich sie mir aufsetzte, durchströmte mich eine Macht, die sich nicht in Worte fassen lässt. Dunkelheit, Vitalität, absolute Gewissheit. Vor allem aber ein brennender, klarer Wunsch: zu herrschen. Die Welt meinem Willen zu unterwerfen und nach ihm zu formen.
Ich wiederholte meinen Befehl.
„Kniet nieder.“
Dieses Mal gehorchten alle. Die Statuen senkten sich. Xarla sank auf ein Knie. Die Flammen erloschen. Es fühlte sich an, als würde sich die gesamte Welt vor mir verneigen.
Eine Euphorie erfasste mich, wie ich sie nie zuvor gespürt hatte. Die Krone war kein fremdes Artefakt. Sie war ein Teil von mir, den ich verloren hatte, ohne es je zu wissen. Jetzt war ich vollständig.
Die Statuen sprachen erneut.
„Ein neuer Exarch beansprucht die Krone. Es ist Zeit, den Tempel der Ungläubigen zu zerstören und das Heiligtum von falschen Göttern zu reinigen.“
Der Bernsteintempel war lange nach dem eigentlichen Heiligtum errichtet worden. Für sie war er eine Beleidigung. Ich akzeptierte ihren Zorn – mit einer Ausnahme. Ich befahl ihnen, die Bibliothek unversehrt zu lassen. Ein solcher Wissensschatz darf nicht vernichtet werden. Die Macht, die dort ruht, gehört mir.
Die Statuen begannen den Aufstieg. Die Maße der Treppe waren perfekt für sie geschaffen – meine Vorahnung vom Vortag bestätigte sich. Oben angekommen, zerstörten sie mit kalter Effizienz die Sarkophage der Alten. Wenige Minuten später stürzte zuerst der Ostflügel ein, dann der Westflügel. Schließlich verließen sie den Tempel, und hinter ihnen kollabierte der zentrale Komplex vollständig.
Xarla und ich waren nun in der Bibliothek eingeschlossen. Das stellte kein Problem dar. Ich kann uns jederzeit mit Dimensionstür hinausbringen. Stattdessen sind wir nun sicher, ungestört und von Feinden abgeschirmt. Ein idealer Ort, um Wissen zu studieren.
Doch das ist etwas für morgen.
Heute feiern wir den Triumph der Prüfung. Xarla hatte noch Wein aus dem Weingut bei sich. Zwei Flaschen hatten sogar die Flucht vor Strahd und seinem Drachen überstanden.
Ein angemessener Abschluss für den Tag, an dem ich zur Exarchin wurde.
Tag 47
Ich begann, die Zauberbücher zu sichten. Jedes Werk, das auch nur einen ansatzweise interessanten Zauber enthielt, nahm ich an mich. Schon bald wuchs in der Mitte der Bibliothek ein ganzer Berg aus Büchern heran. Ein beeindruckender Anblick – und ein beruhigender. Wissen in greifbarer Form, gesammelt und bereit, mir zu dienen.
Am Ende hatte ich sicher drei Dutzend Zauber ausgewählt. Mächtige Formeln, die an die Grenzen dessen reichen, was ich derzeit wirken kann, ebenso wie einfache Zaubertricks, deren Nutzen oft unterschätzt wird. Alles hat seinen Platz. Alles kann zur richtigen Zeit entscheidend sein.
Sobald ich mein Arsenal ausreichend erweitert habe, werde ich mich den tieferen arkanen Geheimnissen widmen, die dieser Ort noch verbirgt. Ich habe keine Eile. Im Gegenteil. Vorbereitung ist jetzt wichtiger als Geschwindigkeit, besonders wenn wir uns Strahd erneut stellen. Unvorbereitete Macht ist Verschwendung.
Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Barovia ist Zeit kein Feind mehr. Wir könnten hier theoretisch ewig bleiben. Xarla beherrscht nun den Zauber, Nahrung und Wasser zu erschaffen, was uns vollständig unabhängig macht. Keine Jagd, keine Vorratssuche, keine unnötigen Risiken. Nur Studium, Konzentration und Wachstum.
Der erste Zauber, den ich mir aneignete, war Clairvoyance – die Fähigkeit, einen entfernten Ort zu beobachten, ohne selbst anwesend zu sein. Information ist eines der mächtigsten Werkzeuge überhaupt, und Strahd lebt davon, mehr zu wissen als seine Feinde. Dieses Ungleichgewicht beginne ich nun auszugleichen.
Und das ist erst der Anfang.
So viele Zauber warten noch darauf, erlernt zu werden.
So viele Möglichkeiten.
So viel Macht, die nur darauf wartet, von mir beansprucht zu werden.
Tag 48
Es dauerte keine zwei Tage, bis Strahd sich hierher begab.
Seine Ankunft riss mich aus dem Studium, lange bevor ich ihn sah. Die Erschütterung, als sein Drache auf der Ebene vor dem Tempel landete, ging selbst durch den massiven Bernstein bis in die Bibliothek. Ich nutzte die Gelegenheit sofort, um den neu erlernten Erkenntniszauber Clairvoyance zu erproben.
Das Bild, das sich mir bot, war… befriedigend.
Strahd lief wutentbrannt zwischen den Reihen der Wächterstatuen umher, schrie seine Frustration in die Leere hinaus, schleuderte Beleidigungen und Flüche gegen alles, was ihm gerade in den Sinn kam. Gegen diese acht Kolosse hatte selbst er keine Chance. Nicht mit Gewalt, nicht mit List, nicht mit all seiner angestauten Macht.
Der Stachel der Niederlage saß tief. Er hatte die Prüfung nicht bestanden. Er hatte niemals mehr als eines der Artefakte des Exarchen erlangen können. Und genau jenes Artefakt, das mir noch fehlte, der Ring des königlichen Tausches, war es, das seine Herrschaft unvollständig ließ – und meine bald vollenden wird.
Nach einigen Minuten unkontrollierten Zorns bestieg er schließlich wieder seinen Drachen und flog davon. Zurück blieb nur die leere Ebene und die stummen Wächter, die ihn ohne Regung hatten gewähren lassen.
Eines ist sicher: Das letzte Gefecht in Ravenloft wird meine bislang härteste Prüfung. Strahd ist kein tumper Tyrann, sondern ein meisterlicher Stratege, der aus Fehlern lernt und Geduld besitzt. Ich darf ihn nicht unterschätzen.
Ich brauche einen Plan.
Einen, der nicht auf Stärke allein setzt.
Einen, der auf jede List, jede Falle, jede Überraschung vorbereitet ist, die er mir entgegenwerfen könnte.
Und ich werde mir die Zeit nehmen, ihn zu perfektionieren.
Tag 49
Strahds Besuch hat mir eines deutlich gemacht: Zeit ist nun mein Verbündeter – aber nur, solange ich sie richtig nutze. Ich habe den Ring des königlichen Tausches noch nicht, und solange das so ist, bin ich Exarchin nur dem Namen nach. Vollständige Autorität verlangt Vollständigkeit der Insignien.
Den heutigen Tag widmete ich daher nicht dem Studium einzelner Zauber, sondern der Planung. Nicht in Form eines festen Schlachtplans – dafür ist Strahd zu wandelbar –, sondern in Form von Optionen. Szenarien. Reaktionen auf Reaktionen. Ich ging Ravenloft in Gedanken Raum für Raum durch, so gut es mir mit dem Modell und den Bauplänen möglich ist. Engstellen, Sichtlinien, mögliche Rückzugswege, Orte, an denen er kämpfen muss, auch wenn er es vermeiden will.
Strahd kontrolliert das Schlachtfeld gern, doch er ist daran gewöhnt, dass andere auf seine Züge reagieren. Das wird sich ändern. Ich werde ihn zwingen, Entscheidungen zu treffen, die er nicht vorbereitet hat. Entscheidungen, bei denen jede Option ihn etwas kostet.
Xarla hielt sich heute im Hintergrund, ließ mich denken, störte nicht. Sie versteht inzwischen, wann ich Raum brauche. Das ist… nützlich. Ihre Loyalität ist stabil, ihr Vertrauen vollständig. Und dennoch werde ich darauf achten, dass sie niemals zu einer Schwachstelle wird. Gefühle sind ein Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn man sie kontrolliert.
Ich prüfte erneut die Macht der Krone, vorsichtig, kontrolliert. Sie verlangt nichts. Sie drängt nicht. Sie verstärkt nur das, was ohnehin in mir ist: den Willen, zu herrschen. Das macht sie gefährlich – aber auch ehrlich.
Morgen werde ich beginnen, gezielt nach Hinweisen auf den Ring zu suchen. Nicht in den offensichtlichen Quellen, sondern dort, wo Strahd Informationen verborgen hält, weil er glaubt, sie seien bedeutungslos. Alte Korrespondenzen. Randnotizen. Vergessene Berichte.
Er weiß, dass ich existiere.
Er weiß, dass ich die Prüfung bestanden habe.
Und er weiß jetzt, dass ich nicht unvorbereitet sein werde.
Das Spiel hat sich verändert.
Und dieses Mal bestimme ich das Tempo.
Tag 50
Ich habe die Nachtruhe vollständig aufgegeben. Nicht aus Trotz, sondern aus Effizienz. Mein Körper verlangt keinen Schlaf, und mein Geist ist klarer, fokussierter, wenn ich ohne Unterbrechung arbeite. Die Bibliothek ist still, zeitlos, perfekt.
Ich begann mit der systematischen Erfassung aller Zauberbücher, sortiert nach Schulen, Ritualfähigkeit und theoretischer Tiefe. Viele der Formeln sind mir vertraut, andere erweitern bekannte Konzepte auf elegante Weise. Es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich Kulturen zu denselben arkanen Wahrheiten gelangen – und wie oft sie dabei unnötige Umwege gehen.
Tag 53
Erster wirklicher Durchbruch.
Ein Ritual, das es erlaubt, Zauberenergie temporär zu speichern, nicht in Objekten, sondern im eigenen arkanen Gefüge. Riskant, ineffizient für Ungeübte – aber für jemanden mit Kontrolle über Körper und Geist… vielversprechend.
Ich beginne zu verstehen, dass Magie kein Werkzeug ist, sondern ein System von Spannungen. Wer sie nur wirkt, nutzt sie. Wer sie versteht, formt sie.
Tag 54
Heute habe ich Slow vollständig verinnerlicht.
Ein Zauber von trügerischer Einfachheit. Keine rohe Gewalt, kein spektakulärer Effekt – und doch ist er verheerend. Den Gegner nicht aufzuhalten, sondern ihn zu verlangsamen, seine Entscheidungen zu verzerren, seine Reaktionen wertlos zu machen.
Kampf ist kein Austausch von Schlägen. Kampf ist Taktung. Wer das Tempo kontrolliert, entscheidet, was überhaupt geschieht.
Strahd wird schnell sein.
Ich werde schneller denken.
Tag 56
Ich habe begonnen, Rituale nicht mehr nur zu lernen, sondern zu zerlegen. Jede Geste, jede Silbe, jede symbolische Entsprechung. Manche Zauber lassen sich vereinfachen, andere stabilisieren. Es gibt wiederkehrende Muster – Machtachsen, die immer wieder auftreten, unabhängig von Quelle oder Gottheit.
Vegnar hat diese Strukturen verstanden. Nicht erfunden, sondern erkannt.
Tag 57
Mind Spike ist kein eleganter Zauber. Er ist direkt, brutal und zutiefst persönlich. Kein Feuer, kein Blitz – nur Schmerz, der direkt im Geist ansetzt und dabei Spuren hinterlässt.
Besonders faszinierend ist die Nachwirkung. Die Verbindung bleibt bestehen. Der Gegner kann sich nicht verbergen, nicht entziehen. Wissen über Position und Zustand ist fast ebenso wertvoll wie Schaden.
Ich beginne zu begreifen, dass Angst nicht erzeugt werden muss. Man muss sie nur präzise platzieren.
Tag 59
Die Krone stört mich.
Nicht wegen ihrer Macht – diese ist makellos –, sondern wegen ihrer Form. Sie ist zu groß, zu massiv, zu offensichtlich. Ein Symbol, das schreit, statt zu befehlen. Sie passt nicht zu mir, nicht zu meinem Stil, nicht zu der Art von Autorität, die ich ausübe. Herrschaft muss nicht gesehen werden, um absolut zu sein.
Lange habe ich sie nur betrachtet, gewogen, ihre Präsenz analysiert. Die Krone ist kein bloßes Artefakt, sie erkennt Autorität. Sie akzeptiert sie. Und genau dort liegt der Ansatz.
Ich nutzte meine Stellung als Exarchin nicht, um ihre Macht zu entfesseln, sondern um sie zu formen. Es war mühsam. Die Krone widersetzte sich nicht offen, aber sie gab auch nicht nach. Jeder Versuch, ihre Struktur zu verändern, fühlte sich an wie ein Tauziehen zwischen Wille und Wille. Nicht Schmerz, nicht Widerstand – eher ein Prüfstein.
Schritt für Schritt zwang ich sie, sich zu beugen. Metall und Schatten verflossen, Kanten wurden schmaler, die Wucht wich Eleganz. Die Masse löste sich auf, ohne ihre Essenz zu verlieren. Es dauerte Stunden konzentrierter Arbeit, und mehr als einmal war ich versucht, mein Vorhaben abzubrechen.
Doch am Ende gab sie nach.
Wo zuvor eine schwere Krone thronte, liegt nun ein schmales, kunstvolles Diadem. Dunkel, elegant, aus Schatten und Obsidian zugleich, kaum sichtbar und doch unmöglich zu übersehen. Es trägt dieselbe Macht wie zuvor – vielleicht sogar mehr –, aber ohne jede plumpe Zurschaustellung.
Die Autorität des Exarchen macht selbst vor der Krone nicht halt. Sie dient mir, nicht umgekehrt.
Von nun an ist sie das Schattendiadem.
Tag 60
Xarla ist viel unterwegs. Sie erkundet die Ruinen des Tempels, spricht mit niemandem, da niemand mehr da ist, und kommt oft erst zurück, wenn ich sie rufe. Sie wirkt… unterfordert.
Ich verstehe das. Aber Verständnis ist kein Argument.
Ich stehe kurz davor, einen komplexen Versiegelungszauber zu vollenden, dam selbst Strahd nur nichts entgegenszusetzen hat.
Tag 61
Ich habe heute Stunden damit verbracht, Major Image zu perfektionieren.
Illusionen, die nicht nur täuschen, sondern überzeugen. Geräusch, Bewegung, Substanz, Reaktion. Ganze Szenarien lassen sich erschaffen, glaubwürdig genug, um selbst erfahrene Magier irrezuführen.
Realität ist verhandelbar, solange niemand sicher ist, was real ist.
Ein Schlachtfeld voller Möglichkeiten.
Ein perfektes Werkzeug für jemanden, der vorausplant.
Tag 63
Eine weitere Zauberformel, diesmal zur Umleitung feindlicher Zauber. Keine vollständige Negation – das wäre ineffizient –, sondern Umlenkung, Verzögerung, Abschwächung.
Schilde sind passiv. Kontrolle ist aktiv.
Ich beginne, Kampf nicht mehr als Abfolge von Angriffen zu denken, sondern als Fluss von Entscheidungen. Wer den Fluss kontrolliert, gewinnt.
Tag 65
Ich habe den Säurezauber weiter untersucht und verfeinert. Vitriolic Sphere ist bemerkenswert effizient. Keine Explosion, kein kurzlebiger Effekt – sie frisst sich durch Materie, bleibt, wirkt nach.
Beim Studium musste ich an das Weingut denken. Die Twig Blights, die Schlurfer, der ganze Widerstand. Mit diesem Zauber wäre es ein Spaziergang gewesen.
Macht fühlt sich dann rbesonders gut an, wenn man zurückblickt auf Situationen an denen man sie noch nicht hatte.
Tag 67
Zeit verliert an Bedeutung.
Ich kann nicht mehr sagen, wie viele Stunden vergangen sind, ohne aufzusehen. Die Bibliothek verändert sich nicht. Kein Sonnenstand, kein Hunger, kein Müdigkeitsgefühl. Nur Seiten, Formeln, Erkenntnis.
Ich habe ein halbes Dutzend neue Pläne für Ravenloft entworfen. Jeder mit Varianten. Jeder mit Abbruchbedingungen. Jeder mit mindestens zwei Rückzugsoptionen.
Noch fehlt mir ein Detail. Ich weiß nicht welches, aber ich spüre es.
Tag 69
Heute habe ich Fabricate gelernt.
Ein Zauber, der rohe Materie nimmt und sie in etwas Nützliches verwandelt. Werkzeuge, Strukturen, Waffen – begrenzt nur durch Wissen und Vorstellungskraft.
Armeen benötigen Schmiede. Herrscher benötigen Logistik.
Ich beginne, Magie nicht mehr nur als Mittel zur Zerstörung zu sehen, sondern als Fundament von Ordnung.
Die Geschmolzene Bucht wird davon profitieren, wenn sie sich mir beugt.
Oder darunter leiden, wenn sie sich mir verweigert.
Tag 71
Xarla hat begonnen zu nörgeln. Nicht offen, nicht aggressiv – eher beiläufig. Fragen nach „dem Weiterziehen“, nach „dem nächsten Schritt“. Sie sagt, der Tempel fühle sich tot an.
Ich widerspreche ihr nicht. Tot ist er. Aber genau das macht ihn so nützlich. Tote Orte bewahren Wissen besser als lebendige.
Tag 72
Ein besonders befriedigender Durchbruch. Blight ist die Antithese zu allem, was wächst. Leben wird entzogen, nicht verbrannt, nicht zerschlagen – einfach ausgelöscht.
Ich musste unwillkürlich an die Pflanzenmonster beim Weingut denken. Damals war es ein Kampf. Mit diesem Zauber wäre es keiner gewesen.
Natur ist nur eine weitere Ressource.
Und Ressourcen lassen sich erschöpfen.
Tag 74
Die Weiterentwicklung von Hold Person ist… erheblich. Hold Monster erweitert das Prinzip auf alles, was lebt – unabhängig von Form oder Herkunft.
Bewegungslosigkeit ist nicht nur eine Einschränkung. Sie ist Demütigung.
Ein Gegner, der nicht fliehen, nicht reagieren, nicht einmal schreien kann, ist kein Gegner mehr.
Ich beginne, Kämpfe als Abfolge von Zuständen zu sehen.
Und ich bestimme, welcher Zustand als Nächstes eintritt.
Tag 76
Großer Fortschritt.
Ein Konvergenzritual, das mehrere arkane Effekte in einer einzigen vorbereiteten Handlung bündelt. Hoher Aufwand, enorme Vorbereitung – aber im Ernstfall entscheidend.
Strahd verlässt sich auf Reaktionen. Ich werde ihm vorbereitete Endpunkte entgegenwerfen.
Tag 78
Xarla ist sichtlich gelangweilt. Sie verbringt Stunden damit, durch die Trümmer zu gehen, die Statuen zu betrachten, die nichts mehr tun. Sie fragt, ob all das hier wirklich nötig sei.
Ich habe ihr geantwortet, dass Macht nicht durch Eile entsteht.
Sie hat nichts erwidert.
Das stört mich mehr, als es sollte.
Tag 79
Heute habe ich Mauer der Macht vollständig verstanden.
Nicht nur gewirkt – verstanden.
Es ist kein spektakulärer Zauber. Kein Licht, kein Donner, keine rohe Zerstörung. Und genau deshalb ist er so gefährlich. Eine perfekte, unsichtbare Barriere, absolut, unbeugsam. Keine Lücke, keine Schwäche, kein Widerstand, den man überwinden könnte. Wer einmal darin eingeschlossen ist, ist aus dem Kampf entfernt. Für bis zu zehn Minuten.
Zehn Minuten sind eine Ewigkeit.
In dieser Zeit kann man Schlachtfelder neu ordnen, Kräfte neu verteilen, Bedrohungen isolieren. Mächtige Gegner lassen sich einsperren, während man systematisch schwächere Gruppen eliminiert. Kein chaotisches Aufeinandertreffen mehr, kein unübersichtliches Durcheinander. Nur Kontrolle. Reihenfolge. Entscheidung.
Ich musste unwillkürlich an Ravenloft denken. An enge Gänge, große Hallen, an Strahds Vorliebe, mit mehreren Bedrohungen gleichzeitig Druck aufzubauen. Mit diesem Zauber existiert dieses Problem nicht mehr. Man kämpft nie gegen die volle Stärke des Feindes. Man zerlegt sie.
Was mich besonders fasziniert, ist die Endgültigkeit dieser Wand. Sie kann nicht zerstört, nicht durchbrochen, nicht untergraben werden. Keine Gewalt, keine Magie greift – mit einer einzigen Ausnahme. Desintegration. Ein Zauber, der selbst auf dieser Ebene existenzielle Strukturen auflöst.
Das bedeutet: Jeder Gegner, der nicht über genau diese eine Lösung verfügt, ist ausgeliefert. Gefangen. Wartend.
Ich beginne zu begreifen, dass wahre Macht nicht darin liegt, den stärksten Schlag zu führen, sondern darin, zu entscheiden, wer überhaupt kämpfen darf.
Xarla beobachtete mich eine Weile, als ich die Formeln wieder und wieder durchging. Sie sagte nichts. Aber ich sah in ihrem Blick, dass auch sie verstand, was dieser Zauber bedeutet.
Mit Mauer der Macht wird kein Kampf mehr fair.
Und das ist gut so.
Tag 80
Heute habe ich Telekinesis gemeistert.
Reine Willenskraft, umgesetzt in Bewegung. Objekte, Kreaturen, Waffen – alles wird verhandelbar, wenn die Schwerkraft nicht mehr allein entscheidet.
Es ist bemerkenswert, wie sehr Kontrolle beruhigt. Dinge geschehen, weil ich es will. Nicht, weil sie fallen, rutschen oder stürzen.
Ich werde nie wieder unbewaffnet sein.
Tag 82
Ich habe begonnen, meine Zauber neu zu ordnen. Nicht nach Schule, sondern nach Funktion im Gefecht. Kontrolle, Zerstörung, Manipulation, Rückzug.
Dabei fiel mir auf, dass ich kaum noch defensiv denke. Nicht, weil ich mich sicher fühle – sondern weil ich gelernt habe, Bedrohungen gar nicht erst entstehen zu lassen.
Tag 84
Clairvoyance war ein Anfang. Scrying ist Vollendung.
Nicht nur Orte, sondern Personen. Bewegungen, Handlungen, Gespräche. Der Schleier zwischen Nähe und Ferne existiert praktisch nicht mehr.
Strahd glaubt, er sieht alles.
Ich werde sehen, was er übersieht.
Information ist Macht – und ich beginne, sie zu monopolisieren.
Tag 86
Ein Ritual zur temporären Entkopplung von Raum und Ziel. Schwer zu erklären, noch schwerer anzuwenden. Aber es erlaubt magische Angriffe aus enormer Entfernung, allerdings werden dazu zusätzliche Zauberwirker benötigt.
Tag 88
Ich habe den Zauber Modify Memory erlangt. Dieser Zauber ist… gefährlich.
Nicht wegen seiner Komplexität, sondern wegen seiner Möglichkeiten. Erinnerungen sind formbar. Entscheidungen lassen sich rückwirkend beeinflussen. Loyalität kann entstehen, ohne je bewusst gewählt worden zu sein.
Ich habe lange darüber nachgedacht, wofür man ihn nicht einsetzen sollte.
Die Liste ist kurz.
Tag 90
Xarla hat heute offen gesagt, dass sie weiterziehen will. Dass sie das Gefühl hat, wir würden stehen bleiben. Dass die Welt da draußen nicht wartet.
Ich habe ihr gesagt, dass genau das der Punkt ist.
Sie hat mich angesehen, als wäre ich jemand anderes.
Tag 92
Heute habe ich Geas vollständig verstanden.
Kein Zwang durch Gewalt, sondern durch Verpflichtung. Ein Befehl, der bleibt. Der nicht bricht, sondern wirkt. Tage, Wochen, Monate.
In Barovia ist dieser Zauber ein Werkzeug.
In der Geschmolzenen Bucht wird er ein System.
Verträge ohne Unterschrift.
Treue ohne Wahl.
Ordnung ohne Widerstand.
Ich sehe jetzt klarer als je zuvor, was möglich ist, wenn ich zurückkehre.
Die Bucht wird sich nicht gegen mich stellen.
Sie wird es nicht einmal merken.
Tag 93
Ich bin nah dran.
Es ist nur noch ein Fragment, eine Kombination aus drei Ritualansätzen, die bisher niemand zusammengeführt hat. Sobald ich das verstehe, ist mein Bild vollständig.
Xarla ist unruhig. Sie läuft viel, spricht wenig. Ich werde bald entscheiden müssen – sie drängt und ist zunehmend zermürbt.
Tag 94
Ich habe heute weitergelesen, gerechnet, verglichen. Keine Offenbarung, kein einzelner Durchbruch, aber eine schleichende Gewissheit. Mein Verständnis ist inzwischen so weit verzweigt, dass neue Erkenntnisse nicht mehr wie Entdeckungen wirken, sondern wie das Einrasten längst vorbereiteter Zahnräder.
Es gibt keinen einzelnen fehlenden Zauber. Kein verborgenes Ritual, das mir noch alles erklärt. Was ich gesucht habe, war kein weiteres Werkzeug, sondern Sicherheit. Die Gewissheit, dass ich für jede denkbare Situation eine Antwort habe.
Und diese Gewissheit ist fast vollständig.
Xarla ist unruhig geworden. Ihre Schritte hallen häufiger durch die Ruinen, sie bleibt länger fort, kehrt mit Fragen zurück, die sie früher nicht gestellt hätte. Ich kann es ihr nicht verdenken. Für sie ist Stillstand Stillstand. Für mich ist er Vorbereitung.
Ich habe begonnen, meine Pläne nicht mehr zu erweitern, sondern zu verdichten. Überflüssiges zu streichen. Annahmen zu überprüfen. Was bleibt, ist ein Kern aus Möglichkeiten, die sich gegenseitig absichern.
Vielleicht ist es Zeit, den nächsten Schritt zu gehen.
Nicht weil ich nichts mehr lernen könnte – sondern weil weiteres Zögern keinen proportionalen Gewinn mehr bringt.
Morgen werde ich entscheiden, ob das Wissen was ich jetzt habe ausreicht.
Tag 95
Wir brachen früh auf.
Ich habe in diesen Hallen unfassbar viel Wissen gesammelt, mehr als ich je für möglich gehalten hätte – und dennoch werde ich mich vermutlich nie zu hundert Prozent vorbereitet fühlen. Vielleicht ist genau das der Punkt.
Xarla ist in auffallend guter Stimmung, seit ich ihr meine Entscheidung mitgeteilt habe. Sie bewegt sich leichter, spricht mehr, wirkt fast… erleichtert. Es bestätigt mir, dass der Aufbruch richtig ist, auch wenn ich das niemals allein von ihrer Stimmung abhängig machen würde.
Der Abstieg vom Berg gestaltete sich überraschend einfach. Der ewige Schneesturm ist versiegt, seit der obere Tempel zerstört wurde. Die Luft ist klarer, der Weg frei. Offenbar war der Sturm ebenso Teil des Systems wie alles andere hier oben – eine weitere Barriere, die nun nicht mehr existiert.
Schon am Nachmittag erreichten wir das Tor und die Brücke, an der wir den Roc besiegt hatten. Der Ort wirkte seltsam leer, fast entweiht. Kein Kreischen aus den Wolken, kein Schatten am Himmel. Nur Stein, Wind und Stille.
Gegen Abend hatten wir bereits wieder die Nadelgrenze erreicht. Der Übergang vom kahlen Fels zurück in bewaldetes Gelände fühlte sich fast fremd an, als hätten wir einen anderen Kontinent betreten.
Auffällig ist, dass wir keine größeren Tiere gesehen haben. Kein Wild, keine Raubtiere, nichts, das sich als untote Reittiere eignen würde. Das ist bedauerlich. Mobilität ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, und Reittiere wären jetzt ausgesprochen nützlich.
Vielleicht haben wir morgen mehr Glück.
Tag 96
Wir konnten heute eine erhebliche Abkürzung nehmen. Ein Abhang, dessen Umgehung mindestens einen ganzen Tag gekostet hätte, ließ sich mit einem gezielten Federfall problemlos überwinden. Wir sprangen mehrere hundert Fuß in die Tiefe und landeten sanft und sicher, als wäre der Weg genau dafür vorgesehen gewesen. Effizienz fühlt sich gut an.
Danach legten wir ein schnelles Marschtempo ein. Das Schattendiadem wirkte spürbar auf mich ein, beschleunigte meine Schritte, dämpfte jede Form von Erschöpfung. Ich fühlte kaum Anstrengung, kaum Widerstand. Es war Xarla, die gegen Abend schließlich um eine Rast bat. Normalerweise bin ich es, die früher innehält. Die Rollen verschieben sich – ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr sich meine Natur verändert hat.
Auch heute jedoch kein Glück bei der Suche nach geeigneten Reittieren. Kein Wild von ausreichender Größe, nichts, das es wert wäre, erneut in meinen Dienst gestellt zu werden. Das ist unerquicklich, aber kein ernsthaftes Problem.
Tag 97
Wir hatten endlich Glück. Kurz nach dem Aufbruch wurden wir von zwei Direwölfen angegriffen. Riesige Tiere, schnell und brutal, überzeugt davon, dass schiere Größe und Kraft ausreichen würden. Xarla bemerkte sie jedoch frühzeitig, noch bevor sie ihren Angriff ausführen konnten, und so kehrte sich das Kräfteverhältnis schnell um.
Dumme Tiere. Sie schätzen Stärke ausschließlich nach körperlicher Überlegenheit ein und übersehen dabei alles andere. Ein Fehler, den sie nicht lange überleben.
Nach ihrem Tod stellte ich sie in meinen Dienst. Als Reittiere sind sie ideal: schnell, ausdauernd und für dieses Gelände geschaffen. Unsere Reisegeschwindigkeit hat sich dadurch deutlich erhöht.
Mit diesem Tempo werden wir Argynvostholt sehr bald erreichen.
Tag 98
Die Reise verlief zunächst ereignislos, bis wir kurz vor der Abenddämmerung erneut auf den verrückten alten Magier trafen. Wir wechselten ein paar Worte. Er schien es genossen zu haben, die Werwölfe im Osten Barovias zu bekämpfen, und bedankte sich sogar für den Hinweis. Doch der Wahnsinn in seinen Augen war seit unserem letzten Treffen deutlich gewachsen. Ein Wesen mit dieser Macht und diesem geistigen Zustand ist unberechenbar. Ich war daher entschlossen, rasch weiterzuziehen.
Kaum hatten wir ihn hinter uns gelassen, kam mir jedoch ein Gedanke. Wenn ich ihn gegen Strahd einsetzen könnte, würde das meinen Feind schwächen. Im besten Fall würde der Magier dabei sterben, und ich könnte ihn anschließend als Werkzeug zurückholen – mit seiner gesammten Macht, die ich dann vollständig kontrollieren würde.
Wir wendeten und suchten erneut nach ihm. Nur wenige hundert Fuß von der Stelle entfernt, an der wir ihn getroffen hatten, erhob sich plötzlich ein gewaltiges Anwesen. Die Umgebung wirkte ruhig, fast zu ruhig. Wir näherten uns vorsichtig, doch alles schien sicher. Also klopften wir am Eingangstor. Nach kurzer Zeit öffnete es sich.
Wir traten ein und durchschritten einen prächtigen Garten, der in keiner Weise zu Barovia passte. An der Eingangstür des Anwesens stand der Magier – und in diesem Moment fügte sich alles zusammen. Dieses Anwesen war nicht real im klassischen Sinne. Es war magisch erschaffen, eine Taschendimension, in das Geflecht dieser Welt eingewebt. Ich kannte diesen Zauber aus den Texten der Bibliothek: Mordenkainens prächtiges Herrenhaus. Ein Beschwörungszauber von Grad sieben, weit jenseits dessen, wozu ich derzeit fähig bin.
In ganz Lidarion gibt es, soweit ich weiß, nur eine Handvoll Magier, die einen solchen Zauber überhaupt wirken können. Und angesichts seines Zustands wäre wohl nur der ursprüngliche Erschaffer selbst in der Lage, die hochkomplexen Formeln korrekt auszuführen. Mir war klar, wen ich vor mir hatte. Dieser „verrückte Alte“ war niemand Geringeres als Mordenkainen selbst. Wie er hierher gelangt war, bleibt mir ein Rätsel – vermutlich ein fehlgeschlagener Zauber.
Er lud uns ein, sein Gast zu sein. Offenbar schätzte er unsere Gesellschaft. Uns wurden Zimmer zugewiesen, mit den bequemsten Betten, die ich je genutzt habe. Das gesamte Anwesen wurde von belebten Rüstungen bewacht und instand gehalten. Wir speisten gemeinsam im Esszimmer; ich ließ Xarla das Essen unauffällig auf Gift prüfen. Es war sicher. Ich hatte ohnehin nicht den Eindruck, dass er uns schaden wollte, doch Vorsicht ist stets angebracht.
Während des Gesprächs wurde deutlich, dass er kaum Erinnerungen daran hatte, wer er war, woher er kam oder warum er überhaupt Magie wirken konnte. Ich witterte meine Gelegenheit.
Ich machte ihm ein Angebot: Ich würde ihm seinen Namen nennen, und im Gegenzug sollte er mir im Kampf gegen Strahd beistehen. Er zeigte Interesse, doch ich ging zu weit. Dass ich den Pakt mit einem Geas verbindlich machen wollte, war ein Fehler. Er wurde wütend darüber, dass ich ihm Bedingungen stellte, obwohl er uns Gastfreundschaft gewährte.
In diesem Moment wurde das Besteck lebendig. Das Messer in meiner Hand begann sich zu verhaken, schnitt mir schließlich in die Haut. Zu meiner Verwunderung war mein Blut nicht mehr rot. Es war dickflüssig, tiefschwarz, und floss in dunklen Linien über meine hellgraue Haut. Ein seltsamer, beinahe ästhetischer Anblick – wie ein melancholisches Gemälde. Vermutlich eine Folge der Prüfung und der Veränderungen, die die Krone in mir ausgelöst hat.
Ich war so fasziniert von diesem Anblick, dass ich den Magier vor mir für einen Augenblick vergaß – ein Fehler, den ich mir normalerweise nicht leiste.
Nach kurzer Zeit setzte ich erneut an. Ich nannte ihm seinen Namen und verlangte nichts weiter, als dass er mir so gut es ihm möglich sei beistehen würde.
Als ich ihm seinen Namen offenbarte, wurde er vollkommen still. Er stand reglos da, ordnete seine Gedanken – und dann kehrte sein Geist mit der Wucht einer Lawine zurück. Erinnerungen, Klarheit, Kontrolle. Der Wahnsinn verschwand vollständig aus seinen Augen. Er wirkte erleichtert, beinahe fröhlich, und dankte mir aufrichtig.
Nach einer längeren Unterredung einigten wir uns darauf, dass er verhindern würde, dass Strahd oder einer seiner Verbündeten aus Ravenloft fliehen kann. Er weigerte sich jedoch entschieden, selbst das Innere des Schlosses zu betreten. Ein Umstand, mit dem ich leben kann.
Wir sprachen noch lange über die Geheimnisse der Magie, über Theorien, die ich in den Texten der Bibliothek noch nicht verstanden hatte. Bevor wir zu Bett gingen, stimmte er zu, mir nach unserer Flucht aus Barovia meine offenen Fragen zu den komplexesten Schriften zu beantworten und deren Geheimnisse offenzulegen.
Ein höchst produktiver Tag.
Tag 99
Als wir uns zum Frühstück erneut im Esszimmer einfanden, übergab mir Mordenkainen zum Dank für meine Hilfe noch etwas. Einen magischen Spiegel. Ein Artefakt, das es erlaubt, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu blicken.
Er erzählte mir, weshalb er überhaupt nach Barovia gekommen war. Er hatte die Mächte studieren wollen, die im Bernsteintempel verborgen lagen, und war – wie mir selbst angeboten worden war – einen Handel mit den Alten eingegangen. Dieser Handel hatte ihm zwar Wissen und Einsicht verschafft, doch seinen klaren Verstand gekostet. Ich hatte also richtig gehandelt, als ich das Angebot ausgeschlagen hatte. Manche Macht ist den Preis schlicht nicht wert.
Er überließ mir den Spiegel nicht nur aus Dankbarkeit. Für ihn war er letztlich nicht das gewesen, wonach er gesucht hatte. Er besitzt andere Mittel, andere Wege. Zudem erinnerte ihn das Artefakt stets an seine eigene Torheit, diesen Handel eingegangen zu sein.
Ich nahm den Spiegel entgegen und untersuchte ihn zunächst sorgfältig. Seine arkane Präsenz war stark, aber sauber. Keine verborgenen Bindungen, keine Fallen, keine Stimmen. Also wagte ich einen Blick hinein.
Nach kurzer Zeit veränderte sich meine Wahrnehmung. Plötzlich befand ich mich in einem steinernen Gemäuer. Hinter mir sah ich – wie durch eine Glasscheibe – aus dem Spiegel hinaus, ich sah mich selbst und Xarla, die reglos hinter mir stand. Mein Körper war also in der Realität geblieben, während mein Geist in den Spiegel eingedrungen war.
Vor mir öffneten sich drei Gänge.
Der mittlere führte in einen großen Raum, in dessen Zentrum ein weiterer, gewaltiger Spiegel hing. In ihm sah ich den Raum, in dem ich selbst stand, doch ich konnte das Bild drehen, verschieben, jeden Winkel erkunden. Nichts bewegte sich. Die Zeit schien stillzustehen, solange ich diesen Spiegel nutzte. Ein äußerst nützliches Werkzeug.
Ich kehrte um und wandte mich dem linken Gang zu. Er schien endlos, gesäumt von Spiegeln zu beiden Seiten. In jedem zeigten sich Bilder aus meiner Vergangenheit. Als ich nähertrat, begann die Oberfläche zu fließen, und ich erlebte unseren Kampf mit den Direwölfen erneut. Je weiter ich ging, desto weiter reichten die Erinnerungen zurück.
Ich wandte mich schließlich dem rechten Gang zu. Er glich dem linken, doch die Bilder waren mir fremd. Zukunft, vermutlich. Ich ging weiter, bis mir eine Umgebung bekannt vorkam. Burg Ravenloft. Ihr Gemäuer würde ich überall erkennen.
Ich trat in den Spiegel.
Ich sah mich selbst auf einem Turm stehen. Hinter mir die Brücke, die die beiden zentralen Türme der Festung verbindet. Vor mir ein Eisengitter, dahinter ein riesiges, pulsierendes Herz, dessen roter Schimmer die Mauern erhellte. Ohne zu zögern schleuderte ich einen Blitz hinein. Das Herz zerbarst, stürzte in die Tiefe und schlug nach einigen Sekunden mit einem dumpfen Geräusch auf. Dann ein Schrei, der die Luft selbst zu zerreißen schien.
Das Bild hielt inne, und eine Welle aus Erschöpfung überkam mich. Doch ich wollte mehr sehen. Ich zwang den Spiegel, mir weiteres zu zeigen – und er gehorchte. Ich sah, wie Xarla und ich die Treppen hinabstiegen und schließlich den unteren Teil des Turms erreichten. Dort jedoch war nichts als eine Barriere aus reiner Dunkelheit. Keine Scherben des Herzens, keine Spur davon. Wir betraten die Dunkelheit, und selbst meine Dunkelsicht versagte. Dann endete das Bild erneut.
Eine zweite, weit stärkere Welle der Erschöpfung traf mich.
Ich entschied, dass der Spiegel für den Moment genug offenbart hatte, und kehrte in die Realität zurück.
Diese Erkenntnisse ändern alles. In der Bibliothek hatte ich von Bindungszaubern gelesen, die ein Wesen nahezu unverwundbar machen, indem sie seine Lebenskraft an andere Entitäten koppeln. Dieses Herz erfüllt genau diesen Zweck. Strahd kann erst besiegt werden, wenn es vernichtet ist.
Wir verabschiedeten uns von Mordenkainen. Wir vereinbarten, dass ich ihn mittels Message kontaktieren würde, sobald wir vor Ravenloft stehen und bereit sind. Er würde dann per Teleport zu uns stoßen.
Dank der Direwölfe erreichten wir noch am selben Abend den Rastplatz vor Argynvostholt, an dem wir Monate zuvor schon einmal genächtigt hatten. Die Spitzen der alten Ruine zeichneten sich genauso bedrohlich am Horizont ab wie damals.
Doch dieses Mal ist alles anders.
Tag 100
Ich kann kaum fassen, wie jemand zugleich so stur und so unfähig sein kann.
Ich war mir sicher gewesen, dass meine ausgearbeiteten Strategien uns einen entscheidenden Vorteil verschaffen würden, wenn wir gegen Strahd ziehen. Ich hatte Informationen, ich hatte Pläne, ich hatte Lösungen. Was ich unterschätzt habe, war die Dummheit von Vladimir Horngaard.
Als ich ihm darlegte, dass ich Strahds Schwäche kenne und weiß, wie man ihn verwunden – und letztlich vernichten – kann, verlor er augenblicklich jedes Interesse an meinen Schlachtplänen. Für ihn und seine Ritter existiert nur ein einziger Ansatz: ein Frontalangriff. Ein stumpfer, ehrengetriebener Frontalangriff auf Ravenloft.
Gegen eine Festung, die dafür gebaut wurde, Belagerungen zu überstehen.
Gegen einen der fähigsten Strategen, die diese Welt je hervorgebracht hat.
Gegen einen der mächtigsten Vampire aller Zeiten.
Wie kann man nicht begreifen, dass ein solcher Angriff in einem vollständigen Desaster enden muss?
Ich kenne die Burg. Ich war dort. Ich habe ihren Aufbau studiert, jedes Stockwerk, jede Engstelle, jede mögliche Todesfalle – anhand des Modells und der alten Baupläne. Ravenloft ist kein Ort, den man einfach „stürmt“. Es ist ein Mahlwerk, das Angreifer zerreibt, lange bevor sie Strahd überhaupt zu Gesicht bekommen.
Es ist, als wäre die gesamte Sturheit und geistige Trägheit des Ordens in diesem überragenden Idioten konzentriert worden.
Immerhin gelang es mir, ihn davon zu überzeugen, seine gesamte Streitmacht zu mobilisieren. Er hatte ernsthaft vor, einen Teil seiner Krieger zurückzulassen, um Argynvostholt zu verteidigen. Eine Ruine. Vor wem überhaupt? Strahd? Derselbe Strahd, der all seine Aufmerksamkeit und Macht auf Ravenloft konzentrieren wird, um uns dort auf seinem eigenen Terrain zu vernichten?
Mit Mühe konnte ich ihm zumindest diesen Unsinn ausreden. Alle Ritter ziehen mit. Ein kleiner Erfolg, aber einer, der uns vielleicht das Leben rettet.
Wir sind schließlich aufgebrochen. Xarla und ich ritten auf den Direwölfen voraus, die Untoten folgten in ihrem eigenen Tempo. Sie brauchen keine Pausen, keinen Schlaf, keine Rast. Sie werden uns in der Nacht einholen.
Nun muss ich überlegen, wie ich aus dieser katastrophalen Ausgangslage noch einen Vorteil ziehen kann. Ein Frontalangriff mag Vladimirs einziger Gedanke sein – aber er wird nicht meiner sein. Ich werde diesen Wahnsinn nutzen, umlenken, verzerren.
Es ist beschämend, dass im Orden des Silberdrachen Kompetenz offenbar kein Kriterium war, um zum Anführer zu werden.
Tag 101
Der Weg bis Vallaki war unspektakulär und dank der Direwölfe in kaum anderthalb Tagen zurückgelegt. Die Strecke, die uns früher Zeit und Nerven gekostet hätte, schrumpfte zu einer bloßen Formalität.
Doch Vallaki selbst ist nicht wiederzuerkennen. Seit die Wachter im Namen Strahds regieren, hat sich die Stadt verändert. Die Straßen wirken trostloser als zuvor, schwerer, als läge ein permanenter Schatten über allem. Kein einziger Bewohner zeigte sich auf den Straßen, und das am frühen Abend, zu einer Zeit, in der sonst zumindest vorsichtiges Treiben geherrscht hätte. Viele Häuser stehen leer, die übrigen sind notdürftig verbarrikadiert, als würden ihre Bewohner darauf warten, dass etwas Unausweichliches an die Türen klopft.
Wir entschieden uns dennoch, die Taverne aufzusuchen, in der wir schon früher genächtigt hatten. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte.
Kaum hatten wir sie betreten, lag der Geruch von Blut in der Luft. Nicht frisch, aber auch nicht alt – schwer, süßlich, allgegenwärtig. In der Schankstube lagen Dorfbewohner auf dem Boden und auf den Tischen, ausgezehrt, blutleer. Kein Kampf, eher ein Abschlachten.
Aus dem hinteren Teil der Taverne drangen Geräusche, und kurz darauf traten fünf Vampire hervor, jedoch lediglich niedere Brut.
Der Kampf war kurz, aber brutal. Xarlas Sonnenlicht schächte ihre Körper erheblich, während meine Zerstörungsmagie den Rest erledigte. Sie hatten keine Chance.
Ich entschied mich, die Direwölfe gegen zwei der Vampire auszutauschen. Die Wölfe waren nützlich gewesen, schnell und zuverlässig, doch für das, was vor uns liegt, ist rohe Kampfkraft entscheidender als Mobilität. Die Untoten werden mir besser dienen.
Wir verließen Vallaki umgehend. Es wäre töricht gewesen, länger zu bleiben. Diese fünf Vampire waren mit Sicherheit nicht die einzigen in der Stadt.
Unser Rastplatz liegt nun auf einem geschützten Hügel hinter Vallaki. Von hier aus haben wir freie Sicht auf die Umgebung. Sollte uns jemand verfolgen, werden wir es frühzeitig bemerken.
Tag 102
Als wir am Morgen aufbrachen, sahen wir bereits die Armee von Vladimirs Untoten, die aus Richtung Vallaki auf uns zumarschierte. Mit den Direwölfen hatte das Vorausreiten gut funktioniert, doch nun, da wir zu Fuß unterwegs sind, würden sie uns spätestens in der ersten Nacht einholen.
Ich entschied daher, am Wegesrand auf sie zu warten. Doch auch heute zeigte sich Vladimirs Sturheit in ihrer reinsten Form. Er sah keinerlei Grund, in der Nacht haltzumachen, nur damit Xarla und ich rasten könnten. Er war bereit, uns völlig erschöpft bis Ravenloft marschieren zu lassen.
Ich verliere noch den Verstand, wenn ich länger mit diesem Idioten zusammenarbeiten muss. Oder besser: Ich bezweifle ernsthaft, dass er überhaupt einen besitzt. Nach einer gefühlten Ewigkeit aus Erklärungen, Argumenten und der mühsamen Darlegung, warum ein ausgeruhter Magier mehr wert ist als zehn fanatische Ritter, willigte er schließlich ein. Wir rasten. Weiter geht es erst bei Sonnenaufgang.
Wir passierten die alte Mühle. Vor etwa drei Monaten hatte ich dort gegen die Vetteln gekämpft. Es fühlt sich unwirklich an, diesen Ort jetzt erneut zu sehen. Mit meinem heutigen Wissen und meinen Fähigkeiten wäre dieser Kampf nicht einmal erwähnenswert gewesen. Damals jedoch war er einer der schwierigsten überhaupt. Wir wären beinahe gestorben. Und dort war es auch, wo Strahd mich zu sich eingeladen hatte.
Damals dachte er, er könne mich manipulieren, mich benutzen.
Heute ziehen wir mit einer Armee gegen seine Burg, um ihn zu vernichten.
Wie schnell sich die Dinge ändern können.
Wir rasteten an dem kleinen See abseits des Weges, an genau jenem bekannten Rastplatz. Ismark hatte mir hier einst Geld stehlen wollen, um Traumgebäck zu kaufen. Ich hatte ihn damals verschont, in der Annahme, er könnte sich noch als nützlich erweisen – wegen seiner Verbindung zum Baron von Vallaki. Ein lächerlicher Gedanke im Rückblick. Er hatte nichts zu bieten. Einzig seine Schwester Ireena hatte jemals einen Wert.
In drei Tagen werden wir Ravenloft erreichen.
Und dann wird sich alles entscheiden.
Tag 103
Kein Tag vergeht, ohne dass Vladimir aufs Neue beweist, wie wenig Verstand er besitzt.
Wir erreichten am Nachmittag das Weiße Tor. Dieses Mal war es verschlossen. Als wir ankamen, stand er bereits davor und wechselte zwischen Drücken und prüfendem Betrachten, als würde das Tor ihm irgendwann aus reiner Erschöpfung nachgeben. Er mühte sich ab, sichtbar gereizt.
Zunächst sahen wir ihm eine Weile dabei zu. Irgendwann fragte ich, was sein Problem sei. Seine Antwort war entsprechend unerquicklich: Das Tor sei verschlossen.
Ich schickte meine Vampirbrut vor, um es ebenfalls zu versuchen. Das massive Holz bog sich unter ihrer Kraft, doch es öffnete sich nicht. Für einen kurzen Moment dachte ich tatsächlich darüber nach, ob das Tor vielleicht magisch versiegelt sei.
Dann traf mich die Erkenntnis.
Er hatte die ganze Zeit versucht, das Tor aufzudrücken.
Dieses Tor wird gezogen.
Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich von seiner Inkompetenz hatte anstecken lassen. Ich war selbstverständlich selbst nicht sofort auf die Lösung gekommen, weil ich unbewusst davon ausgegangen war, dass jemand wie Vladimir zumindest eine Tür korrekt bedienen könne. Ein folgenschwerer Denkfehler.
Ich verkniff mir jeden Kommentar. Nicht aus Nachsicht, sondern weil ich mir eingestehen musste, dass ich ihn als Maßstab für grundlegende Kompetenz herangezogen hatte. Das darf mir kein zweites Mal passieren.
Wir rasteten schließlich an der Weggabelung, an der sich die Wege nach Barovia und Ravenloft trennen.
Noch zwei Tage.
Tag 104
Die Reise verlief heute ruhig. Beunruhigend ruhig. Wie die Stille kurz vor einem Sturm, wenn selbst die Welt den Atem anhält.
Wir rasteten im Wald vor Ravenloft. Von hier aus sind die dunklen Türme bereits zu erkennen, wie schwarze Klingen, die sich gegen den Horizont abzeichnen. Die Umgebung wirkt leblos. Keine Tiere, kein Rascheln im Unterholz, nur das leise Säuseln des Windes zwischen den Bäumen. Es ist, als würde das Land selbst wissen, was bevorsteht.
Die Untoten sind in dieser Nacht besonders wachsam. Ich konnte Vladimir immerhin davon überzeugen, mir die Aufstellung der Wachposten zu überlassen. Ich habe sie aus seinen Reihen nach meinen Maßstäben positioniert. Wenn es um meine Sicherheit geht, verlasse ich mich nicht auf seinen Instinkt – oder das, was er dafür hält.
Xarla und ich haben uns einen besonders geschützten Bereich gesucht. Die Vampirbrut steht direkt bei uns Wache. Sie reagieren schneller als die Ritter und handeln ohne zu zögern. Genau so muss es sein.
Ich glaube nicht, dass es heute Nacht zu einem Angriff kommen wird. Strahd ist geduldig. Er wird den Moment wählen, der ihm den größten Vorteil verspricht. Dennoch wäre Nachlässigkeit töricht. In dieser Nähe zu Ravenloft ist Vorsicht keine Option, sondern Pflicht.
In der Nacht zog erneut die Prozession der unglücklichen Seelen durch den Wald. Dieselben geisterhaften Gestalten, denen ich damals begegnet bin, als ich die Brücke am Wasserfall überquerte. Damals hatte ich mich verborgen. Heute weiß ich, dass sie nichts weiter sind als ein Hohn auf ihre gescheiterten Versuche, Strahd zu stürzen. Schatten vergangener Hoffnungen, unfähig, jemandem zu schaden.
Morgen erreichen wir Ravenloft.
Morgen wird sich alles entscheiden.
Tag 105
Wir erreichten Ravenloft kurz vor Mittag. Seit dem Morgen hatte leichter Regen eingesetzt, kalt und fein, als wollte dieses Land selbst den letzten Tag mit Grau und Nässe tränken. Die Burg lag dunkel und bedrohlich vor uns, ihre Türme wie schwarze Zähne gegen den Himmel gerichtet, und für einen Moment wirkte es fast, als hätte sie uns erwartet. Ich gab Mordekainen das vereinbarte Zeichen. Über uns verzerrte sich die Luft, und ich erkannte den Abdruck eines Teleportationszaubers, ehe Mordekainen hoch über Ravenloft in der Luft erschien. Er schwebte dort, als wäre die Schwerkraft nur eine Empfehlung, und wirkte einen Zauber, dessen Ausmaß selbst mich einen Moment lang schweigen ließ.
Um Ravenloft entfaltete sich eine riesige hellrote Sphäre, die Burg, die Felsen und den Hof vollständig umschloss und die Welt dahinter wie hinter einem blutroten Schleier verschwimmen ließ. Der Regen stoppte nicht, doch er erreichte uns nicht mehr; er prasselte nur noch auf die Oberseite der Kuppel, als würde die Welt draußen gegen eine unsichtbare Decke schlagen. Dann hörte ich Mordekainens Stimme in meinem Kopf. Die Barriere würde zweiundsiebzig Stunden bestehen bleiben. Niemand käme hinein. Niemand käme heraus.
So hatte ich mir seinen Beitrag nicht vorgestellt. Ich war davon ausgegangen, er würde aus der Ferne wie magische Artillerie alles unter Beschuss nehmen, was die Sicherheit der Mauern verlässt. Stattdessen hatte er eine Todesfalle erschaffen, für Strahd ebenso wie für uns. Wer in dieser Barriere unterliegt, kann nicht fliehen. Potenziell also auch ich. Ich trat an die Sphäre heran, legte meine Hand auf ihre Oberfläche und spürte Kälte, Härte und eine fast unangenehme Endgültigkeit. Dann wirkte ich Identifizieren. Es war eine Weltenbarriere, ein Zauber, der die Realität temporär in zwei voneinander getrennte Bereiche spaltet. Er macht physische Bewegung von einer Seite auf die andere unmöglich und dehnt sich sogar in die Ätherebene und Astralebene aus, wodurch er auch Teleportation unterbindet. Davor gibt es kein entkommen.
Ein wahres Meisterwerk der Kontrollmagie. Lange war ich davon ausgegangen, dass Zauber nur bis zum neunten Grad möglich sind, doch in der Bibliothek hatte ich von Magie gelesen, die diese Grenze übersteigt. Ich hatte angenommen, dass Sterbliche sie nicht erlernen können. Vielleicht lag ich falsch. Dieser Zauber entsprach zu genau den Beschreibungen, um Zufall zu sein. Die Götter hatten mit einer weit gewaltigeren Variante einst den Abyss versiegelt, sodass Teleportation dorthin und von dort unmöglich wurde und nur noch festgelegte Übergänge blieben. Mordekainens Zauber war kleiner, begrenzter, aber nach demselben Prinzip gebaut. Ich würde ihn dem zehnten Grad zuordnen. Allein dieser Gedanke ist faszinierend.
Wir folgten dem Weg bis zum Tor von Ravenloft. Die Zugbrücke war hochgezogen, darunter klaffte der tiefe Abgrund, der die Burg umgibt. Wir machten uns bereit, doch da erschien Strahd auf den Zinnen. Überheblich, selbstgefällig, ganz Herr seiner Bühne. Er begann eine Rede darüber, wie lächerlich unser Versuch sei und dass ich zu Unrecht auserwählt worden wäre. Er war gerade dabei, sich in eine seiner endlosen Selbstdarstellungen zu verlieren, als ich Wand der Macht wirkte und einen unsichtbaren Würfel um ihn erschuf. Seine Worte verstummten. Ich hatte jetzt zehn Minuten Zeit, das Herz zu zerstören. Alles andere war bedeutungslos.
Ich sprengte die Ketten der Zugbrücke mit Zerbersten, und der Weg war frei. Wir stürmten los. Kaum waren wir im Burghof, fiel hinter uns das Fallgatter herab und sperrte nicht nur uns ein, sondern auch etwa ein Drittel von Vladimirs untoter Streitmacht aus. Strahd hatte damit gerechnet. Natürlich hatte er das. Doch ich hatte keine Zeit, magische Kraft an dieses Tor zu verschwenden. Wir stürmten weiter, während sich von allen Seiten Gargoyles auf uns herabwarfen. Xarla und ich schenkten ihnen keine Beachtung und liefen direkt in den Bergfried. Zu unseren Seiten erwachten vier versteinerte rote Drachenwyrmlinge zum Leben, von vorn stürzten acht Gargoyles von ihren Sockeln, und weiter hinten hörte ich bereits das metallische Marschieren belebter Rüstungen. Eine Falle, sauber vorbereitet und in ihrer Art durchaus elegant.
Ich gab der Vampirbrut den Befehl, sie aufzuhalten und so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Dann stürmten Xarla und ich die Treppen hinauf. Sie wurde verwundet, doch ihr Amulett der Hydra schloss die Verletzungen fast augenblicklich, und so hielten wir uns nicht auf. Auch die oberen Ebenen waren voller Feinde, doch unser Ziel war das Herz. Im dritten Stock wurde Xarla von einem belebten Teppich festgehalten, der sich allerdings nach zwei Feuerpfeilen wieder von ihr löste. Die Verfolger hatten wir inzwischen abgeschüttelt. Gargoyles und belebte Rüstungen mögen tödlich sein, aber sie sind zu dumm, um selbstständig zu erkennen, wo die eigentliche Gefahr liegt. Sobald sie uns aus den Augen verloren, liefen sie zum Kampflärm zurück.
Bald erreichten wir die Ebene der Brücke, die zu dem Herzen führte. Genau wie in der Vision lag es gegenüber im anderen Turm, nur durch ein Eisengitter von mir getrennt. Aus dem Augenwinkel sah ich den Schattendrachen, auf dem Strahd sein Reich bereiste. Ich wirkte Zerbersten auf das Herz und die Gitter, die mir den Weg versperrten, und ein gewaltiger Knall aus splitterndem Glas und zerrissenem Metall erfüllte die Nacht. Dann schlug der Körper des riesigen Drachen vor mir auf der Brücke auf und versperrte mir die Sicht.
„Ihr niederen Kreaturen wagt es, das Herz meines Meisters zu beschädigen. Euch werde ich wahre Schmerzen lehren.“
Ich nutzte seine kleine Ansprache, um einen Resistenztrank zu trinken. Gerade rechtzeitig, denn kaum spürte ich die Wirkung in meinem Körper, entfesselte der Schattendrache seine Odemwaffe, einen Strahl konzentrierter nekrotischer Energie. Xarla konnte ihm gerade noch ausweichen, doch ich wurde getroffen. Der Trank verhinderte das Schlimmste, und so begann der eigentliche Kampf. Er war brutal, aber kurz. Xarla und ich verbrauchten mehr magische Kraft, als mir lieb war, doch bald fiel der Drache tot zu Boden, rutschte von der Brücke und schlug auf den Dächern darunter auf. Es war ein notwendiger Preis. Zeit war unser größter Feind; wenn wir das Herz nicht zerstörten, bevor Strahd frei wurde, wäre alles verloren.
Wir rannten weiter. Im Laufen schleuderte ich einen Blitz auf das Herz, der mit einem klirrenden Geräusch einschlug. Risse zogen sich durch die Oberfläche, die Ketten gaben nach, und das Herz stürzte in die Tiefe. Genau wie im Spiegel. Und genauso machten wir uns auf den Weg nach unten. Wie erwartet lag das untere Ende der Treppe hinter einem tiefschwarzen Schleier verborgen. Wir betraten dennoch die unterste Ebene. Meine Dunkelsicht war nutzlos. Ich sah nichts, gar nichts, und bewegte mich nur tastend voran. Unter unseren Füßen knirschte es, als würden wir über Glasscherben laufen. Dann hörten wir die Stimme.
Alt, bedrohlich, unergründlich. Zunächst nur ein Flüstern, doch bald erkannte ich, dass sie zu einem der Alten gehörte. „Ihr habt mich befreit. Dafür bin ich euch dankbar. Ich werde euch nicht töten. Das soll als Belohnung genügen. Jetzt geht.“
Ich versuchte, ihn zum Kampf gegen Strahd zu bewegen. Immerhin hatte Strahd ihn gefangen gehalten und als Energiequelle für seine Unverwundbarkeit missbraucht. Der Gedanke, daraus einen neuen Verbündeten zu formen, war naheliegend. Doch das Wesen wollte sich erst regenerieren, bevor es Strahd tötet, und ich spürte schnell, dass ich es nicht umstimmen würde. Also gingen wir. Aus dem Burghof waren keine Kampfgeräusche mehr zu hören, und das gefiel mir nicht. Strahd war frei, verwundbar, aber noch immer Strahd.
Im Hof fanden wir die Überreste von Vladimir Horngaard und seinen Getreuen. Allesamt niedergemetzelt. Die ausgesperrten Truppen lagen noch vor dem Fallgatter, vollkommen nutzlos. Die übrigen bedeckten den Burghof, umgeben von zerstörten Gargoyles und den Überresten belebter Rüstungen. Dem Anschein nach hatten sie das Gefecht knapp gewonnen, nur um anschließend von Strahd selbst vernichtet zu werden. Ein vorhersehbares Ende für einen Anführer, der glaubte, ein Frontalangriff auf Ravenloft sei eine Strategie.
Wir gingen weiter in die Festung, dorthin, wo wir die Vampirbrut zurückgelassen hatten. Auch sie lagen tot am Boden, umgeben von den Drachenwyrmlingen. Ich belebte zwei der Drachen wieder und setzte den Weg fort. Eine Kapelle öffnete sich vor uns, von Kerzenschein erhellt. Am Altar stand ein Priester, der uns argwöhnisch betrachtete. Ich ließ die Drachen den Eingang bewachen und ging zu ihm. Er knurrte, was ich im Heiligtum zu suchen hätte, und drohte, seinen Herrn zu informieren, wenn ich nicht verschwinde.
„Ich bitte darum“, entgegnete ich.
Er sandte eine Art Gebet Richtung Himmel, seine Augen zuckten kurz. „Er wird euch richten.“ Dann griff ich nach seinem Arm und wirkte Leben entziehen. Er fiel augenblicklich tot zu Boden, und seine Lebenskraft strömte in mich. Ich war bereit für das letzte Gefecht, auch wenn nur noch etwas weniger als die Hälfte meiner magischen Kraft übrig war. Es musste reichen. Ich platzierte Xarla und mich am Altar, die Drachen seitlich des Zugangs, damit sie unerwartet angreifen konnten. Dann warteten wir.
Doch nach einigen Minuten kam nicht Strahd. Es war Neferon, sein Fuchsdiener, der mir bereits im Tempel entkommen war. Neben ihm schritt ein Nefriti, ein Feuerdjinn. Noch ein Kampf wie gegen den Drachen, und ich hätte gegen Strahd keine Chance mehr gehabt. Neferon hob jedoch beschwichtigend die Hände, und ich beschloss, ihn zunächst anzuhören. Er kam im Auftrag Strahds. Ein Waffenstillstand, zumindest bis die Kreatur aus dem Herzen wieder eingesperrt sei. Sie würde anscheinend immer mächtiger, je länger sie frei blieb.
Ich entschied, mitzukommen und mit Strahd zu sprechen, plante jedoch bereits meinen Rückzug für den Fall, dass es eine Falle war. Wir wurden in seinen Thronsaal geführt. Dort saß er und lächelte mich überheblich an.
„Ihr habt es also tatsächlich geschafft, Mortus zu töten. Ich gebe zu, das hatte ich euch nicht zugetraut. Und dieser Trick mit der unsichtbaren Mauer war auch nicht schlecht. Aber trotzdem vergeblich. Ihr habt nach wie vor keine Chance gegen mich. Ich bin viel zu mächtig für euch Amateure.“
Ich entgegnete, dass ich sein kostbares Herz zerstört hatte und er nun nach einem Waffenstillstand ersuchte, nicht ich. Das brachte sein Lächeln kurz zum Stocken. Er gab zu, dass dies richtig sei, behauptete jedoch, es gehe nicht um mich, sondern um die gesamte Domäne, falls diese Kreatur frei herumläuft. Natürlich war es eine Falle. Für mich war das Wesen keine unmittelbare Gefahr; es hatte mir sogar gedankt. Strahd hingegen brauchte es, um ein neues Herz zu erschaffen. Wenn ich mit ihm gegen das Wesen kämpfte, würde ich weitere Kraft verlieren und danach ein leichtes Ziel für ihn sein.
„Wenn ihr doch so mächtig seid, bekommt ihr das auch ohne mich hin.“
Er knirschte mit den Zähnen und fuhr mich an, dass er selbstverständlich allein damit fertig werde, uns aber nicht allein lassen wolle, weil wir sonst seine Burg zerstören würden. Die Provokation hatte gewirkt. Ich schlug vor, seine Burg nicht weiter zu beschädigen, solange er das gefährliche Wesen beseitigte. Er willigte ein. Damit bekamen wir beide, was wir wollten: Er konnte jagen, und ich konnte meine Kräfte auffrischen. Sobald mir wieder meine volle Macht zur Verfügung steht, werde ich ihn vernichten. Im Idealfall sieht er es nicht kommen, doch ich gehe davon aus, dass er jederzeit mit Verrat rechnet.
Strahd und Neferon machten sich auf den Weg, den Alten zu suchen, während der Nefriti uns zu Gemächern führte, in denen wir uns aufhalten sollten. Er brachte uns durch ein Alchemielabor, dann die Treppen hinauf und durch einen alten Speisesaal bis in einen Raum mit riesigen Bücherregalen an allen Wänden, einem Kamin in der Rückwand und Sofas in der Mitte. Ein guter Ort zur Erholung. Dann verschwand er im Kaminfeuer. Wir waren allein, fast jedenfalls; ich spürte, dass er uns weiterhin aus den Flammen beobachtete.
Unter Beobachtung sprachen Xarla und ich kaum. Nach einigen Stunden schritt jedoch eine Gestalt aus dem angrenzenden Zimmer. Eine Frau in ein weißes Laken gehüllt, mit langen schwarzen Haaren. Von ihrem Körper tropfte eine zähe schwarze Flüssigkeit, die eine widerliche Spur hinterließ. Die Atmosphäre im Raum wurde dunkel und erdrückend, und jede Magie in der Umgebung erlosch, als würde sie erstickt. Ein schreckliches Gefühl legte sich über mich, doch die Gestalt verließ den Raum und wanderte durch die Burg.
Ich beschloss, dem nachzugehen, und betrat das Zimmer, aus dem sie gekommen war. Es war ein Schlafzimmer. Die schwarze Spur begann am Himmelbett. Ich schlich näher, zog vorsichtig die Vorhänge zurück, doch dort war nichts, als wäre nie jemand dort gewesen. Im angrenzenden Badezimmer stand eine Badewanne voller Blut. Ich näherte mich, um sie zu untersuchen, und als ich mich darüberbeugte, starrten mich plötzlich zwei Augen aus dem Blutbad an. Sie verfolgten jede meiner Bewegungen.
Ich erschrak so heftig, dass ich rückwärts von der Wanne wegfiel. Dann lief ich zurück zum Kamin und beschloss, in dieser Burg nichts mehr anzurühren, bis Strahd tot ist. Ich habe fast mehr Angst vor diesem Bad als vor Strahd selbst.
Morgen ist der Tag der Entscheidung. Bei der ersten Gelegenheit werden wir zuschlagen.
Tag 106
Ein absolutes Desaster. Xarla ist tot und ich bin gefangen.
Heute Morgen kam Neferon zu uns mit der Nachricht, Strahd wolle mit uns sprechen und uns etwas zeigen. Wir folgten ihm hinunter in das Untergeschoss der Burg, wo er sich verabschiedete und verschwand. Strahd befand sich in einem Labor und arbeitete an irgendwelchen alchemischen Substanzen. Er begrüßte uns mit leichter Verachtung, als hätte er uns erwartet und als wäre unsere Anwesenheit nur eine kurze Unterbrechung seiner eigentlichen Arbeit. Dann erklärte er, er wolle uns etwas zeigen, das unsere Sicht auf die Situation vollständig verändern würde.
Wir folgten ihm durch einen engen Geheimgang in die Katakomben unter der Burg. Dort befand sich ein seltsamer Altar, verziert mit acht Edelsteinen in verschiedenen Farben. Zu beiden Seiten standen riesige Statuen, deren Augen uns zu folgen schienen. Über dem Altar schwebte eine Rauchwolke aus magischer Energie. Strahd deutete darauf und sagte: „Seht hinein, und ihr werdet erkennen.“
Ich sah hinein. Und ich erkannte.
Genau in diesem Moment nutzte er die Gelegenheit, um mich zu beißen. Ich war zu unaufmerksam gewesen. Etwas an dieser Burg, an diesem Ort, an diesem verfluchten Altar muss meinen Geist beeinflusst haben. Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass er mir so nahe kommt. Doch Xarla reagierte sofort. Sie wirkte Tageslicht und riss ihn von mir fort. Strahd zischte, wich zurück und zog sich tiefer in die Katakomben zurück. Gleichzeitig erwachten die Golems zu beiden Seiten des Altars.
Wir verfolgten ihn. Ich wirkte Verlangsamen auf die Golems, denn jeder einzelne von ihnen hätte uns mit einem einzigen Schlag zerquetschen können, wenn er uns erreicht hätte. Kaum waren wir in den nächsten Raum vorgedrungen, einen Balkon oberhalb einer mit seichtem Wasser gefüllten Grube, wirkte Strahd mächtige Unsichtbarkeit und griff erneut an. Xarla antwortete wieder mit Tageslicht. Ich schleuderte einen Feuerball an seine letzte bekannte Position und traf ihn.
Strahd beschwor ein Rudel Wölfe und einen Schwarm Fledermäuse, dann zog er sich weiter zurück. Xarla nutzte Kreatur aufspüren, um ihn zu verfolgen. Er war in die Grube hinabgesprungen. Von der anderen Seite hatten uns die Golems beinahe erreicht, und ich war gezwungen, meinen mächtigsten Kontrollzauber einzusetzen. Mit Wand der Macht sperrte ich sie ein. Danach kümmerten wir uns um Strahds Beschwörungen und setzten ihm nach.
Unten in der Grube erhoben sich Zombies und Skelette aus dem knietiefen Wasser, begleitet von einem Wight. Eine weitere Falle. Natürlich. Jede Bewegung in Ravenloft führt in eine Falle, und jede Falle zwingt einen dazu, Kraft zu verbrauchen. Nach einem kurzen, aber intensiven Kampf verfolgten wir Strahd weiter in eine Art Verlies, wo er uns erneut auflauerte. Trotz seiner Unsichtbarkeit konnte er uns nicht überraschen, denn Xarlas Zauber verriet uns jederzeit seine genaue Position. Wir versuchten, ihn in eine Ecke zu treiben und mit Tageslicht auszuräuchern, doch er entkam erneut. Er glitt durch einen Schacht fast senkrecht nach oben, und wir setzten ihm mit einem Flugzauber nach.
Xarla erreichte das obere Ende zuerst. Es war ein glatter Gang, kaum zehn Fuß breit und zehn Fuß hoch. Kaum war sie oben angekommen, traf sie ein Blitzzauber und warf sie zu Boden. Als ich aufschloss, schleuderte ich Strahd einen Feuerball entgegen. Er erwiderte ihn sofort und traf sowohl Xarla als auch mich. Xarla lag im Sterben.
Ich versuchte, ihre Wunden zu versorgen. Ich versuchte, sie zu stabilisieren, irgendetwas zu tun, doch Strahd hatte sie zu schwer verwundet. Das Blut floss zwischen meinen Fingern hindurch, und alles, was ich wusste, alles, was ich konnte, war in diesem Moment nutzlos. Sie verblutete in meinen Armen.
Ich hörte noch Strahds verächtliches Lachen, als er den Gang verließ und in die dahinterliegenden Katakomben verschwand.
Wut übernahm. Keine kalte, kontollierte Wut, sondern etwas Ungeordnetes, Brennendes, Dummes. Ich setzte ihm nach, doch die Katakomben waren wie ein Labyrinth gebaut, und er kannte jeden Gang, jede Biegung, jede Schattenlinie. Ich schoss Feuerbälle in die Dunkelheit, wild, verschwenderisch, ohne die Präzision, die mich sonst am Leben hält. Ich traf ihn wohl auch, doch das genügte nicht. Er nutzte die dunklen Gänge, um sich von hinten an mich heranzuschleichen.
Als ich ihn bemerkte und mich umdrehte, stand er direkt vor mir. Er sah mir tief in die Augen.
Dann war mein Körper nicht mehr meiner.
Ich fühlte alles. Ich begriff alles. Doch ich konnte mich nicht rühren. Strahd lächelte süffisant. „Danke, dass Ihr mir die Insignien des Exarchen bringt.“ Dann senkte er den Kopf an meinen Hals und trank. Ein Stechen, kalt wie Eis, durchzuckte mich, während meine Lebenskraft aus mir herausgesaugt wurde. Ich fühlte meinen Tod kommen. Langsam, deutlich, unausweichlich. Kurz bevor er mich tötete, hielt er inne.
„Nein. Das wäre zu schnell. Ich möchte noch mehr Spaß mit Euch haben.“
Dann griff er nach dem Donnerschwert. Doch in dem Moment, in dem er es an sich nehmen wollte, durchströmten ihn Blitze. Er schrie auf und ließ es fallen. „Was hat Uruk nun schon wieder getan?“
Zumindest das also konnte er mir nicht nehmen. Noch nicht.
Dann gab er mir den Befehl: „Ins Verlies mit dir.“
Mein Körper gehorchte. Gegen meinen Willen. Ich ging zu einer Luke im Boden und stürzte mich hinab, ohne etwas dagegen tun zu können. Dort blieb ich liegen, reglos, gefangen in Strahds Befehl, während mein Geist schrie. Erst nach einer Stunde verflog die Wirkung seiner Verzauberung, und ich war wieder Herrin über mich selbst.
Ich weinte. Ich schlug um mich. Ich schrie. Ich trauerte.
Xarla ist tot.
Mein Leben wird hier enden, wenn ich nichts unternehme. Langsam, gefoltert von meinem Rivalen, in seiner Burg, in seinem Spiel. Ich will um Xarla trauern. Ich will diesen Schmerz zulassen, ihn festhalten, ihn in etwas verwandeln, das Strahd verdient. Doch zuerst muss ich überleben.
Ich muss einen Weg finden, hier herauszukommen.
Tag 107
Ich habe die ganze Nacht damit verbracht, alle verbliebenen Möglichkeiten zu evaluieren. Trauer ist ein nutzloser Luxus, solange man gefangen ist. Also zwang ich mich, Xarlas Tod nicht als Ende zu betrachten, sondern als Problem, das in einen Vorteil verwandelt werden musste.
Bisher war ich davon ausgegangen, dass Strahd als Vampir zu mächtig sei, um durch Sonnenlicht ernsthaft vernichtet zu werden. Doch nach allem, was ich im Kampf gesehen hatte, war diese Annahme falsch. Er wich dem Licht nicht aus Stolz aus, sondern aus Notwendigkeit. Seine Reaktion auf Xarlas Zauber war nicht gespielt. Er ist dem Sonnenlicht gegenüber ebenso verwundbar wie andere Vampire auch. Das bedeutete, dass man ihn töten kann, wenn man ihn an einem Ort festhält, aus dem er dem Licht nicht entkommen kann.
Der Plan war einfach. Ich würde Xarla als eine meiner Untoten wiedererheben, durch sie den Zauber Tageslicht wirken lassen und Strahd im selben Augenblick mit Wand der Macht einschließen. Keine Tricks, kein Entkommen. Nur Licht, Zeit und unausweichlicher Tod.
Ich wirkte Fliegen und entkam aus meinem Gefängnis, doch kaum war ich frei, wurde mein Plan bereits gestört. Der Nefriti war als Wache postiert und griff mich sofort an. Ich war gezwungen, Wand der Macht einzusetzen, um ihn einzusperren und zu entkommen. Damit war der Plan vorerst zerstört. Ich bin noch nicht mächtig genug, diesen Zauber mehr als einmal am Tag zu wirken. Noch nicht.
Also blieb mir nur, nach einer anderen Ressource zu suchen. Die Katakomben Ravenlofts waren voll von Gräbern bedeutender und mächtiger Personen aus Strahds Vergangenheit. Irgendjemand musste etwas bei sich tragen, das mir nützen konnte. Ich öffnete Grab um Grab. Ich fand Schätze, Kunstwerke, eine prächtige Rüstung und vieles, das wertvoll, aber im Augenblick nicht entscheidend war. Dann öffnete ich ein Grab, das alles veränderte.
Darin lag ein magischer Stab, sorgfältig als Grabbeigabe versiegelt. Ich identifizierte ihn: ein Stab der Macht. Ein Artefakt von außergewöhnlichem Wert, gefüllt mit mächtigen Zaubern und in der Lage, seinen Träger sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung zu stärken. Ich erkannte auch die Falle, die ausgelöst werden sollte, sobald man ihn entnahm, und deaktivierte sie zuerst. Mit diesem Stab war mein Plan wieder möglich.
Ich kehrte zu Xarla zurück und erhob sie.
Es schmerzt, sie so zu sehen. Nicht als die Xarla, die mich ansah, als würde sie die Welt mit mir brennen sehen wollen. Nicht als die Einzige, der ich vertraute. Sondern als willenloses Werkzeug, das meinen Befehlen folgt. Doch ich werde Strahd vernichten, um jeden Preis. Auch um diesen.
Wir schlichen durch die Katakomben und mieden den Nefriti, der noch immer nach mir suchte. Xarla wirkte Kreatur aufspüren und führte mich in Strahds Richtung. Schließlich fanden wir seine Kammer: ein reich verzierter Sarg in einem Raum aus rotem Stein. Am Eingang waren magische Runen angebracht. Ich bannte ihre Magie, dann näherten wir uns.
Jetzt war die Zeit gekommen.
Ich wirkte Zerbersten auf den prächtigen Sarg. Ein gewaltiger Knall erschütterte die Burg, und Strahd lag in den Trümmern, sichtbar verwirrt. Um ihn herum erhoben sich drei Frauen, bleich, schön und in prächtige Gewänder gehüllt. Seine Frauen. Bevor auch nur einer von ihnen richtig reagieren konnte, wirkte Xarla Tageslicht, und ich schloss sie alle mit Wand der Macht ein.
Die Vampire schrien auf und hämmerten gegen die unsichtbare Wand aus reiner Kraft. Blasen bildeten sich auf ihrer Haut, platzten auf, legten Fleisch frei, das unter dem Licht zu schmelzen begann. Einer nach dem anderen brachen sie zusammen. Strahd hielt länger durch, natürlich, aber auch er konnte der Barriere nicht entkommen. Schließlich fiel auch er leblos zu Boden.
Der Triumph war mein.
Mit seinem Tod breitete sich eine Welle magischer Energie aus, die den Ort veränderte. Die drückende Schwere Ravenlofts wich nicht vollständig, aber sie brach. Etwas in dieser Burg verlor seinen Griff. Freude stieg in mir auf, scharf und berauschend, doch sie wurde sofort von Xarlas Zustand überschattet. Strahd war tot. Aber sie war nicht zurück. Nicht wirklich.
Ich durchsuchte seine Überreste und fand den Ring des königlichen Tausches. Das letzte Artefakt des Exarchen. Es erlaubt mir, meinen Platz mit einem meiner untoten Diener zu tauschen – ein äußerst nützliches Werkzeug, besonders in einem Kampf, in dem Position über Leben und Tod entscheidet. Als ich ihn an mich nahm, durchströmte mich neue Macht. Der Ring fügte sich in das Gefüge aus Donnerschwert und Schattendiadem ein, und meine eigene Magie reagierte darauf, als hätte ein fehlender Teil endlich seinen Platz gefunden.
Ich hatte die letzte Prüfung bestanden.
Ich bin der neue Exarch Vegnars.
Danach war es an der Zeit, Strahds Zuhause zu plündern. Ohne seinen Herrn war Ravenloft kaum mehr als eine große, dunkle Ruine voller nützlicher Besitztümer. Ich fand Schmuck, Gold und mehrere magische Gegenstände. Die bedeutendsten waren ein Ring of Wishes, der noch einen einzigen Wunschzauber enthielt, eine magische Plattenrüstung und ein magischer Schild. Allein der Gedanke an das Potential dieses Rings lässt meinen ganzen Körper kribbeln. Ein Wunsch ist keine einfache Magie. Es ist eine Möglichkeit, die Welt zu zwingen, sich neu zu ordnen.
In einer der Kammern fanden wir außerdem eine tote Deva. Sie war scheinbar korrumpiert gewesen und nur durch Strahds Macht am Leben gehalten worden. Jetzt, da diese Macht verschwunden war, lag sie dort wie ein zurückgelassenes Werkzeug. Also machte ich sie zu einem meiner Untoten. Ihr Name war Patrina Velikova, und so werde ich sie auch nennen.
Wir fanden außerdem Pläne des Schlosses. Ich studierte sie und entdeckte Hinweise auf eine geheime Schatzkammer. Nach einiger Suche fanden wir den Zugang. Darin lagen weitere magische Gegenstände und Tausende von Münzen. Ein Helm der Brillanz, ein Alchemiekrug und ein Stab des Paktwahrers waren die wertvollsten Stücke, doch die Menge an Münzen war so groß, dass wir mehrere zehntausend Kupferstücke zurücklassen mussten. Bedauerlich, aber Kupfer ist kein Grund, Zeit zu verschwenden.
Zum Schluss untersuchten wir erneut die Kapelle der Burg. Dort stand eine goldene Büste einer Gottheit, die heilige Energie ausstrahlte. Als ich sie anhob, um sie in meinen Beutel zu stecken, brach ihre Macht wie ein Gewitter über mich herein. Sengende Strahlen schossen aus der Büste und warfen mich sofort zu Boden. Ich beschloss, sie zurückzulassen. Ich habe an diesem Ort bereits genug gelitten.
Dann verließen wir Ravenloft.
Zum ersten Mal war der Himmel klar. Die Wolken waren fort, und über Barovia lag ein Abendrot, wie ich es hier noch nie gesehen hatte. Kein erstickender Nebel, keine geschlossene Decke aus Grau. Nur Himmel.
Wir brachen Richtung Vallaki auf und schlugen unser Lager drei Wegstunden von Ravenloft entfernt auf. Strahd ist tot. Ravenloft ist geplündert. Die Prüfung ist bestanden.
Und doch liegt Xarla neben mir, bewegt sich nur, wenn ich es befehle.
Tag 108
Heute Nacht hatte ich erneut eine Vision. Ich befand mich wieder in dem Raum voller Blut, doch dieses Mal war er nicht leer, nicht nur ein Ort aus Fleisch, Knochen und erstickender Dunkelheit. Vom Thron am anderen Ende des Raumes ging eine Präsenz aus, so schwer und überwältigend, dass mein Körper reagierte, bevor mein Verstand auch nur den Versuch unternehmen konnte, Widerstand zu leisten. Ich ging auf die Knie. Nicht aus freiem Willen und doch ohne Zwang, sondern weil sich alles in mir vor dieser Macht beugte, als wäre jede andere Haltung eine Unmöglichkeit. Zu meiner Linken erkannte ich Uruk, der ebenfalls kniete.
„Nach all den Jahren habe ich nun doch jemanden gefunden, der würdig zu sein scheint.“
Die Gestalt erhob sich vom Thron und stand im nächsten Augenblick direkt vor mir. Kein Schritt, keine erkennbare Bewegung, nur ein Wechsel der Wirklichkeit. Dann sprach sie: „Du darfst deinen Blick heben.“
Ich tat es und sah ihn. Ein Skelett aus schwarzem Gold, gehüllt in einen Mantel aus Seelen, deren stumme Schreie sich in den Falten seiner Erscheinung verloren. Seine Augen waren keine Augen, sondern schwarze Portale, leer und bodenlos, und seine Stimme klang wie feuchte Graberde, die auf den Deckel eines Sarges fällt.
„Ich gestatte dir eine Frage.“
Seine Präsenz drückte so schwer auf mein Denken, dass jeder eigennützige Gedanke, jede Berechnung und jede Vorsicht für einen Moment bedeutungslos wurden. Mein ganzes Wesen wollte nur eines wissen, und so fragte ich: „Wie kann ich Euch am besten dienen?“
Ich glaubte, für den Bruchteil einer Sekunde ein Lächeln auf dem blanken Schädel zu erkennen.
„Ich habe dich auserkoren, mein Exarch zu sein. Du wirst meine Stellvertreterin auf Lidarion sein und meine Kirche wieder aufbauen. Doch es geschieht etwas Beunruhigendes. Der Strom der Seelen scheint sich zu verringern. Weniger Seelen erreichen die Tore meines Vaters. Finde heraus, was diesen Kreislauf stört.“
Er streckte die Hand aus, und ich sah, dass der kleine Finger fehlte. Dann fuhr er fort: „Gehe zu meinem unheiligen Sanktum. Dort wirst du die Bindung zu mir aufnehmen. Du hast mich bisher nicht enttäuscht. Sorge dafür, dass das so bleibt.“
Eine Steintafel glitt über den blutbedeckten Boden zu mir herüber.
„Nun, mein Kind, nimm diese zehn Gebote mit dir und verbreite meine Lehren.“
Daraufhin sah ich den Ort des unheiligen Sanktums. Eine Insel am Rand der Geschmolzenen Bucht, das Auge des Riesen, verborgen mitten im Wald. Es war keine undeutliche Ahnung, sondern ein klares Bild, als hätte sich der Weg dorthin in meinen Geist eingebrannt.
Dann endete die Vision.
Als ich erwachte, lag die Steintafel mit seinen Geboten neben mir. Nicht geträumt, nicht eingebildet, sondern real. Kalt, schwer und eindeutig. Ein Auftrag in Stein gemeißelt. Ich bin nicht länger nur eine Überlebende in Barovia und auch nicht nur Strahds Mörderin. Ich bin Vegnars Exarch auf Lidarion, und wenn der Strom der Seelen tatsächlich gestört ist, dann betrifft das nicht nur die Götter oder ihre Reiche, sondern die Ordnung des Todes selbst. Eine Störung dieses Kreislaufs bedeutet Machtverschiebung. Und das wiederum bedeutet eine Gelegenheit selbst an die Spitze zu treten.
Der weitere Weg nach Vallaki verlief ereignislos. Ohne Strahds Einfluss ist Barovia um ein Vielfaches schöner und weniger gefährlich. Die Luft wirkt klarer, die Wälder weniger feindselig, und selbst die Stille trägt nicht mehr dieselbe drohende Schwere. Es ist erstaunlich, wie sehr ein einzelner Wille ein ganzes Land ersticken kann. Wir schlugen unser Lager einige Wegstunden vor Vallaki auf.
Unser nächstes Ziel ist der Turm von Van Richten. Dort lebt noch immer Ireena, oder Tatjana, wie Strahd sie nannte. Strahd ist tot, seine Burg geplündert und sein Wille gebrochen. Was von ihm übrig bleibt, gehört nun mir.
Ich werde sie als Trophäe mitnehmen.
Das Wort eines Gottes
Du sollst keine Götter neben mir haben, denn ich bin das unausweichliche Ende, dem alle Seelen zustreben.
Fürchte nicht den Tod. Er ist keine Schwäche, sondern die letzte und größte Stärke. Das Fleisch ist ein Käfig; der wahre Dienst beginnt erst nach seiner Verwesung.
Verschwende keine Macht an die Heilung des sterblichen Fleisches, welches nicht in den Tod geleitet. Was zerbrechlich ist, soll zerbrechen, um Platz für das Ewige zu schaffen.
Ehre die Gefallenen, indem du ihre Körper in meinen Dienst stellst. Ein ungenutzter Leichnam ist eine Blasphemie gegen die Ordnung.
Mein Exarch ist mein Wille in der Welt. Sein Wort ist mein Gesetz. Sein Befehl ist deine unheiligste Pflicht.
Errichte meine Altäre an Orten der Stille und des Todes. Jede Seele, die in mein Reich übergeht, festigt mein Fundament in der Welt der Sterblichen.
Der Lauf der Seelen ist heilig. Jene, die ihn stören oder aufhalten, sind Feinde des wahren Ordens und müssen vernichtet werden.
Hüte die Geheimnisse meiner Rituale. Unsere Macht gedeiht in der Dunkelheit und im Flüstern der Gräber, nicht im gleißenden Licht der Lebenden.
Sei Richter über Leben und Tod. Jene, die sich meinem Willen widersetzen, sind des Lebens unwürdig. Führe sie ihrer wahren Bestimmung zu.
Dein Dienst endet nicht mit deinem letzten Atemzug. Er ist nur der Übergang zu einer ehrenvolleren Existenz an meiner Seite in meiner ewigen Legion.
Tag 109
Wir passierten heute Morgen Vallaki. Es ist erstaunlich, wie anders diese Stadt wirkt als bei meinem ersten Besuch. Damals war sie bereits ein Ort voller Angst, Lügen und erzwungener Fröhlichkeit, doch wenigstens war sie noch belebt. Jetzt wirkt sie ausgehöhlt. Kaum noch die Hälfte der Bewohner scheint übrig zu sein. Viele starben während des Putsches, noch mehr unter der Herrschaft der Wachter, die sich im Namen Strahds und mit Hilfe seiner Vampirbrut an die Macht klammerten.
Doch Strahds Tod hat auch hier seine Wirkung gezeigt. Seine Brut war ohne Meister nicht lebensfähig, und ohne diesen Schutz brach die Herrschaft der Wachter schnell zusammen. Es kam zu einem weiteren Umsturz, bei dem die Familie gelyncht wurde. Ein nüchternes Ende für Menschen, die glaubten, sie könnten sich dauerhaft an einen Vampirherrscher ketten und davon profitieren. Nun diskutieren die Überlebenden darüber, wer Vallaki künftig führen soll.
Ich könnte sie alle problemlos unterjochen. Jeder, der mir ernsthaft hätte entgegentreten können, ist tot, geflohen oder zu gebrochen, um noch eine Rolle zu spielen. Vallaki wäre leicht zu nehmen. Einige gezielte Drohungen, ein paar Machtdemonstrationen, vielleicht zwei oder drei erhobene Leichen an den richtigen Orten, und die Stadt würde gehorchen.
Doch ich will dieses verfluchte Land endlich verlassen, nicht über seine Ruinen herrschen. Barovia hat mir Macht gegeben, Wissen, Artefakte und einen Platz in Vegnars Ordnung, aber es hat mir auch genug genommen. Thomas bleibt tot. Xarla ist nur noch ein Schatten dessen, was sie war. Strahd ist vernichtet, doch sein Land ist kein Preis, sondern ein Käfig, dessen Tür sich endlich geöffnet hat.
Am Abend machten wir Rast. Der Turm von Van Richten ist bereits am Horizont zu sehen. Dort wartet Ireena.
Tag 110
Wir erreichten den Turm am Vormittag. Meine Stimmung war wie an den Tagen zuvor schlecht, und der Anblick des Ortes besserte daran nichts. Van Richtens Turm war nur ein weiterer Rest dieser verfluchten Jagd, ein weiterer Ort, an dem Strahds Schatten noch immer klebte, obwohl er längst tot war.
Ich wirkte Fliegen, und Patrina folgte mir nach oben. Ich stieg durch das Fenster ein, während sie durch das beschädigte Dach eindrang. Ireena erschrak, als sie mich im Fenster sitzen sah, und stolperte rückwärts. Dabei stieß sie gegen Patrina und ging zu Boden. Sie war verängstigt, verwirrt und unfähig zu begreifen, was geschah.
„Strahd hat mir jemanden genommen, der mir sehr wichtig war“, sagte ich zu ihr. „Und du warst ihm wichtig. Also nehme ich dich als Kompensation.“
Sie verstand nicht. Natürlich verstand sie nicht. Für sie war ich nur ein weiteres Monster in einer Welt, die ihr immer wieder Gewalt angetan hatte. Sie sah mich einfach nur mit großen Augen an, verwirrt und voller Angst. Ich kam näher, und als sie schreien wollte, wirkte ich Geas.
Ich befahl ihr, mir zu dienen.
Es hätte Genugtuung sein sollen. Ein Ausgleich. Strahd hatte mir Xarla genommen, also nahm ich, was ihm wertvoll gewesen war. Doch es fühlte sich kaum zufriedenstellend an. Ireena ist kein Sieg. Sie ist nur ein Symbol, und Symbole sind wertlos, wenn derjenige, den sie treffen sollten, bereits tot ist.
Wir brachen wieder nach Osten auf. Das östliche Weiße Tor vor Barovia ist unser Weg hinaus, so wie es damals mein Weg hinein gewesen war.
Tag 111
Wir passierten Vallaki erneut. Die Überlebenden hatten sich darauf geeinigt, in den nächsten Tagen einen neuen Bürgermeister zu wählen. Ein armseliger Versuch, Ordnung in eine Stadt zurückzubringen, die bereits mehrfach bewiesen hat, dass ihre Ordnung nur so lange besteht, bis jemand mit genug Gewalt oder genug Entschlossenheit sie zerbricht. Wir zogen weiter, ohne ihnen weitere Beachtung zu schenken. Vallaki ist nicht mehr mein Problem.
Unterwegs kam mir jedoch ein Gedanke, den ich am Abend am Rastplatz verfolgte. Xarlas Körper gehorcht mir, ihre Magie lässt sich durch meinen Willen nutzen, und doch ist sie nicht wirklich bei mir. Sie bewegt sich, folgt jeder Anweisung augenblicklich, aber spricht nicht, lacht nicht, schläft nicht und jede dieser fehlenden Regungen ist lauter als jede Klage. Ich hatte sie zurückgeholt, aber nur als Werkzeug.
Also versuchte ich, in ihre Erinnerungen einzudringen. Es gelang problemlos. Ihr Körper gehört meiner Macht, und der Widerstand, den ihr Geist sonst vielleicht geleistet hätte, war kaum mehr als ein schwacher Abdruck. Ich suchte nicht nach alten Bildern oder nach Empfindungen, sondern nach den neuesten Erinnerungen, nach dem letzten klaren Pfad, den ihre Seele hinterlassen hatte, bevor sie den Körper verließ.
Ich fand ihn.
Xarlas Seele ist noch nicht vollständig aus dieser Welt verschwunden. Sie hängt an der Grenze, in einem seltsamen Zustand, der einem Schlaf ähnelt. Kein natürlicher Schlaf, eher ein Schwebezustand zwischen Körper und Jenseits, als hätte der Tod sie bereits ergriffen, aber noch nicht endgültig verschlungen.
Es ist eine erstaunliche Erkenntnis. Und eine nützliche.
Wenn die Seele noch erreichbar ist, dann ist Xarla vielleicht nicht endgültig verloren. Ich weiß noch nicht, wie ich weiter vorgehen muss, und ich werde keinen Fehler riskieren, indem ich vorschnell handle. Doch zum ersten Mal seit ihrem Tod gibt es mehr als nur Rache und Verlust. Es gibt Hoffnung.
Ich werde sie prüfen. Jede Spur, jede Verbindung, jede Schwäche dieses Zustands. Wenn es einen Weg gibt, Xarla wirklich zurückzuholen, werde ich ihn finden. Und wenn es keinen gibt, werde ich einen erschaffen.
Tag 112
Unterwegs habe ich weiter über Xarlas Zustand nachgedacht und jede Möglichkeit geprüft, die mir blieb. Ihr Körper ist untot, aber ihre Seele scheint noch erreichbar zu sein. Das verändert die Lage. Vielleicht kann ein Wiederbelebungszauber trotzdem gelingen, wenn der Körper richtig vorbereitet wird und die Verbindung zur Seele lange genug erhalten bleibt.
Der entscheidende Feind ist Zeit. Wiederbelebungsmagie besitzt klare Grenzen, und sobald sich das Zeitfenster schließt, wird aus einer schwierigen Aufgabe eine unmögliche. Ich werde nicht zulassen, dass Xarla mir entgleitet, nur weil ich zu langsam handle.
Am Abend schlugen wir unser Lager an der Weggabelung zwischen Ravenloft und dem Dorf Barovia auf. Dort wirkte ich das Ritual Sanfte Ruhe auf Xarlas Körper. Die Magie legte sich über sie wie eine dünne, stille Schicht aus Schutz und Stillstand. Sie bewahrt ihren Körper vor Verfall und hält den Zustand fest, in dem er sich befindet. Damit habe ich Zeit gewonnen.
Nun brauche ich jemanden, der Wiederbelebungsmagie des fünften Grades beherrscht. Jemanden mit einer magischen Kraft, die meiner ebenbürtig ist oder sie sogar übertrifft. Solche Personen sind selten, und seltene Macht ist fast immer gefährlich.
Tag 113
Wir passierten heute die Brücke am Wasserfall. Dieses Mal gab es keinen Überfall durch Gargoyles und keine Prozession unglücklicher Seelen, nur das gleichmäßige Donnern des Wassers, das sich in die Tiefe stürzte. Früher hätte dieser Ort bedrohlich gewirkt, heute war er kaum mehr als ein Übergang auf dem Weg hinaus.
Gegen Mittag erreichten wir das Lager der Vistani. Es war verlassen. Kein Feuer brannte, keine Wagen standen im Kreis, und von Madame Eva fehlte jede Spur. Ich hätte sie gern um Rat gefragt, denn sie wusste mehr, als sie je offen aussprach. Doch es war niemand mehr dort. Vielleicht haben auch die Vistani gespürt, dass Strahds Herrschaft gebrochen ist und dass Barovia für sie keinen Wert mehr hat.
Wir gelangten zur Kreuzung mit dem Galgen und erreichten am Nachmittag schließlich das Dorf Barovia. Dort sah ich das Durst-Anwesen wieder, in dem ich meine ersten Erfahrungen mit dem Schrecken dieser Lande gemacht hatte. Es war eingestürzt und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. In diesem Haus war ich zum ersten Mal wirklich gefangen gewesen, hatte beinahe alles verloren und zugleich begriffen, welche Macht in mir erwacht war. Dort fand ich Xarla. Dort begann der Weg, der mich bis hierher geführt hat.
Nun blieb davon nur Asche. Das ist passend.
Wir folgten der Straße weiter nach Osten und schlugen vor dem Weißen Tor unser Nachtlager auf. Morgen werde ich Barovia für immer verlassen und endlich in meine Heimat zurückkehren. Ich betrete Lidarion nicht mehr als dieselbe, die hierher verschleppt wurde. Ich kehre mit größerer Macht zurück, mit den Insignien des Exarchen, mit Wissen aus Ravenloft und dem Tempel, mit Vegnars Auftrag und mit einer Bestimmung, die weit über dieses verfluchte Tal hinausreicht.
Barovia hat versucht, mich zu brechen. Stattdessen hat es mich geformt.
Tag 114
Wir passierten das Weiße Tor und folgten der Straße in den Wald. Schon bald näherte sich vor uns die bekannte Nebelwand, doch zu meinem Erstaunen waren wir nicht allein. Die Wächtergolems, die ich am Tempel zurückgelassen hatte, standen dort und warteten. Als ich nähertrat, verneigten sie sich vor mir. Ihre Aufgabe ist es, der Exarchin zu dienen und das Heiligtum Vegnars zu schützen. Offenbar hatte Strahds Tod auch sie wieder zu mir geführt.
Sie folgten mir durch die Nebelwand.
Wir gingen einige Minuten weiter, und der Wald um uns herum veränderte sich. Es war nicht länger der Wald Barovias, nicht mehr diese kalte, feuchte Ansammlung kranker Bäume, die jeden Schritt zu beobachten schien. Die Luft wurde klarer, die Stämme anders, der Boden vertrauter. Er erinnerte an die Wälder im Westen der Geschmolzenen Bucht. Bald darauf wurde der Nebel noch einmal deutlich dichter, und ich spürte magische Energie darin fließen. Ich näherte mich, streckte die Hand aus und griff danach. Meine Finger drangen hindurch.
Es fühlte sich befreiend an. Nach Heimat.
Also schritten wir alle hindurch. Auf der anderen Seite lag Sonnenlicht über der Welt. Leichte Wolken zogen über den Himmel, ein warmer Wind strich durch die Bäume, und die Temperatur war milder, als ich es nach all der Zeit in Barovia gewohnt war. Vor mir kämpfte eine Gruppe aus drei Personen gegen eine Chimäre. Ein Krieger in Vollplatte, ein Ork mit Brustplatte und ein Tieflingmagier. Die Chimäre ging schnell zu Boden. Fähige Kämpfer, zumindest nach gewöhnlichen Maßstäben, aber keine Gegner, die mir Sorgen bereiten müssten.
Als sie mich und mein Gefolge bemerkten, hielten sie inne. Die beiden Frontkämpfer machten sich sofort kampfbereit, doch der Magier schien meine Macht deutlicher zu spüren als die anderen. Seine Haltung brach fast augenblicklich, als hätte sein Instinkt schneller begriffen als sein Verstand.
Ich begrüßte sie und fragte, ob sie jemanden kennen, der hochrangige Wiederbelebungsmagie beherrscht. Die Frage verwirrte sie so sehr, dass sie zunächst gar nicht antworteten. Schließlich erklärte der Krieger in Vollplatte, dass er dem Orden der Weißen Templer angehöre und es dort jemanden gebe, der diese Magie wirken könne.
Bevor ich weiterfragen konnte, näherten sich drei weitere Chimären aus einer nahegelegenen Ruine. Ich wirkte sofort Feuerball. Die beiden Krieger begriffen schnell und schlossen sich dem Kampf an, während der Tieflingmagier die Gelegenheit nutzte, um zu fliehen. Der Kampf gegen die Chimären dauerte nicht lange. Danach beschlossen wir, gemeinsam ein Lager aufzuschlagen.
Ich gab Patrina den mentalen Befehl, den geflohenen Magier aufzuspüren und auszulöschen. Er hatte zu viel gesehen, und seine Flucht bewies, dass er keine kontrollierbare Variable war.
Unterdessen sprach ich am Lagerfeuer mit den anderen. Der Ork war lediglich ein angeheuerter Söldner. Der Mensch stellte sich als Roderick Sturmwacht vor, ein Paladin des Ordens der Weißen Templer. Durch ihn erfuhr ich, dass tatsächlich dreißig Jahre vergangen sind. Heute ist der 10. April des Jahres 997, und wir befinden uns in den Gollfelsen im Westen der Geschmolzenen Bucht.
Die Gruppe war aus Hogast aufgebrochen, um den seltsamen Vorkommnissen in dieser Gegend nachzugehen. Oger fliehen aus den Bergen in die Täler und terrorisieren dort die Bevölkerung, was offenbar genügte, um den Orden aufmerksam zu machen. Für mich ist es zunächst nur eine weitere Störung, aber eine nützliche Gelegenheit, Informationen zu sammeln und mich wieder in diese Welt einzuordnen.
Ich muss mir einen Überblick verschaffen. Dreißig Jahre sind vergangen, Machtverhältnisse können sich verschoben haben. Den Ordenin Gollwasser gab es damals noch nicht. Doch trotz allem ist dies Lidarion. Dies ist die Geschmolzene Bucht.
Ich bin wirklich zurück.
Glossar
Dieses Glossar listet alle Monster und Kreaturen auf, die in Narcelias Tagebuch erwähnt werden. Die Beschreibungen basieren auf ihren Erlebnissen, ergänzt durch allgemeines Wissen über die Kreaturen.
Belebte Rüstung (Animated Armor)
Eine belebte Rüstung ist ein magisches Konstrukt, das von arkaner Kraft zum Leben erweckt wurde, um einen bestimmten Ort oder Schatz zu bewachen. Sie erscheint als eine leere, oft prunkvolle Rüstung, die sich plötzlich von selbst bewegt und jeden Eindringling angreift. Da sie kein lebendes Wesen ist, verspürt sie weder Schmerz noch Angst und kämpft unermüdlich, bis sie zerstört wird oder ihr Befehl erfüllt ist. Narcelia traf auf eine solche Rüstung im Durst-Anwesen, wo sie ihr wiederbelebtes Skelett mühelos zerschmetterte.
Bergziegenbock (Giant Goat)
Diese Kreaturen sind weitaus größer und aggressiver als gewöhnliche Bergziegen. Mit massiven Hörnern und einer erstaunlichen Kraft sind sie in der Lage, selbst gepanzerte Gegner umzustoßen oder von Klippen zu stürzen. Narcelia begegnete einem solchen Bock während ihres Aufstiegs zum Bernsteintempel, der sie rammte und versuchte, sie in den Abgrund zu befördern.
Bernsteingolem (Amber Golem)
Bernsteingolems sind magische Konstrukte, die speziell zum Schutz des Bernsteintempels erschaffen wurden. Sie bestehen aus massivem, durchscheinendem Bernstein und sind immun gegen die meisten Formen von Magie. Ihre Aufgabe ist es, die Struktur des Tempels zu schützen und auf jede Beschädigung mit tödlicher Gewalt zu reagieren. Solange man den Tempel nicht beschädigt, verhalten sie sich jedoch neutral und patrouillieren stoisch durch die Gänge.
Brandok
Brandoks sind das dämonische Gegenstück eines höllischen Balors (MHB). Ihre Herkunft ist weitestgehend unbekannt. Sie dienen für ihre Herren, den Titanen, als Generäle auf dem ewigen Schlachtfeld Atreon, in der ersten Ebene des Abyss. Einer der bekanntesten Brandoks ist Bunar, eine legendäre Gestalt, die in der Schlacht um Cintrama kämpfte und schon vorher als unbesiegbar galt. Selbst unter den Brandoks sticht Bunar als wahrer Koloss hervor. Seine imposante Erscheinung, die eine Höhe von 30 Metern erreicht, wird durch zwei gewaltige Hämmer ergänzt, deren bloßer Anblick ausreicht, um den Mut seiner Gegner zu brechen. Mit jedem mächtigen Schlag erschüttert er den Boden und zerschlägt jeglichen Widerstand, was ihn zu einer lebenden Verkörperung unaufhaltsamer Stärke macht.
Bulette (Landhai)
Die Bulette, oft auch als „Landhai“ bezeichnet, ist ein monströses, schwer gepanzertes Raubtier, das sich knapp unter der Erdoberfläche fortbewegt. Mit einem massiven, zahnstrotzenden Maul und scharfen Klauen bricht sie überraschend aus dem Boden hervor, um ihre Beute zu verschlingen. Ihr Panzer ist extrem widerstandsfähig. Narcelia traf auf eine Bulette auf ihrem Weg nach Vallaki, konnte sie jedoch bezwingen und später als untoten Diener und Reittier wiedererwecken, den sie „Bulli“ nannte.
Cambion
Ein Cambion ist der Nachkomme eines Unholds (typischerweise eines Teufels oder Dämonen) und eines sterblichen Wesens. Sie besitzen eine Mischung aus menschlicher Erscheinung und teuflischen Merkmalen wie Hörnern, Flügeln oder einer unnatürlichen Ausstrahlung. Cambions sind von Natur aus böse, intelligent und charismatisch und nutzen ihre übernatürlichen Kräfte oft zur Manipulation und Korruption. Narcelia sah einen Cambion in einer ihrer Visionen, der einen Turm in einer höllischen Ebene bewachte.
Chimäre (Chimera)
Die Chimäre ist eine monströse, magische Bestie, die aus den Teilen verschiedener Tiere besteht. Typischerweise besitzt sie den Körper eines Löwen, die Flügel eines Drachen und drei Köpfe: einen Löwenkopf, einen Ziegenkopf und einen Drachenkopf, der Feuer speien kann. Sie sind bösartig, territorial und extrem aggressiv. Narcelia und ihre neuen Begleiter kämpften gegen mehrere Chimären in den Gollfelsen, kurz nachdem sie Barovia verlassen hatte.
Deva
Devas sind himmlische Wesen, Engel, die als Boten und Diener der Götter des Guten agieren. Sie sind mächtige Wesen aus Licht und Rechtschaffenheit. In seltenen Fällen können sie jedoch korrumpiert und ihrer göttlichen Macht beraubt werden. In den Katakomben von Burg Ravenloft fand Narcelia die Leiche einer solchen gefallenen Deva, Patrina Velikova, die offenbar durch Strahds Macht am Leben gehalten wurde und nach seinem Tod verging. Narcelia belebte sie als Untote wieder.
Drakolich (Dracolich)
Ein Drakolich ist die untote Form eines Drachen, der durch ein finsteres Ritual ewiges Leben erlangt hat. Oft wird dies von Kulten durchgeführt, die dem bösen Gott Vegnar dienen. Ein Drakolich behält die Intelligenz und die meisten Fähigkeiten, die er im Leben hatte, ist aber weitaus bösartiger und schwerer zu vernichten, da seine Seele oft an ein Phylakterium gebunden ist. Narcelia erfuhr von einem solchen Kult in Splitus, der versuchte, einen Drakolich zu erschaffen.
Druiden (Druids)
Druiden sind normalerweise Hüter der Natur, die im Einklang mit der Wildnis leben. Die Druiden, denen Narcelia in Barovia begegnete, waren jedoch fanatische und bösartige Anhänger Strahds. Sie korrumpierten die Natur, erschufen Kreaturen wie Zweigplagen und stahlen die „Saat“ des Weinguts, um die Wer-Raben zu schwächen. Ihr Ziel war es, Strahds Herrschaft zu festigen, indem sie die natürlichen Gleichgewichte des Tals zu seinen Gunsten störten.
Eiswölfe (Dire Wolves)
Dies sind außergewöhnlich große und wilde Wölfe, die in den eisigen Regionen Barovias leben. Sie sind deutlich größer als normale Wölfe und besitzen einen eisigen Odem, der Fleisch und Knochen gefrieren lassen kann. Narcelia traf auf zwei dieser Bestien, als sie auf der Jagd nach Rotwild waren. Nachdem sie sie besiegt hatte, belebte sie sie als untote Reittiere wieder.
Flameskull
Ein Flameskull ist der schwebende, in Flammen gehüllte Schädel eines toten Magiers, der durch dunkle Magie als unermüdlicher Wächter wiederbelebt wurde. Er behält einen Teil seiner arkanen Macht und kann Feuerzauber wirken. Eine besonders gefährliche Eigenschaft ist ihre Fähigkeit zur Rejuvenation: Wenn ein Flameskull zerstört wird, kann er sich nach einiger Zeit von selbst wieder zusammensetzen, solange seine Überreste nicht mit Weihwasser behandelt werden. Narcelia traf im Bernsteintempel auf mehrere dieser Kreaturen.
Gargoyle
Gargoyles sind monströse, steinerne Kreaturen, die oft als architektonische Verzierungen an Gebäuden oder Brücken getarnt sind. Sie können aus ihrer steinernen Starre erwachen, um Eindringlinge anzugreifen. Sie sind bösartig, besitzen eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen gewöhnliche Waffen und greifen oft aus der Luft mit ihren scharfen Klauen an. Narcelia und ihre Gefährten wurden auf einer Brücke von mehreren Gargoyles angegriffen, die sich als Statuen getarnt hatten.
Geister (Ghosts)
Geister sind die körperlosen Seelen von Verstorbenen, die durch ein ungelöstes Trauma oder eine unerledigte Aufgabe an die Welt der Lebenden gebunden sind. Sie können durch Wände gehen und ihre Berührung kann Lebenskraft entziehen. Oft sind sie an einen bestimmten Ort oder ein Objekt gebunden. Narcelia traf im Durst-Anwesen auf mehrere Geister, nachdem sie eine Kristallkugel zerstört hatte, und lernte, dass das Sonnenschwert ihnen besonders zusetzt.
Guhle (Ghouls)
Guhle sind monströse Untote, die sich von Leichenfleisch ernähren. Sie sind oft in Gruppen anzutreffen und jagen mit einer wilden, animalischen Intelligenz. Ihre Klauen können eine lähmende Krankheit übertragen, die ihre Opfer wehrlos macht. Narcelia kämpfte in den Katakomben des Durst-Anwesens gegen mehrere Guhle und war von ihrer Hartnäckigkeit und Stärke überrascht. Sie lernte auch, dass diese Kreaturen zögern können, eine „Berührte“ wie sie anzugreifen.
Grünes Tentakelmonster
Im Keller des Durst-Anwesens, in einer Nische hinter dem Opferaltar, lauerte eine monströse Kreatur mit grünen Tentakeln. Sie erhob sich aus einer dunklen Brühe, nachdem Narcelia und Xarla ein Menschenopfer dargebracht hatten, um einen Geist zu besänftigen. Das Monster verschlang gierig die Überreste des Opfers und zog sich dann wieder zurück. Seine genaue Natur und Herkunft blieben unbekannt.
Hexen (Witches)
Ähnlich wie Vetteln sind Hexen bösartige, magiebegabte Frauen, die oft in Zirkeln leben und dunkle Rituale praktizieren. Sie nutzen ihre Macht, um andere zu manipulieren, zu verfluchen oder zu verletzen. Ihre Magie ist oft an einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Quelle der Macht gebunden. Narcelia traf im Bernsteintempel auf eine Gruppe von Hexen, die ihr den Weg versperrten und die sie schnell mit Feuerbällen vernichtete.
Hydra
Die Hydra ist eine reptilienartige, vielköpfige Bestie. Ihre bekannteste und gefürchtetste Eigenschaft ist ihre Regeneration: Für jeden abgetrennten Kopf wachsen zwei neue nach, es sei denn, die Wunde wird sofort mit Feuer kauterisiert. Narcelia selbst traf nie auf eine lebende Hydra, fand aber ein mächtiges Amulett, das aus dem Magiekristall gefertigt war, der aus dem Herzen einer Hydra stammte und immense regenerative Kräfte verlieh.
Lich
Ein Lich ist ein mächtiger, untoter Magier, der durch ein finsteres Ritual Unsterblichkeit erlangt hat. Um dies zu erreichen, muss der Magier seine Seele in einem magischen Gefäß, einem Phylakterium, speichern. Solange das Phylakterium intakt ist, kann der Lich nicht endgültig vernichtet werden und sein Körper wird sich nach seiner Zerstörung wieder zusammensetzen. Narcelia traf im Bernsteintempel auf den Lich Exethander, dessen Geist durch Strahds Manipulationen zerrüttet war.
Mimik (Mimic)
Eine Mimik ist ein monströses, formwandelndes Raubtier, das die Gestalt von unbelebten Objekten annehmen kann, am häufigsten die einer Schatztruhe. Sie lauert so auf unvorsichtige Abenteurer. Ihre Haut sondert eine klebrige Substanz ab, die es ihr ermöglicht, ihre Beute festzuhalten, sobald diese sie berührt. Narcelia traf im Durst-Anwesen auf eine Mimik, die als Truhe getarnt war. Nach einem harten Kampf belebte sie die Mimik wieder und trainierte sie, die Form einer prunkvollen Rüstung anzunehmen, die sie fortan als Schutz trug.
Nefriti
Der Nefriti ist ein mächtiger Feuerdjinn, ein Elementarwesen aus der Ebene des Feuers. Er beherrscht Feuerzauber und ist selbst immun gegen Hitze. In Narcelias Tagebuch diente ein Nefriti als einer von Strahds Leibwächtern und wurde beauftragt, sie nach dem Waffenstillstand in Ravenloft zu bewachen.
Oni
Der Oni ist eine Art bösartiger Oger-Magier, der seine Gestalt verändern kann. In seiner wahren Form ist er ein furchterregendes, oft blau- oder grünhäutiges Monster mit Hörnern und Stoßzähnen. Oni sind hochintelligent und verschlagen, nutzen ihre Verwandlungsfähigkeiten, um sich in humanoide Gesellschaften einzuschleichen und von innen heraus Verderben zu säen. Narcelia traf auf einen Oni, der gezielt Jagd auf Untote machte.
Phantome
Dieser Begriff beschreibt körperlose Untote, die oft als schemenhafte oder geisterhafte Erscheinungen auftreten. Im Gegensatz zu Geistern sind sie nicht unbedingt an einen Ort oder eine Aufgabe gebunden, sondern entstehen oft aus reiner negativer Energie oder als Überreste mächtiger, dunkler Rituale. Narcelia traf in der Burg Argynvostholt auf eine Gruppe von Phantomen, die sie und ihre Verbündeten angriffen.
Rattenschwarm (Swarm of Rats)
Ein Rattenschwarm ist keine einzelne Kreatur, sondern eine wimmelnde Masse hunderter Ratten, die als eine Einheit agieren. Sie können sich durch kleinste Spalten zwängen, beißen unablässig und können Krankheiten übertragen. Einzeln sind sie schwach, aber als Schwarm sind sie eine ernstzunehmende Bedrohung. Narcelia musste sich in den Katakomben des Durst-Anwesens einem solchen Schwarm stellen.
Riesenspinnen (Giant Spiders)
Diese Kreaturen sind weitaus größer und gefährlicher als ihre normalen Artgenossen. Sie leben oft in dunklen Wäldern oder Ruinen, wo sie riesige, klebrige Netze spinnen, um ihre Beute zu fangen. Ihr Biss ist oft giftig und kann ihre Opfer lähmen oder töten. Der Südflügel von Burg Argynvostholt war vollständig von diesen Kreaturen und ihren Netzen befallen.
Roc
Der Roc ist ein gigantischer Greifvogel von kolossaler Größe, dessen Flügelspannweite ganze Schiffe in den Schatten stellen kann. Sie nisten auf den höchsten Berggipfeln und jagen große Beutetiere, einschließlich Riesen, Elefanten oder unvorsichtige Reisende. Narcelia und Xarla wurden auf einer Brücke im Gebirge von einem Roc angegriffen, der eine andere Reisende vor ihren Augen in die Tiefe stürzte.
Schatten (Shadows)
Schatten sind heimtückische, körperlose Untote, die in der Dunkelheit lauern. Sie sehen aus wie dunkle Verzerrungen der Realität und können sich lautlos bewegen. Ihre Berührung ist besonders gefährlich, da sie nicht den Körper, sondern die Stärke und Lebensessenz ihrer Opfer entzieht. Kreaturen, die von einem Schatten getötet werden, erheben sich oft selbst als Schatten.
Schatten-Drache (Shadow Dragon)
Ein Schattendrache ist ein Drache, der lange Zeit im Schattenfell (einer dunklen Parallelebene) gelebt hat oder durch dunkle Magie korrumpiert wurde. Seine Schuppen werden durchscheinend und dunkel, und er erhält die Fähigkeit, sich in Schatten zu verbergen. Sein Odem ist kein Feuer oder Eis mehr, sondern ein Strahl nekrotischer Energie, der das Leben selbst verzehrt. Strahd benutzte einen solchen Drachen als Reittier, um sein Reich zu überblicken.
Schlurfer (Shambling Mound)
Ein Schlurfer, oder auch Schlingender Hügel, ist eine große, halbintelligente Ansammlung von verrottendem, pflanzlichem Material, das durch einen Blitzschlag oder seltsame Magie zum Leben erweckt wurde. Er bewegt sich langsam, aber unaufhaltsam und versucht, seine Opfer zu umschlingen und zu verschlingen, um sie in seinem Körper zu verdauen und weiter zu wachsen. Sie sind besonders widerstandsfähig gegen Blitze, die sie sogar heilen können.
Silberdrache (Silver Dragon)
Silberdrachen gehören zu den metallischen, gut gesinnten Drachen. Sie sind bekannt für ihre Liebe zu Humanoiden und nehmen oft deren Gestalt an, um unter ihnen zu leben. Sie sind ehrenhaft und bekämpfen das Böse, wo immer sie es finden. Argynvost, der ehemalige Herr von Argynvostholt, war ein solcher Silberdrache. Nach seiner Niederlage gegen Strahd wurde sein Geist und der seiner Ritter zu untotem Dasein verdammt, bis sein Schädel in die Burg zurückgebracht wird, um das Leuchtfeuer wieder zu entzünden.
Skelett (Skeleton)
Ein Skelett ist die einfachste Form eines wiederbelebten Untoten. Durch nekromantische Magie werden die Knochen eines Verstorbenen animiert, um als willenloser Diener oder Soldat zu kämpfen. Sie besitzen keine Intelligenz und folgen nur den Befehlen ihres Erschaffers. Narcelia lernte früh, ihre nekromantische Gabe zu nutzen, um Skelette aus den Überresten von Gefallenen zu erwecken und als ihre ersten Diener zu kontrollieren.
Specter
Ein Specter ist ein bösartiger, körperloser Untoter, der aus dem Geist eines Lebewesens entsteht, das eines gewaltsamen oder ungerechten Todes gestorben ist. Im Gegensatz zu Geistern sind Specter von reinem Hass auf alles Lebende erfüllt. Ihre Berührung entzieht Lebenskraft, und sie verabscheuen das Sonnenlicht. Narcelia wurde im Durst-Anwesen von einem Specter angegriffen, konnte ihn aber besiegen und anschließend unter ihre Kontrolle zwingen.
Tiger
Ein großes, gestreiftes Raubtier, das für seine Stärke, Geschwindigkeit und Wildheit bekannt ist. Während des „Sonnenfests“ in Vallaki wurde ein riesiger Tiger aus seinem Käfig befreit, um Chaos zu stiften und den Sturz des Barons einzuleiten. Er wütete auf dem Dorfplatz, bis er von Izek, der rechten Hand des Barons, in einem brutalen Kampf getötet wurde.
Vampir (Vampire)
Vampire sind untote Kreaturen, die sich von dem Blut der Lebenden ernähren, um ihre unsterbliche Existenz aufrechtzuerhalten. Sie besitzen übermenschliche Stärke, Geschwindigkeit und die Fähigkeit, ihre Gestalt zu verändern (oft in Fledermäuse oder Wölfe). Viele mächtige Vampire können ihre Opfer mit einem Blick dominieren oder charmieren. Ihre größte Schwäche ist das Sonnenlicht, das sie verbrennt und vernichten kann. Strahd von Zarovich war der Vampirfürst von Barovia und ein besonders altes und mächtiges Exemplar dieser Art.
Vampirbrut (Vampire Spawn)
Eine Vampirbrut ist eine Kreatur, die von einem Vampir getötet und anschließend als untoter Diener wiedererweckt wurde. Sie stehen unter der vollständigen Kontrolle ihres Schöpfers und besitzen viele der Stärken eines echten Vampirs, sind aber schwächer. Sie können keine eigene Brut erschaffen. Nur wenn eine Vampirbrut das Blut ihres Meisters trinkt, kann sie zu einem vollwertigen, freien Vampir werden. Narcelia kämpfte in der Sargmacherei von Vallaki gegen eine Gruppe von Vampirbrut und belebte später zwei von ihnen als ihre eigenen Diener wieder.
Vettel (Hag)
Vetteln, auch als Hexen bekannt, sind monströse, bösartige Fey-Kreaturen mit großer magischer Macht. Sie treten oft als alte, hässliche Frauen auf, können aber ihre Gestalt verändern, um ihre Opfer zu täuschen. Sie genießen es, Leid und Verderben zu säen und gehen oft grausame Handel mit Sterblichen ein. Narcelia traf in der alten Windmühle auf eine Vettel namens Morganta und ihre beiden „Töchter“, die „Traumgebäck“ verkauften – ein Gebäck, das süchtig macht und aus den Knochen von Kindern hergestellt wird.
Vrock
Vrocks sind große, vogelähnliche Dämonen, die dem Abyss entstammen. Sie haben die Gestalt eines riesigen Geiers mit menschlichen Armen, sind bösartig und genießen Zerstörung. Sie können einen ohrenbetäubenden Schrei ausstoßen und Sporenwolken freisetzen, die ihre Opfer vergiften. Narcelia begegnete zwei Vrocks am Eingang zum Bernsteintempel und belebte sie nach ihrem Sieg als untote Diener wieder.
Wer-Raben (Wereravens)
Wer-Raben sind Lykanthropen, die die Gestalt von Menschen, Raben oder einer Hybridform annehmen können. Im Gegensatz zu den meisten Werwölfen sind die Wer-Raben von Barovia, die sich „Hüter der Feder“ nennen, von guter Gesinnung. Sie bilden ein geheimes Netzwerk, das Widerstand gegen Strahd leistet, Informationen sammelt und versucht, den Bewohnern des Tals zu helfen. Sie betreiben das Weingut „Der magische Magier“.
Werwölfe (Werewolves)
Werwölfe sind Lykanthropen, die unter dem Einfluss eines Fluchs oder durch Vererbung die Fähigkeit besitzen, sich in einen Wolf oder eine monströse Wolf-Mensch-Hybridform zu verwandeln. In ihrer Wolfs- oder Hybridform sind sie extrem stark, schnell und wild. Ihr Biss kann den Fluch der Lykanthropie auf andere übertragen. Gewöhnliche Waffen können ihnen kaum etwas anhaben; nur versilberte oder magische Waffen sind wirklich effektiv. Narcelia traf auf ein Rudel Werwölfe im Wald nahe der alten Mühle.
Wight
Ein Wight ist ein intelligenter Untoter, der aus einer Seele voller Bosheit und Gier entstanden ist. Sie sind oft an Gräber oder Horte gebunden, die sie im Leben besaßen. Ihre Berührung kann die Lebensenergie ihrer Opfer entziehen, und jede Kreatur, die durch einen Wight getötet wird, erhebt sich als willenloser Zombie unter dessen Kontrolle. Sie sind empfindlich gegenüber Sonnenlicht. Narcelia kämpfte in der Grube unter Burg Ravenloft gegen einen Wight.
Zweigplagen (Twig Blights)
Zweigplagen sind kleine, bösartige Pflanzenkreaturen, die aussehen wie wandelnde Bündel aus Zweigen und Ästen. Sie entstehen oft in Wäldern, die von einer bösen Macht korrumpiert wurden, wie etwa durch den Einfluss der Druiden auf Yesterhügel. Sie greifen in großen Gruppen an und versuchen, ihre Opfer mit ihren klauenartigen Zweigen zu zerreißen. Sie sind besonders anfällig für Feuer.